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Katarina Witt ist das Gesicht der Münchener Olympiabewerbung - aber reicht ihr Charme?
Katarina Witt ist das Gesicht der Münchener Olympiabewerbung - aber reicht ihr Charme?(Foto: dpa)

Milliarden-Poker um Olympia 2018: München, Momentum, Sensation?

von Christoph Wolf

München rückt sich im Dreikampf um die Winterspiele 2018 in Südafrika ein letztes Mal ins rechte Licht. Dort vergibt die illustre IOC-Vollversammlung am Mittwoch die Spiele und der deutsche Bewerber macht sich berechtigte Hoffnungen, den Topfavoriten Pyeongchang noch auszustechen.

Die vermeintlich beste Nachricht von der Olympia-Front durfte Katarina Witt verkünden. "Franz Beckenbauer ist auf dem Weg, und wir freuen uns sehr über seine Unterstützung", teilte das Gesicht der Münchner Bewerbung am Montag mit und strahlte noch ein wenig mehr als sonst: "Wir gehen mit viel Schwung in die Entscheidung. Hier zählt nur der Sieg und die Goldmedaille."

Offiziell ist der Wettstreit um die Olympischen Winterspiele 2018 noch immer ein Dreikampf. Tatsächlich wird am Mittwoch im südafrikanischen Durban, wenn die illuster und keineswegs nur mit gut beleumundeten Sportexperten besetzte IOC-Vollversammlung gegen 17 Uhr den Ausrichter der Spiele kürt, nur noch ein Duell entschieden: zwischen Pyeongchang, dem Favoriten aus Südkorea, und München. Der dritte Bewerber, Annecy aus Frankreich, darf nur noch mitmachen, weil sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) nicht die Blöße geben wollte, dass lediglich zwei Städte um sein vermeintlich heißbegehrtes Premiumprodukt Olympische Spiele balgen.

Wer im Olympia-Poker am Ende jubelt, ist völlig offen - und das ist eine Überraschung. Pyeongchang, das zum dritten Mal in Folge kandidiert und mit 88 Millionen Euro mehr Geld in seine Bewerbung investiert hat als München (33 Mio., inklusive mindestens 4 Mio. Steuergelder) und Annecy (29 Mio.) zusammen, galt lange Zeit als sicherer Sieger. Inzwischen glaubt man im Münchner Lager das Momentum auf seiner Seite, wie der Olympia-Kenner Jens Weinreich in seinem Blog feststellt. Bis zur Abstimmung im "International Convention Center" soll das Momentum nun möglichst aufrecht erhalten werden – damit das IOC seinen Olympia-Zirkus tatsächlich zum vierten Mal nach 1936 (Berlin, Garmisch-Partenkirchen) und 1972 (München) in Deutschland gastieren lassen.

Mit Bundespräsident und Beckenbauer

Maximal 110 IOC-Mitglieder stimmen in Südafrika über den Olympia-Ausrichter 2018 ab.
Maximal 110 IOC-Mitglieder stimmen in Südafrika über den Olympia-Ausrichter 2018 ab.(Foto: dpa)

Bis zur Entscheidung rotieren die Lobbyisten aller Bewerber, umgarnen die IOC-Delegierten wohl nicht nur mit lauteren Mitteln oder fliegen noch Verstärkung ein. Bundespräsident Christian Wulff wird deshalb ebenso vor Ort noch um Stimmen buhlen wie Franz Beckenbauer. Die "Lichtgestalt" wurde als Münchner Kosmopolit und gewiefter Menschenfänger auf den letzten Drücker ins Präsentationsteam gehievt, das am Mittwoch ab 8.45 Uhr noch einmal 50 Minuten Überzeugungsarbeit in eigener Sache leisten kann. Vorab frohlockt der "Kaiser" schon einmal: "Olympische Spiele fehlen mir noch."

Die Vorfreude auf den möglichen Zuschlag köchelt hierzulande allerdings noch auf bescheidenem Niveau vor sich hin, zumindest gemessen an Bewerbungskosten in Millionenhöhe, am Promi-Auflauf am indischen Ozean, an den so schönen Verheißungen von einem freundlichen Völkerfest inklusive sportlicher Höchstleistungen, als das die hochkommerzialisierten Olympischen Spiele noch immer wahrgenommen werden wollen. Und auch gemessen am medialen Großauflauf mit gleich drei übertragenden deutschen TV-Sendern. Das IOC gilt vielen - wie der korrupte Fußball-Weltverband FIFA - als sinistrer, intransparenter Verein, der seine hehren Ziele längst bedingungslosem Profitstreben geopfert hat. Dass Beckenbauer in seiner FIFA-Zeit alle Korruptionsvorwürfe gegen Vorstandskollegen ignoriert hat und nun für Olympia wirbt, passt da irgendwie ins Bild.

National pfui, international hui

In Umfragen hat sich zwar eine Bevölkerungsmehrheit für die Münchner Winterspiele ausgesprochen, aber es ist eine ebenso knappe wie leise Mehrheit geblieben. Münchens Sehnsucht, nach den Sommerspielen 1972 nun die Winterspiele 2018 ausrichten und dafür eine neue S-Bahn bauen zu dürfen, ist nicht Deutschlands Sehnsucht geworden. Die "nationale Aufgabe", zu der Kanzlerin Angela Merkel die im Erfolgsfall milliardenteure Bewerbung pathetisch verklärt und mit Bundesbürgschaften auch gemacht hat, hat das selbst erklärte Wintersportland Nr. 1 nicht angenommen. Zu groß war der Gegenwind der Olympia-Gegner und lange unwilligen Garmischer Landbesitzer. Die waren mit ihrer ebenso fundierten wie berechtigten Kritik an den exorbitanten Kosten, dem intransparenten Bewerbungshaushalt, der zwangsläufigen Umweltzerstörung, den juristischen Knebelverträgen des IOC - kurz: dem Kommerz, Gigantismus und Korruptionsruch heutiger Olympischer Spiele - auf viele offene Ohren gestoßen. Mit ihrem Bürgerbegehren für einen Stopp der Bewerbung aber waren sie Anfang Mai in Garmisch-Partenkirchen knapp gescheitert.

International haben die Münchner um Bewerbungschef Bernhard Schwank (r.) eine hervorragende Figur gemacht.
International haben die Münchner um Bewerbungschef Bernhard Schwank (r.) eine hervorragende Figur gemacht.(Foto: dpa)

Dass die "nationale Aufgabe" Olympia nach den Fehlschlägen in Berlin (2000) und Leipzig (2012) diesmal erfolgreich bewältigt wird, ist einen Tag vor der Entscheidung nun wahrscheinlicher denn je. Bei den "Herren der Ringe" haben die Münchner um Bewerbungschef Bernhard Schwank und IOC-Vizepräsident Thomas Bach mit einem starken Endspurt und überzeugenden Präsentationen inhaltlich und emotional nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Der Branchendienst "GamesBids" sagt ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen München und Pyeongchang heraus. Die Südkoreaner galten dank ihrer Finanzkraft und undemokratisch hoher Zustimmungsraten in der Bevölkerung lange Zeit als unschlagbarer Favorit galt, liegen nun aber nur noch hauchdünn vorn.

Richtungsentscheidung in Durban

"Festival der Freundschaft": Der altbackene Slogan der Münchner Olympiabewerbung könnte am Ende der Sieger-Slogan sein.
"Festival der Freundschaft": Der altbackene Slogan der Münchner Olympiabewerbung könnte am Ende der Sieger-Slogan sein.(Foto: dapd)

Der offizielle IOC-Evaluierungsbericht war Anfang Mai zum selben Ergebnis gekommen. Dass die technische Bewertung bei der Abstimmung eine große Rolle spielen könnte, ist indes unwahrscheinlich. Anders als früher fehlt dem 119-seitigen Prüfbericht nämlich eine knappe Zusammenfassung für lesefaule IOC-Mitglieder. Die Wahl zwischen München und Pyeongchang ist letztlich eine Richtungsentscheidung, auch wenn die Motive der IOC-Wahlmänner undurchschaubar bleiben: Entweder feiert sich das IOC und seine traditionelle Wintersportbegeisterung in München selbst, wie es der etwas altbackene Slogan "Festival der Freundschaft" verspricht. Münchens Oberbürgermeister Christian Ude hat den internationalen Medien in Durban ja vollmundig versprochen: "Wir garantieren volle Stadien und eine großartige Atmosphäre der Wettkämpfe im Sinne der olympischen Idee."

Oder das IOC honoriert nun doch, dass das schon zweimal knapp gescheiterte Pyeongchang den Olympioniken seit einer Dekade alle Wünsche bereitwillig erfüllt - und erschließt sich mit der Olympia-Retorte endlich die versprochenen "Neuen Horizonte", also den riesigen asiatischen Markt für den Wintersport. Die monetären Verlockungen und Wachstumspotenziale des jungfräulichen Asiens indes scheinen inzwischen etwas weniger verführerisch, weil insbesondere BMW-Vorstandsmitglied Ian Robertson auf seiner Bewerbungsmission für München zuletzt sehr erfolgreich die finanzielle Potenz deutscher Sponsoren anpreisen konnte.

Bislang liegt Europa, was die Ausrichtung Olympischer Winterspiele angeht, gegenüber Asien mit 14:2 in Führung. Eine Vergrößerung des europäischen Vorsprungs galt lange Zeit als Unmöglichkeit. Und auch wenn der südkoreanische Bewerbungschef Cho Yang Ho in Durban tapfer betont: "Wir denken nicht ans Verlieren." Das "Un" wurde längst gestrichen.

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Quelle: n-tv.de

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