Politik
"Wir sind Orlando" erinnert an "Wir sind Charlie" - aber sind die Taten vergleichbar?
"Wir sind Orlando" erinnert an "Wir sind Charlie" - aber sind die Taten vergleichbar?(Foto: AP)
Dienstag, 14. Juni 2016

Terror in Orlando und Paris: Nicht jeder Amoklauf ist ein IS-Anschlag

Von Nora Schareika

Was für die Toten und deren Angehörige Spitzfindigkeiten sind, macht politisch einen großen Unterschied. Wenn die Taten Einzelner unbesehen dem IS zugeordnet werden, profitiert nicht nur die Terrormiliz, sondern auch Leute wie Donald Trump.

Ergibt es einen Unterschied, ob ein Massenmord von der Terrororganisation IS in Auftrag gegeben wurde oder ob ein Irrer sich eine Maschinenpistole besorgt, drauflosmordet und dann behauptet, er sei IS-Mitglied? Für die Opfer von Orlando und Magnanville und deren Angehörige ist der Unterschied sicher marginal und ändert nichts an der schrecklichen Wirklichkeit. Für die politische Bewertung der Taten macht es aber einen großen Unterschied. In Frankreich könnten dadurch die Probleme fortbestehen, die junge Männer zu Attentätern werden lassen. In den USA könnte das den Wahlkampf entscheiden.

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Die Morde von Orlando und Paris als IS-Attentate zu deklarieren, macht den IS größer, als er tatsächlich ist. Die Dschihadistenmiliz steht in Syrien und im Irak unter Dauerfeuer, hat große Gebiete verloren. Es wird als neue Strategie bewertet, dass die Terrormiliz über ihre Medienorgane zu Anschlägen im Westen aufruft. Die Anschläge von Brüssel passten zu dieser Lesart. Zum Fastenmonat Ramadan, der vor wenigen Tagen begann, rief der "Sprecher" des IS abermals Anhänger dazu auf, vorzugsweise in Europa und den USA.

Wenn Einzelne sich davon angesprochen fühlen, ist das natürlich ein Erfolg für den IS und ein gefährliches Problem für die Sicherheitsbehörden. Die verbreitete Logik, wonach nicht jeder Muslim ein Terrorist, aber jeder Terrorist ein Muslim sei, und "der Islam" deshalb "schuld", führt bei den jüngsten Bluttaten jedoch zu falschen Schlussfolgerungen. So banal es klingt: Nicht jeder Amoklauf ist ein IS-Anschlag, auch wenn der Attentäter und die Terrormiliz das behaupten.

Zwei Täter, zwei Geschichten

Beim Attentäter von Orlando, Omar Mateen, ist nicht auszuschließen, dass ihn frühere Attentate des IS oder von Einzeltätern nach dem Schema "einsamer Wolf" inspiriert haben. Was ihn zum 49-fachen Mörder werden ließ, war indes weit komplexer. Zwei Tage nach seinem Amoklauf zeichnet sich ein Bild des US-Amerikaners mit afghanischen Wurzeln ab, für den eine islamistische Radikalisierung allenfalls ein Randmotiv gewesen sein kann.

Er war offenbar eine in vielerlei Hinsicht schwierige und belastete Persönlichkeit. Möglicherweise nährte sich sein expliziter Hass auf Homosexuelle aus seiner eigenen verleugneten Homosexualität. Wenn der IS sich mit der Tat dieses Mannes brüstet, kann man das nur opportunistisch nennen.

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Bei dem Polizistenmörder in Magnanville, einem Vorort von Paris, spricht dagegen alles für ein inzwischen gut bekanntes Täterprofil: Kindheit in sozialen Brennpunkten, Chancenlosigkeit gepaart mit der Unfähigkeit, trotzdem etwas aus sich zu machen. Es folgen Verdruss, Kriminalität und schließlich islamische Radikalisierung im Internet. Der 25 Jahre alte Larossi Abballa ermordete einen Polizisten, nahm dessen Frau als Geisel und ermordete auch sie, bevor er von Sondereinheiten erschossen wurde. Vor wenigen Wochen bekannte er sich erstmals zum IS. Vor knapp drei Jahren hatte Abballa seinen Werdegang vor Gericht selbst als typisch bezeichnet. Er habe keinen Abschluss und keine Arbeit gehabt und Anerkennung gesucht, rechtfertigte er damals seine Tätigkeit als Schleuser für französische Dschihadisten nach Pakistan, für die er angeklagt war.

Dass der französische Präsident François Hollande von einem "Terrorakt" sprach, ist so gesehen richtig. Dazu passt die Erklärung aus der IS-Propagandaabteilung, Abballa sei ein IS-Kämpfer gewesen. "Kämpfer des Islamischen Staats tötet Vizechef der Polizeistation von Les Mureaux und seine Frau mit Stichwaffen nahe Paris", verkündete das IS-Sprachrohr Amaq.

Dschihad als allzu weltlicher Protest

Der französische Islamwissenschaftler Olivier Roy hat die These von der "Islamisierung des Radikalismus" geprägt. Hinter den als islamistisch eingestuften Attentaten in Europa steht demnach ein nur vordergründiger religiöser Extremismus, der ein Vehikel für ganz andere Beweggründe ist. In Frankreich oder Belgien etwa ermöglichen laut Roy erst die hoffnungslosen Lebensverhältnisse der Einwandererkinder in den Problemvierteln solche Radikalisierung. "Es ist eine Jugendrevolte", sagt der Franzose mit Blick auf das immer wiederkehrende Attentäterprofil. Die islamistische Legende von Märtyrertum und Paradies weist den Hoffnungslosen praktischerweise auch noch einen Ausweg aus ihrer eigentlich zutiefst nihilistischen Lebenseinstellung.

Die politische Konsequenz aus dieser Erkenntnis müsste sein, dass ein stärkerer Fokus auf die Bedingungen gelegt wird, in denen Islamismus im Westen gedeiht. Stattdessen suchen insbesondere die Islamkritiker lieber nach passenden Koranzitaten, die dann die grundsätzliche Gefährlichkeit des Islams belegen sollen. Und in Frankreich folgt aus dem hausgemachten Problem nur, dass die Sicherheitsbehörden nun noch wachsamer sein wollen, vor allem wegen der laufenden Fußball-EM.

In den USA profitiert der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump paradoxerweise mit seiner Anti-Islam-Kampagne genauso von dem Massenmord in Orlando wie der IS selbst. Anhänger klopfen Trump auf die Schulter wegen seiner Warnungen vor "dem Islam". Zu seinen Wahlkampfforderungen gehört ein Einreiseverbot für Muslime. Dass das im Falle Omar Mateen, der vor 29 Jahren in New York geboren worden war, überhaupt keinen Unterschied gemacht hätte, scheint Trump nicht zu tangieren. Für Trumps Kampagne ist Orlando ein Geschenk - genauso für die Terrororganisation. Denn der IS war bisher glücklicherweise selbst gar nicht in der Lage dazu, ein Attentat größeren Ausmaßes in den USA zu verüben.

Quelle: n-tv.de

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