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Oslos Olympia-Verzicht zeigt: Das IOC hat auch unter Thomas Bach ein erhebliches Demokratiedefizit.
Oslos Olympia-Verzicht zeigt: Das IOC hat auch unter Thomas Bach ein erhebliches Demokratiedefizit.(Foto: picture alliance / dpa)

Oslos Olympische Ohrfeige: Thomas Bachs IOC muss endlich aufwachen

Ein Kommentar von Christoph Wolf

Winterspiele in Wintersportnationen? Wunderbare Idee! Das findet neuerdings sogar das IOC. Tragisch ist nur: Die Länder weigern sich. Oslos Nein zu einer Bewerbung für 2022 ist eine Ohrfeige. Das IOC sollte dankbar sein.

Mit Oslos endgültiger Absage zu einer Bewerbung für die Winterspiele 2022 ist der schlimmste olympische Albtraum des IOC wahrgeworden. Doch so sehr die Entscheidung der Norweger das Internationale Olympische Komitee auch blamiert und schmerzt: Sie ist eine Chance.

Selbst IOC-Präsident Thomas Bach, der Großmeister des Ungefähren, muss zugeben: In Demokratien ist die olympische Begeisterung erloschen - und Schuld ist auch er selbst. Das Nein aus Norwegen schafft deshalb die Gelegenheit, überfällige Reformen endlich einzuleiten und das enorme Beharrungsvermögen vieler IOC-Funktionäre zu überwinden. Es ist vielleicht die letzte.

Bemerkenswert peinlich

Zunächst ist der Verzicht von Oslo für das IOC aber doppelt peinlich, er wird nachwirken. Zwei Dinge legt er schonungslos offen: Zum Einen ist eine Bewerbung für Winterspiele selbst dann nicht mehr attraktiv, wenn die Erfolgschancen ausgezeichnet sind. Trotz der wilden Volten, die das unberechenbare Wahlvolk des IOC in der Vergangenheit geschlagen hat: Oslo wäre diesmal der große Favorit im Bieterwettkampf gewesen. Noch im Mai hatte Bach höchstpersönlich in Norwegen für eine Osloer Bewerbung getrommelt. Vergeblich, wie jetzt feststeht.

Umstrittenes Trio: Bach mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin und Fifa-Boss Joseph Blatter.
Umstrittenes Trio: Bach mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin und Fifa-Boss Joseph Blatter.(Foto: imago/ITAR-TASS)

Noch schlimmer für Bachs IOC ist aber: Oslos Ohrfeige schmerzt nicht nur ihn und seine Olympier. Sie macht die olympische Akzeptanzkrise der ganzen Welt überdeutlich. Und sie zeigt endgültig, wie dem Größenwahn der internationalen Sportverbände in Demokratien begegnet werden muss: Mit einem selbstbewussten Nein statt devoter Unterwerfung.

Die Norweger haben sich strenggenommen nicht gegen eine Bewerbung entschieden, sondern gegen die Spiele selbst votiert. Damit verzichten sie bewusst auf viele positive Dinge, die Olympia mit sich bringt. Der Imageeffekt für das Ausrichterland ist nur ein Beispiel.

Deshalb erscheint Oslos Entscheidung umso bemerkenswerter. Aber es gibt triftige Gründe dafür: Die Angst vor den bei Winterspielen systemimmanten Kostenexplosionen, Stichwort Sotschi-Wahnsinn. Die Angst vor Knebelverträgen. Die Angst vor teuren, aber sinnlosen Sportstätten. Und die Angst vor dem Unmut der Bevölkerung über diesen olympischen Gigantismus. Rechtfertigen lässt sich der schon lange nicht mehr.

Wegweisender Widerstand

Nach der Schweiz (Graubünden), Deutschland (München) und Schweden (Stockholm) hat mit Norwegen nun auch das letzte traditionelle Wintersportland entschieden: Olympia 2022? NOlympia! Als Bewerber übrig bleibt neben Peking nur noch der Alibikandidat Almaty aus Kasachstan, nachdem die Bevölkerung im polnischen Krakau eine Bewerbung ebenfalls abgelehnt hatte. Für das IOC ist das, mit Verlaub, eine kümmerliche Kandidatentruppe.

Wenn der olympische Zirkus künftig wieder in Demokratien gastieren soll, wo sich olympischen Wünsche nicht einfach per Dekret erfüllen lassen, muss sich Bach dieser Erkenntnis stellen. Er muss Konsequenzen durchsetzen. Dazu gehören ganz konkret: Kostendeckelung für die Ausrichterländer; transparente Vergabeverfahren; Offenlegung aller Bürgschaften der öffentlichen Hand; bindende Umweltstandards; nach-olympische Nutzungskonzepte für die Sportstätten - und eine angemessene Beteiligung der Ausrichter am Gewinn. Sonst wacht das IOC aus diesem Albtraum nie mehr auf.

Nachtrag 13.55 Uhr: Der DOSB weist darauf hin, dass das IOC angekündigt hat, die Ausrichter der Winterspiele 2022 mit knapp 700 Millionen Euro zu unterstützen. Zudem würden dem lokalen Organisationskomitee 80 Prozent der Gewinne zustehen. Bei den Sommerspielen in London 2012 seien das 38,6 Millionen Euro gewesen. Die Norweger hat das offenbar nicht überzeugt - bei veranschlagten Kosten von 4,3 Milliarden Euro für Spiele 2022 in Oslo.

Quelle: n-tv.de

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