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Um Sport geht es bei Hamburgs Olympiabewerbung nur am Rande, kritisieren die Gegner des Konzepts.
Um Sport geht es bei Hamburgs Olympiabewerbung nur am Rande, kritisieren die Gegner des Konzepts.(Foto: picture alliance / dpa)

Interview zum Olympia-Referendum: "Eine Bankrotterklärung an Hamburgs Senat"

Am Sonntag stimmen die Hamburger über die Olympia-Bewerbung der Hansestadt für 2024 ab, letzte Umfragen deuten auf einen knappen Ausgang. Olympia oder Nolympia? Für Dennis Pauschinger stellt sich die Frage nicht. Der Wissenschaftler ist Mitautor eines olympiakritischen Papiers zur Hamburger Bewerbung und übt nicht nur strukturelle Kritik am Konzept, sondern auch am Internationalen Olympischen Komitee. Im Interview mit n-tv.de erklärt Pauschinger, warum er die IOC-Reform-Agenda 2020 für eine Worthülse hält, warum er dem Hamburger Senat trotz des Referendums mangelnde Bürgerbeteiligung vorwirft, wie wirklich nachhaltige Olympische Spiele aussehen könnten - und warum manche Slogans der Pro-Kampagne die Bewerber bloßstellen.

Herr Pauschinger, wem vertrauen Sie mehr: Dem Hamburger Senat oder dem Internationalen Olympischen Komitee?

Dennis Pauschinger: Gute Frage, schwierige Frage. Dem IOC vertraue ich nicht. Dazu hat es mich in der Vergangenheit zu oft enttäuscht, auch unter dem deutschen Präsidenten Thomas Bach. Dem Hamburger Senat gegenüber bin ich in der Olympiafrage sehr skeptisch eingestellt.

Sie sind Mitautor eines Positionspapiers mehrerer misstrauischer Hamburger Wissenschaftler, das ein "Nein" beim Olympia-Referendum empfiehlt - und der Bewerbung "manipulative Züge" attestiert. Was kritisieren Sie konkret?

Dennis Pauschinger
Dennis Pauschinger

Wir sehen manipulative Züge, weil auf dem Wahlformular keine Frage formuliert ist, sondern eine Aussage: Ich bin dafür, dass Hamburg sich um Olympia bewirbt. Auch vor dem Referendum gab es von Regierungsseite keine richtigen Partizipationsprozesse. Wenn es etwas gab wie Bürgerdialoge, dann waren die nicht ergebnisoffen. Es ging immer um das "Wie wollen wir Olympia". Nie darum, ob wir es überhaupt wollen. Statt auch einmal Risiken zu thematisieren wurde immer nur von Chancen gesprochen.

Dennis Pauschinger ...

... promoviert als Erasmus+ Fellow am Institut für Kriminologische Sozialforschung der Universität Hamburg und der Universität Kent zum Thema Sicherheitsmodelle bei Mega-Sport-Events. Zwischen April und November 2014 hat er dafür in Rio de Janeiro zu den Fallbeispielen WM 2014 und Olympia 2016 geforscht. Im Zuge der Hamburger Olympiabewerbung war Pauschinger Mitautor eines kritischen Positionspapiers, das unter www.olympiakritik-aus-der-wissenschaft.de veröffentlicht wurde.

Die Befürworter rühmen sich damit, als einzige der fünf Kandidatenstädte die Bürger zu befragen und zu beteiligen. Welche Reaktion gab es nach Veröffentlichung ihres kritischen Positionspapiers Mitte Oktober vom Hamburger Senat?

Zumindest keine, die an uns gerichtet waren. Die Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank hat zwar öffentlich gesagt, dass sie sich über Kritik freut. Aber es gab keine uns bekannte inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Papier.

Über welche Olympia-Risiken für Hamburg hätten Sie mit Frau Fegebank gern diskutiert?

Zum Beispiel über die Gefahr sozialer Verdrängung, steigende Mieten durch Olympia oder die Tatsache, dass Olympische Spiele der Idee von ökologischer Nachhaltigkeit komplett widersprechen. Das Hamburger Konzept verspricht zwar viel, Nachhaltigkeit, Klimaneutralität. Uns ist aber bislang nicht schlüssig dargelegt worden, warum das ausgerechnet hier erstmals funktionieren sollte. Wir glauben auch nicht, dass der Finanzplan tatsächlich nachhaltig und gut gerechnet ist. Die Stadt möchte nicht mehr als 1,2 Milliarden Euro für Olympia ausgeben. Der Rest der veranschlagten 7,4 Milliarden Euro Steuergeldern soll vom Bund kommen, der immer noch keine Zusage gegeben hat. Von versteckten Kosten einmal abgesehen: Ich persönlich habe starke Zweifel, dass die Bundesregierung tatsächlich Milliarden für ein großformatiges Projekt der Hamburger Stadtentwicklung bezahlen möchte.

Sie kritisieren, dass es beim Hamburger Konzept nicht primär um Sport und die Wiederbelebung des Olympischen Geistes geht, sondern um Infrastrukturmaßnahmen - die vor allem der Bund bezahlt. Aber spricht nicht gerade die Kostenverteilung aus Sicht der Hamburger Bürger für die Bewerbung?

Fragen & Antworten zum Referendum

Worum geht es?

Darum, ob die Bewerbung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) für die Olympischen Sommerspiele 2024 in Hamburg aufrechterhalten werden soll.

Welche Mehrheiten sind dafür erforderlich?

Eine einfache Mehrheit von 50 Prozent plus X allein ist nicht ausreichend. Überdies müssen mindestens 20 Prozent der Wahlberechtigten mit Ja stimmen. Bei rund 1,3 Millionen Stimmberechtigten liegt das Quorum bei knapp 260.000 Stimmen.

Wann gibt es erste Ergebnisse?

Die Wahllokale sind von 8 bis 18 Uhr geöffnet. Ab 20 Uhr ist mit ersten Trends zu rechnen, das vorläufige amtliche Endergebnis soll bis 22.00 Uhr vorliegen. Die Auszählung kann unter www.olympia-referendum.de verfolgt werden.

Wie sehen die letzten Umfrageergebnisse aus?

Monatelang gab es in Hamburg eine deutliche Mehrheit der Befürworter von über 60 Prozent. Die letzte Umfrage ergab eine Zustimmung von 56 Prozent.

Wieviel hat die Olympiabewerbung bisher gekostet?

Seriöse Schätzungen gehen von rund sechs Millionen Euro aus. In erster Linie wurde diese Summe für Finanzplanungen und Architektenhonorare verwendet. Sollten die Hamburger am Sonntag der Bewerbung grünes Licht geben, sind bis zur Entscheidung 2017 in Lima 50 Millionen Euro veranschlagt.

Nein, weil wir als Bürgerinnen und Bürger der Stadt trotzdem mindestens 1,2 Milliarden Euro aufbringen müssen. Wenn wir uns die Stadt heute angucken, wenn mir etwa Lehrerinnen erzählen, dass sie in Brennpunktbezirken Schwierigkeiten haben Unterricht zu machen weil es zu wenig Lehrerinnen und Sozialpädagoginnen gibt, dann wäre die Olympia-Milliarde in meinen Augen kein besonders gut angelegtes Geld. Es wird zwar seit Monaten so getan, als ob das Schicksal Hamburgs an dieser Bewerbung hängt. In dieser Woche hat die von der Hamburger Wirtschaft großzügig mit Millionen versorgte Pro-Kampagne sogar noch einmal einen neuen Slogan veröffentlicht. Er lautet: "Weltstadt oder Stillstand". Das suggeriert, dass in Hamburg ohne Olympia überhaupt nichts funktioniert - und ist eigentlich eine Bankrotterklärung an den Senat. Viele Leute finden angesichts dringender Probleme wie der Flüchtlingsfrage ohnehin, wir sollten die letzten Reserven der Stadt nicht für Olympia ausgeben - finanziell und kräftetechnisch.

Kann es überhaupt ein Bewerbungskonzept für Olympia geben, das Sie unterstützen würden?

So wie das IOC momentan aufgestellt ist, kann ich mir kein Olympiakonzept vorstellen, was einer Stadt wirklich gut tun kann. Es wird zwar immer wieder die Agenda 2020 genannt, mit der sich das IOC reformieren soll …

… und die Hamburgs Bewerber explizit unterstützen möchten.

Man darf sich die Agenda 2020 aber nicht losgelöst vom Host-City-Kontrakt anschauen. Dort steht weiter geschrieben, dass alle Verantwortlichkeit bei den Olympia-Ausrichtern liegt, aber die meisten Gewinne dem IOC zu Gute kommen und dieses alleiniger Inhaber der Marke bleibt. Die Agenda 2020 hüllt das IOC lediglich in eine wohlklingende Wortwolke mit Begriffen wie Nachhaltigkeit und neue olympische Bescheidenheit. Bislang sind das aber nur Lippenbekenntnisse. Zu wirklicher Veränderung haben sie noch nicht geführt. Nicht nur im Fußball-Weltverband Fifa, auch im IOC sehe ich immer noch ein großes strukturelles Problem.

Die letzten Umfragezahlen deuten auf ein äußerst knappes Ergebnis und eine hohe Wahlbeteiligung hin. DOSB-Präsident Alfons Hörmann wünscht sich nach den Anschlägen von Paris vom Olympia-Referendum ein Signal gegen den Terror, nach dem Motto "Jetzt erst recht!". Was wünschen Sie sich?

Ich finde diese "Jetzt erst recht"-Parolen höchst fragwürdig, ja fast schon zynisch. Das suggeriert doch: Wir brauchen die Olympischen Spiele als symbolisches Signal gegen den Terror. Ich glaube nicht, dass Olympische Spiele die Durchschlagskraft haben, um solche sehr bedauernswerten Dinge wie in Paris zu verhindern. Ich stimme Herrn Hörmann aber zu, dass niemand sich aus Angst vor Terroranschlägen gegen die Olympischen Spiele entscheiden sollte oder nur deshalb dafür. Für das Referendum wünsche ich mir, dass Hamburg Olympischen Spielen in der Stadt eine klare Absage erteilt.

Wenn die Hamburger Bürger ablehnen, wäre es die sechste gescheiterte deutsche Olympiabewerbung in Folge. Der frühere Schwimm-Olympiasieger Michael Groß sagt, dann "ist Olympia in Deutschland erstmal tot".

Ob Olympia wirklich tot wäre, ist schwer zu beurteilen. Das könnte aber ein Punkt sein, an dem man sagt: Wir bewerben uns erst wieder, wenn das IOC wirklich reformiert ist. Bis dahin überlegen wir, inwiefern endlich wieder der Sport in den Mittelpunkt rücken sollte statt des Mantras der Stadtentwicklung. Vielleicht geht man auch völlig neue, alternative Wege. Es gibt jetzt schon Stimmen, die sagen, man sollte die Olympischen Spiele nur noch an einem Standort stattfinden und das IOC und seine Werbepartner dafür zahlen lassen. Das wäre dann tatsächlich nachhaltig.

Mit Dennis Pauschinger sprach Christoph Wolf

Quelle: n-tv.de

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