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Acht Jahre dauerte das Pontifikat Papst Benedikts XVI.
Acht Jahre dauerte das Pontifikat Papst Benedikts XVI.(Foto: REUTERS)

Der Papst verlässt den Vatikan: Benedikt war ein schwacher Herrscher

Von Christoph Herwartz

In welche Richtung soll sich die katholische Kirche entwickeln? Die Kardinäle haben in diesen Tagen eine schwierige Frage zu beantworten. Das liegt auch daran, dass Papst Benedikt kaum Richtungsentscheidungen getroffen hat. Dafür war er zu schwach.

"Dieser Papst wird als einer der einsamsten Päpste in die Geschichte eingehen", sagte Andreas Englisch vor einigen Tagen im Interview mit n-tv.de. Der Biograf Papst Benedikts XVI. hat so gute Einblicke wie kaum ein anderer in die undurchsichtigen Vorgänge im Vatikan. Der Papst habe das Gefühl gehabt, dass viele Leute in der Kirche gegen ihn arbeiteten.

Dabei muss die Kirche auf Veränderungen reagieren. Benedikt scheint das auch erkannt zu haben. Ohne die offenen Baustellen der Kirche direkt anzusprechen, machte er in den vergangenen Tagen Andeutungen, die auf die Turbulenzen anspielen: "Die Welt, die sich so schnell verändert, wird heute durch Fragen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, hin- und hergeworfen", sagte er in seiner Rücktrittserklärung. "Gott wird seine Kirche nicht kentern lassen", waren seine Worte bei der letzten Generalaudienz. Immer wieder fordert er "Erneuerung".

Doch um die Kirche zusammenzuhalten, fehlt es ihm an Durchsetzungskraft im Vatikan. Er habe sich allein gelassen gefühlt, sagt Papst-Kenner Englisch, und dass er nicht "von all seinen Mitarbeitern getragen" worden sei. Zuletzt zeigte der "Vatileaks"-Skandal, wie schlecht es um Benedikts Führungskraft bestellt war. Sein Vorgänger Johannes Paul hätte bei Fehlern seiner Mitarbeiter "ohne jeden Zweifel auf den Putz gehauen", sagte Englisch schon im vergangenen Jahr. Benedikt dagegen gab viele Aufgaben ab und hatte nur einen kleinen Kreis enger Vertrauter, auf die er sich wirklich verlassen konnte. Nun zieht er die Konsequenz und tritt als erst zweiter Papst in der 2000-jährigen Geschichte der Kirche ab. Die Existenz eines "Schwulen-Netzwerks" im Vatikan ist nur ein Gerücht. Bei allem, was man über Benedikts Führungsschwäche weiß, erscheint es aber nicht vollkommen unrealistisch.

Vieles angegangen, wenig zu Ende gebracht

In anderen Zeiten wäre nicht weiter aufgefallen, dass der Papst sich kaum durchsetzen kann. Jahrhundertelang tat sich in der katholischen Kirche wenig, Richtungsentscheidungen mussten nicht getroffen werden. Dem Wandel in der Welt versuchte sich die Kirche schon immer zu entziehen. Eine Ausnahme bildet das Zweite Vatikanische Konzil, das Papst Johannes XXIII. in den 1960er Jahren einberief und das die Kirche zur Welt öffnete. Seitdem hat sich die Welt allerdings wieder stark gewandelt und tut das immer schneller. Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. konnte mit seinem Charisma trotz der Widersprüche ein gewisses Maß an Geschlossenheit herstellen, ohne dass er die Kirche reformieren musste.

Benedikt befasste sich mit vielen Fragen, die an die Kirche gestellt werden, ohne eine echte Antwort darauf zu finden. So ließ er Frauen in der Hierarchie des Vatikans höher aufsteigen als jemals zuvor, ihrer systematischen Diskriminierung setzte er aber nichts entgegen. Er traf sich mit Menschen, die von katholischen Priestern missbraucht worden waren, doch immer noch werden Täter geschützt anstatt zur Rechenschaft gezogen. Zwar gibt es einen ökumenischen Dialog, doch die gemeinsame Kommunion mit Christen anderer Konfessionen ist tabu. Man kann es als Erfolg sehen, dass sich der Papst mit Fragen der Verhütung beschäftigte - und sie in der Folge in sehr speziellen Einzelfällen erlaubte - doch das Problem der massiven HIV-Ausbreitung ist damit noch lange nicht gelöst.

Konservative Lehre blieb unangetastet

Die Suche nach einer Überschrift zu seinem Pontifikat fällt schwer. Auf der einen Seite deuten viele Zeichen in eine extreme, konservative Richtung: die Wiedereinführung von Mundkommunion und lateinischer Messe, die Wiederaufnahme eines Holocaustleugners. Auf der anderen Seite loben ihn Vertreter von Juden und Muslimen für die offene und herzliche Art, mit der er ihnen begegnete.

Den Kern seiner konservativen Lehre ließ Benedikt unangetastet. Der intellektuelle Theologe rief stets dazu auf, sich vom Zeitgeist nicht beirren zu lassen. Der Aufgabe, diesen Kurs gegen alle Widerstände zu verteidigen, fühlt sich Benedikt nicht gewachsen. Ein Grund dafür ist seine körperliche Verfassung. Er wirkt mager und schwach, soll schlecht hören und sehen. Vielleicht ist er aber auch der Meinung, dass generell ein Jüngerer die Zukunftsvisionen für die Kirche entwerfen sollte. Nun will Joseph Ratzinger als "emeritierter Papst" der Kirche "durch ein Leben im Gebet dienen". In die Geschäfte seines Nachfolgers will er sich nicht einmischen. Der nächste Papst soll selbst entscheiden können, wie er mit den Widersprüchen der Kirche umgeht.

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Quelle: n-tv.de

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