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Experte Simon über inakzeptable Dopingtests: "Perverser geht es für Athleten fast nicht"

Der Kampf gegen Doping verlangt Spitzensportlern massive Einschnitte in ihr Privatleben ab. Sind sie gerechtfertigt und ethisch legitimiert? Der Doping-Experte Perikles Simon hat Zweifel. Teststatistiken deuten vielmehr darauf hin, dass die Verhältnismäßigkeit zwischen Erfolgen im Dopingkampf und den nötigen Restriktionen für die Sportler nicht gegeben ist.

Perikles Simon leitet an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz die Abteilung Sportmedizin, Prävention und Rehabilitation. Er ist ein Experte für Gendoping und ein Kritiker des aktuellen Kontrollsystems.
Perikles Simon leitet an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz die Abteilung Sportmedizin, Prävention und Rehabilitation. Er ist ein Experte für Gendoping und ein Kritiker des aktuellen Kontrollsystems.(Foto: picture alliance / dpa)

Neben veralteten Tests sieht der Sportmediziner den Grund auch im fehlenden Willen des organisierten Sports, neue Testverfahren konsequent und flächendeckend anzuwenden: "Die Ben-Johnson-Philosophie geht genau in die falsche Richtung." Im Interview mit n-tv.de erklärt Simon, welche Schlupflöcher es im Kontrollsystem gibt, wie hoch die Doping-Dunkelziffer ist - und warum Wettkampfkontrollen wesentlich effektiver sind.

Wenn man Sportfunktionären glaubt und Athleten, die über harte Kontrollen berichten, dann scheint das Doping-Testsystem durchdacht und lückenlos zu sein. Sie behaupten nun, es gebe Schlupflöcher. Welche denn?

Die Schlupflöcher bestehen in den Substanzen und Methoden, die man weiterhin anwenden kann, ohne befürchten zu müssen, dass man überhaupt erwischt werden kann. Da muss man sich fragen, ob Athleten tatsächlich sauber sind. Man kann sie zwar testen, aber man wird nichts finden.

Welche Substanzen sind das?

Zum Beispiel Humaninsulin. Das füllt den Zuckertank des Körpers viel schneller wieder auf, als man das nur auf natürlichem Wege erreichen würde. In bestimmten Sportarten ist das eine Methode, die tatsächlich im Training einiges an Leistung mehr bringt. Der Haupteinsatzbereich sind sicher Ballsportarten, Ausdauersportarten. 

Auch Fußball? 

Rein statistisch hat der Fußball kein Dopingproblem. Doch was sagen die Zahlen aus?
Rein statistisch hat der Fußball kein Dopingproblem. Doch was sagen die Zahlen aus?(Foto: imago sportfotodienst)

Auch Fußball, gerade Fußball! Weil da die Feldgröße entsprechend stark ins Gewicht fällt und die Spieler innerhalb von 90 Minuten teilweise ihre kompletten Kohlehydratreserven entleeren. Wenn die dann drei, vier Tage später wieder antreten müssen, ist es schwierig, die Zuckerspeicher bis dahin aufzufüllen. Aber Humaninsulin ist nur ein Beispiel. Andere sind Klassiker wie Epo und Testosteron. Dann gibt es auch noch Substanzen wie Aicar, die wir prinzipiell noch nicht nachweisen können. Oder auch Wachstumshormone. Da ist das Fenster, in dem man einen geschickt dopenden Athleten überführen kann, sehr klein.

Das klingt jetzt sehr speziell. 

Ja, aber ich gehe bei praktisch allen noch gängigen Dopingmethoden davon aus, dass der Athlet das nicht alleine machen wird. Ein Hochleistungssportler hatte immer schon Trainer, Ärzte, Berater, die sozusagen ein schönes Paket geschnürt haben aus Doping und Trainingsmaßnahme.

Der Gegenspieler von Dopern war immer die Wissenschaft. Stimmt hier das Bild von Hase und Igel?

Es stimmt, weil es Substanzen wie Aicar gibt, wo wir immer ein kleines Stück hinterherhinken. Um in diesem Hase-Igel-Spiel möglichst dicht dranzubleiben, bräuchten wir eine Umverteilung der Gelder im Anti-Doping-Kampf vom Test- in den Entwicklungsbereich. Momentan haben wir ein extremes Ungleichgewicht: 350 Millionen Dollar nur für Tests und die Infrastruktur. Sieben Millionen Dollar, um neue Dopingtestverfahren zu entwickeln.

Was wäre für Sie sinnvoller?  

Ich würde zunächst einmal etwas Hirnschmalz da reinstecken, um zu überlegen: Wie wenig Tests können wir durchführen, um möglichst noch die gleiche potenzielle Abschreckung im Athletenbereich zu erreichen?  Für Deutschland bin ich einfach nur mit einer Abwägung bei fifty-fifty gelandet. Wir machen etwa je 8000 Tests in Training und Wettkampf, also 16.000 Tests. Würden wir das halbieren, aber nicht verraten, wo und wie halbiert wird, wage ich zu bezweifeln, dass die Athleten das registrieren könnten. Das heißt, die Abschreckung ist weiterhin da. Und die Abschreckung ist ja anscheinend das Wesentliche, was an diesen Tests zumindest theoretisch noch funktionieren könnte. Denn wir finden ja praktisch keine positiven Fälle.

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Durch die Halbierung der Tests würde viel Geld frei werden. Was würden Sie damit tun?

Zunächst einmal müssten wir Sicherheit über unsere Testverfahren erlangen. Das heißt: Wie gut können wir falsch-positive Tests ausschließen? Da müsste eine ganze Testbatterie zu laufen. Der nächste Schritt ist dann die Entwicklung von neuen Testverfahren.  

Sind falsch-positive Tests ein Problem bei Dopingkontrollen?

Wenn man von den Erfahrungen mit medizinischen Tests ausgeht, muss man befürchten, dass bei Sperren durch Dopingtests ein nicht unbeträchtlicher Anteil an falsch-positiven enthalten sein müsste. Im Grunde müssten wir das den Athleten sagen, wie hoch das Risiko ist. Nur: Wir kennen die Wahrscheinlichkeit dafür im Anti-Doping-Bereich einfach nicht.

Das Testsystem hat offensichtlich Löcher. Wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer der Falsch-Negativen ein?

Zahlenmäßig mangelt es nicht an Dopingkontrollen. Es mangelt aber an effektiven Testverfahren.
Zahlenmäßig mangelt es nicht an Dopingkontrollen. Es mangelt aber an effektiven Testverfahren.(Foto: imago sportfotodienst)

Schwierige Frage. Eine internetbasierte Studie von Prof. Eike Emrich hat für deutsche Elite-Athleten im Erwachsenenalter eine Quote zwischen 20 und 60 Prozent Dopern ergeben. Die "New York Times" hat kürzlich berichtet, dass mit einem ähnlichen Verfahren bei der Leichtathletik-WM 2011 in Daegu 29 Prozent der Athleten angaben, für die WM gedopt zu haben. Bei den panarabischen Spielen kamen 45 Prozent heraus. Das ist eine Quote, die Experten als relativ realistisch ansehen. Vielleicht liegt sie sogar noch einen kleinen Tacken höher.  

Sie behaupten, selbst der beste Dopingtest kann durch den menschlichen Faktor innerhalb von drei Jahren zu absolutem Unsinn werden. Wie ist das zu verstehen? 

Ein Beispiel: Der Epo-Dopingtest hatte wirklich die Durchschlagskraft, im Ausdauerbereich aufzuräumen. Nachdem man den Test 2000 eingeführt hatte, sind die Leistungen auch signifikant zurückgegangen. Dann gab es noch eine zweite Testeinführung auf das Epo der zweiten Generation. Allerdings war der Schönheitsfehler, dass die Athleten bald wieder auf einem Niveau waren, als hätte man gar keinen Test zur Verfügung. An den Daten erkennen wir, dass auch sehr innovative, neue und sehr gute Tests innerhalb von etwa zweieinhalb Jahren ausgehebelt werden.  Das war wirklich eine harte Erkenntnis.

Also sind auch neue Tests nicht wirklich effektiv? 

Ben Johnson ist der prominenteste Doper der olympischen Geschichte, aber gleichzeitig Sündenbock für die Fehlleistungen des Systems Sports.
Ben Johnson ist der prominenteste Doper der olympischen Geschichte, aber gleichzeitig Sündenbock für die Fehlleistungen des Systems Sports.

Die Frage ist einfach, wie man sie einsetzt. Wenn man neue tolle Langzeitnachweisverfahren entwickelt hat, müssen die flächendeckend und vor allem auch retrospektiv an eingefrorenen Proben eingesetzt werden. Und zwar dringend und umgehend, um den Sport möglichst sauber zu kriegen. Mit so einer Aktion hätte man auch den schleichenden Tod des Radsports, wie er jetzt abläuft, weitgehend vermeiden können. Ohne solche ganz klar durchgezogenen Aktionen glaube ich nicht, dass das Testsystem erfolgreich agieren kann. Die Ben-Johnson-Philosophie, immer nur einzelne Exempel zu statuieren, geht genau in die falsche Richtung. Die Athleten sehen diesen einen Erwischten und sagen: Oh Mist, den hat es erwischt. Ihre Betreuer und die Ärzte sind derweil schon am arbeiten und überlegen, wie man dieses neue Testverfahren effektiv umgehen kann. 

Was Sie beschreiben, deutet auf ein grundlegendes Problem hin. Die Verbände machen das schließlich in vollem Wissen der Umstände.  

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Es gibt rationale Gründe dafür. Hätte zum Beispiel der Radsport 2000 flächendeckend den Epo-Test eingeführt und die Topstars wie Pantani, Ullrich und Armstrong gesperrt, hätte das zu richtigen Problemen geführt und unzähligen Klagen. Plötzlich ein ganz neues Verfahren, jeder dieser Topanwälte sucht, gestärkt durch zehn Gutachter, die Lücke, sucht den Fehler. Und angenommen, die finden einen: Da würde ich mal behaupten, wäre der Verband kaputtgegangen. Kann der Verband das wollen?

Ist die Welt-Anti-Doping-Agentur mit ihren geringen Trefferquoten ein willkommener Sündenbock?

Die Wada wird zu 50 Prozent von der Politik und zu 50 Prozent vom Sport bestimmt und finanziert. Sie ist eine Organisation mit einem Budget von 23 Millionen Dollar. Daran wird sehr schnell klar, dass damit viele Dinge gar nicht gemacht werden können. Der organisierte Sport kann damit aber offensichtlich sehr gut leben. Sonst würde er eventuell auf die Idee kommen, einfach mehr zu zahlen als die Regierungen und trotzdem das paritätische Verhältnis im Board zu akzeptieren. Macht er aber nicht. Das heißt, es gibt ganz klar Interessen der Verbände, es so zu gestalten.

Die Wada argumentiert, allein durch die Existenz von Dopingtests gibt es schon eine Abschreckung.

Die gibt es prinzipiell, es ist nur so: Man muss unterscheiden zwischen einer Abschreckung, die wirklich dazu führt, dass man von etwas ablässt. Und einer, die nur dazu führt, dass man das Verhalten in anderer Art und Weise fortführt. Im Anti-Doping-System wird momentan lediglich verhindert, dass bestimmte Dinge noch gemacht werden können - wie zum Beispiel Epo in hoher Dosis spritzen. Damit gibt es aber keine echte Abschreckung. Das ist unser Problem.

Stimmt es denn wenigstens, dass sich Wettkampfkontrollen nicht lohnen, sondern einzig Tests im Training wirksam sind?

Die Zahlen zeigen genau das Gegenteil. Es gab von einer Athletenagentur eine Analyse, wonach Trainingskontrollen 14 Mal ineffektiver sind als Wettkampfkontrollen. Wir haben die Daten nachanalysiert und kommen nur auf den Faktor 4,3. Das ist aber trotzdem noch verheerend und ganz schwer zu erklären. Der Athlet weiß ja, dass er im Wettkampf kontrolliert werden könnte. Bei Trainingskontrollen weiß er das im Idealfall nicht …

… weshalb Ex-Wada-Chef Richard Pound gern sagt: Wer im Wettkampf den Dopingtest nicht besteht, ist auch durch den Intelligenztest gefallen. Also, wie lautet die Erklärung dafür? 

Die Erklärung ist, dass bei den Trainingskontrollen irgendwo etwas schieflaufen muss. Es ist ja nicht plausibel, dass der Athlet sich ausgerechnet etwas für den Wettkampf einwirft. Das ergibt keinen Sinn. Richard Pound nennt als mögliche Erklärung, dass es für die nationalen Anti-Doping-Agenturen im Training keinen guten Grund gibt, ihre eigenen Athleten positiv zu testen. Bei den Wettkampfkontrollen testet die nationale Antidoping-Agentur auch die anderen internationalen Athleten - und scheint dort laut Pound wesentlich motivierter. Ganz ehrlich: Dieser Interpretation würde ich folgen. 

Aber das hieße ja, dass positive Befunde nicht veröffentlicht werden.  

Das muss gar nicht der Fall sein. Wenn man sich mit Leistungssportlern unterhält, wie die Dopingtests bei ihnen im Training abliefen, dann hören sie unterschiedliche Dinge. Zum Beispiel die Aussage: Ich wusste immer, wann Mai ist, dann kam nämlich meine eine Trainingskontrolle pro Jahr. Solche Aussagen machen deutlich, dass Athleten offensichtlich wissen, wann Trainingskontrollen stattfinden, obwohl sie es nicht wissen sollten. Man muss sich einfach bewusst sein: Überall in diesem Kontrollsystem, wo Menschen arbeiten, können Fehler passieren.

Trotzdem hört man viele Klagen über das sehr strikte Meldesystem und die Kontrollen im privaten Bereich. Entfällt nicht mit der Statistik zu Trainingskontrollen die Legitimation für das System?  

Im ethischen Sinne könnte man das so sehen. Es sind einige Dinge nicht erfüllt. Man kann den Athleten nicht sagen, wie hoch das Risiko ist, falsch positiv getestet zu werden. Ihnen wird auch kein Beweis vorgelegt, dass diese Trainingskontrollen etwas bringen. Offenbar wird auch ineffektiv getestet. Wenn wir das alles zusammenfügen, muss man fragen: Ist es da gerechtfertigt, out of Competition zu testen? Mein Gefühl geht dahin, dass man das so nicht ohne Weiteres durchführen kann.

Aber würde ohne Trainingskontrollen nicht jeder Athlet, der vielleicht jetzt noch abgeschreckt war, anfangen zu dopen?

Die Frage ist doch: Machen die Athleten das denn momentan nicht? Haben wir denn Zahlen darüber, ob die Athleten im Training mit all den Substanzen, die wir nicht nachweisen können, dopen oder nicht dopen? Nein, wir wissen das nicht. Wir tappen im Dunkeln. In so einer Situation ist es schwierig zu sagen: Ich habe hier einen großen Abschreckungseffekt und deswegen darf ich in die Privatsphäre der Sportler eingreifen.

Manche Sportler sagen: Die Athleten werden geopfert, um den Sport zu retten. Gibt es nur die beiden Extrempole?  

Das ist eine schwierige Geschichte, auf jeden Fall darf es so nicht sein. Ich nehme das aber selber zunehmend so wahr. Der Athlet muss minutiös Buch führen darüber, wann er sich wo befindet, damit der Kontrolleur kommen kann. Aber über das, was dann die Dopingkontrollinstanz an Akribie und Genauigkeit an den Tag legt, wissen wir wenig. Im Gegenteil. Wir wissen, dass 90 Prozent der nationalen Anti-Doping-Agenturen gegen den Wada-Code verstoßen. Mit den Daten der Athleten wird geschlampt. Da sagt der Sportler mit Recht: Warum muss man den Anti-Doping-Kampf immer auf meinem Rücken ausführen?

Was tun?

Wir haben eine Phase erreicht, wo es perverser für den Athleten fast nicht mehr werden kann. Die nächsten richtigen Schritte sind, das Kontrollsystem zu kontrollieren und zu verbessern. Weitere Intensivierungen am Athleten vorzunehmen wäre der Auswuchs eines pervertierten Systems, das in sich ruht und keine Kontrolle von außen zu befürchten hat.

Mit Perikles Simon sprachen Christian Bartlau und Christoph Wolf

Quelle: n-tv.de

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