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Goldmedaillengewinner beim Vorsitzenden des Staatsrats der DDR: Günter Perleberg, Mitte, mit dem Kollegen Dieter Krause, links, und Walter Ulbricht.
Goldmedaillengewinner beim Vorsitzenden des Staatsrats der DDR: Günter Perleberg, Mitte, mit dem Kollegen Dieter Krause, links, und Walter Ulbricht.
Dienstag, 13. August 2013

Populärer Olympiasieger flieht zur Liebe nach Hannover: Wie Günter Perleberg der DDR die Stirn bot

Von René Wiese

Er war Kanu-Olympiasieger, ein Aushängeschild. Einer, der in der DDR das verkörperte, was sie mit "Diplomaten im Trainingsanzug" meinten. Doch Günter Perleberg flieht. Aus Liebe. Als die Stasi ihn in Hannover besucht und zur Rückkehr bewegen will, redet der Sportler Klartext. Und bleibt.

Am 21. September 1963 gibt es in Hannover-Kleefeld unerwarteten Besuch. Günter Perleberg, der fast jeden Tag den Abend bei seiner Verlobten verbringt, ist vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) aufgespürt und heimlich von drei Funktionären des DDR-Kanuverbandes aufgesucht worden. Während zwei Funktionäre vor dem Haus im Auto das Gespräch "absichern", hat der Dritte den heiklen Auftrag des MfS im Gepäck, Perleberg von einer Rückkehr in die DDR zu überzeugen.

Günter Perleberg war bis vor Kurzem ein Star des DDR-Kanurennsports: ein leistungssportliches Aushängeschild seines Magdeburger Sportklubs Aufbau, mehrfache nationale und internationale Titel und Olympiasieger, SED-Genosse und Parteitagsdelegierter. Er verkörperte alles das, was die SED in idealtypischer Weise unter einem "Diplomaten im Trainingsanzug" verstand: sportlich erfolgreich, politisch-ideologisch geschult und öffentlich loyal. Allerdings war der Vorzeige-Athlet bei der drei Wochen zuvor im jugoslawischen Jajce ausgetragenen Kanu-WM nach den Wettkämpfen spurlos verschwunden und nun in Hannover aufgetaucht.

Obwohl die Flucht in den Westen auf den ersten Blick wie eine spontane Entscheidung wirkte, war sie von langer Hand vorbereitet. Bereits 1957 war Perlebergs Magdeburger Freundin in den Westen gegangen. Trotzdem hielten beide heimlich ihre Liebesbeziehung aufrecht. Sie wollte auf keinen Fall in die DDR kommen, weshalb sich das Paar heimlich in West-Berlin traf. Mit Geschick vertuschte Perleberg die Treffs. In seinem Sportclub gab er mehrfach vor, seinen Heimaturlaub in seiner Geburtsstadt Brandenburg an der Havel zu verbringen, stattdessen reiste er nach West-Berlin.

Und dann bauen sie diese Mauer

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Mit seinem Olympiasieg in der 4x500-Meter-Staffel im Einerkajak bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom wurde es jedoch immer schwieriger, die Beziehung aufrechtzuerhalten. Der Olympiasieger rückte immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit. Im Sommer 1961 reifte deshalb der Entschluss zur Flucht. Bei der nächstbesten Gelegenheit wollte Perleberg in den Westen flüchten. Allerdings wurde dieser erste Fluchtplan überraschend durch den Mauerbau am 13. August 1961 vereitelt. Stattdessen wurde der Athlet noch stärker vom Regime in Beschlag genommen. Sein Trainer drängte ihn, in die SED einzutreten. Gerade nach dem Mauerbau brauchte das Regime Loyalitätsbekundungen populärer Sportler. Um seine Fluchtpläne nicht zu gefährden, stimmte Perleberg schließlich der SED-Kandidatur zu.

Nur stockend kommen Günter Perleberg und der DDR-Kanu-Funktionär in Hannover ins Gespräch. Perleberg ist von dem ungebetenen Besuch sichtlich unangenehm überrascht, wie das MfS-Protokoll der Unterredung offenbart. Aber auch sein Gegenüber kann die Verblüffung über das Doppelleben des Günter Perleberg zwischen sozialistischem Sportclub und heimlichen West-Berlin-Besuchen nicht verbergen. Seine engsten sportlichen Begleiter hatten nicht das Geringste geahnt.

Olympische Spiele 1960: die Gewinner von Rom mit Günter Perleberg, 2.v.r.
Olympische Spiele 1960: die Gewinner von Rom mit Günter Perleberg, 2.v.r.

Der Funktionär notiert in seinem Bericht an das MfS: "Es war sehr schwer für ihn, sich immer verstellen zu müssen. Darunter haben seine Leistungen gelitten. Er hatte es mit der Zeit satt, immer nur zu müssen." Perleberg macht deutlich, wie sehr er sich in der DDR gegängelt fühlte. "Er wollte nicht länger Aushängeschild sein - wollte nicht mehr im Vordergrund stehen." Seine Rolle als Gastdelegierter beim VI. Parteitag der SED habe er ebenfalls nur gespielt, um nicht aufzufallen.

Trotz Schließung der Grenzen im August 1961 wollte Perleberg möglichst bald die DDR verlassen. Internationale Wettkämpfe blieben für DDR-Spitzenathleten ein Schlupfloch abseits von Mauer und Stacheldraht. Die nächste Gelegenheit zur Flucht bot sich Perleberg bei der Kanu-WM 1962, deren Ausrichtung an die Bundesrepublik nach Essen vergeben wurde. Hier, so hoffte Perleberg, würde er sich absetzen können. Doch ein zweites Mal wurde der Fluchtweg kurzfristig versperrt: Die WM wurde wegen der sportpolitischen Spannungen im Kalten Krieg kurzfristig abgesagt. Doch Perleberg ließ nicht von seinem Vorhaben ab, und noch im gleichen Jahr bot das Schicksal eine erneute Gelegenheit: Die DDR-Sportleitung belohnte ihre besten Athleten in jenem Jahr mit einer Seereise nach Kuba.

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Auch Perleberg ging an Bord. In Magdeburg hatte er insgeheim ausgebrütet, durch eine Flucht in die US-Botschaft von Havanna endlich in die Bundesrepublik zu seiner Freundin zu gelangen. Doch kam das Kreuzfahrtschiff nie in Havanna an. Dieses Mal kam Perleberg die große Weltpolitik in die Quere. Mitten auf der See musste der Ozeanriese abdrehen, da sich vor Kuba die Weltmächte USA und Sowjetunion in der Kuba-Krise konfrontativ gegenüberstanden. Die Kette von Fehlschlägen konnte Perleberg jedoch nicht entmutigen - zumal er und seine Freundin mittlerweile für 1964 Elternfreuden entgegensahen.

Mit gefälschtem bundesdeutschem Pass

Die nächste Chance bei der WM 1963 in Jugoslawien sollte deshalb gründlich vorbereitet werden. Mithilfe westdeutscher Fluchthelfer plante das Paar minutiös den Ablauf des Unternehmens "Fluchtversuch, vierter Anlauf". Am letzten Wettkampftag, als alle Rennen gefahren waren, Perleberg sogar den Weltmeistertitel errang, war es so weit.

Auf dem Treppchen: die gesamtdeutsche Kanu-Staffel von Rom 1960.
Auf dem Treppchen: die gesamtdeutsche Kanu-Staffel von Rom 1960.

Mit seiner Verlobten, die heimlich nach Jugoslawien gereist war und sich fern der DDR-Delegation aufhielt, bestieg Günter Perleberg mit einem gefälschten bundesdeutschen Pass nach dem abendlichen Abschlussbankett unbemerkt ein bereitstehendes Fluchtauto, das beide nach Österreich brachte. Von dort aus reisten sie nach Hannover. Die Flucht war endlich geglückt. Die DDR-Kanu-Nationalmannschaft bemerkte das Verschwinden Perlebergs erst spät, zu spät. Bevor der Delegationsleiter Alarm schlagen konnte, waren Stunden vergangen. Die jugoslawischen Sicherheitsorgane konnten den westdeutschen Fluchtwagen nicht mehr dingfest machen.

Perlebergs unerwarteter Besucher in Hannover ist hartnäckig. Er will von Perleberg die Fluchtdetails ganz genau wissen. Insbesondere interessiert ihn, wie er aus Jugoslawien herausgekommen ist. Auch bei den Personen, die in die Flucht involviert waren, lässt er nicht locker. Perleberg ist jedoch besonnen und hält sich bedeckt. Nicht einmal seine Mutter war in die Fluchtpläne eingeweiht. Schließlich will er niemanden gefährden. Er weiß zudem, wenn er jetzt auspackt, wird die Sicherheitslücke schnell gestopft werden, keiner käme mehr auf diese Art und Weise aus der DDR heraus. Sein Gegenüber versucht, Perleberg ins Gewissen zu reden. Schließlich habe die DDR ihn doch sportlich großzügig gefördert, weshalb illoyales Verhalten nicht angebracht wäre. Doch Perleberg kontert auch hier: "Klar habe ich keine Sorgen gehabt, ich konnte alles haben, aber was nützt mir das, wenn ich in meiner Freiheit gehemmt bin und nicht tun kann, was ich gerne möchte, sondern immer nur das, was vorgeschrieben ist.""

"Es ist zwecklos, ihn zu beeinflussen"

Langsam redet sich Perleberg in Rage: "Und übrigens habt ihr immer über die Frage diskutiert: Politik und Sport sind eine Einheit. Heute verurteilt ihr die Westdeutschen, dass sie im Sport Politik machen und macht sie in der Presse unmöglich. Ihr seid doch voll von Widersprüchen. Darum habe ich diesen Schritt gewählt. Ich will erst einmal arbeiten und dann trainieren, eine Existenz aufbauen." Die Gesprächsstrategie des Funktionärs geht nicht auf. Ganz im Gegenteil. Perleberg geht zum Angriff über. Er ist wütend über die Kampagnen der ostdeutschen Presse gegen ihn, den Geflüchteten, den vermeintlichen "Verräter". "Wie kommt es jetzt aber, dass ich ein Verräter bin, wenn ich doch bis zur letzten Stunde für die DDR große Siege erbracht habe? Wenn ich jetzt eine andere Anschauung habe und die DDR aus diesem Grunde verlassen habe, bin ich doch kein Verräter." Enttäuscht notiert das MfS: "Sein Ziel steht fest: zurück zu uns nicht mehr! Es ist zwecklos, ihn zu beeinflussen."

Der Polit-Trupp kehrte mit leeren Händen in die DDR zurück. Günter Perleberg blieb bei seinem Entschluss. Er gründete eine Familie und begann sich eine berufliche Existenz als Bauingenieur aufzubauen. Große Brisanz erlangte sein Fall jedoch noch einmal bei den deutsch-deutschen Olympiaausscheidungen 1964. Der nun für die Bundesrepublik startende Kanute wollte aus Sorge vor einer möglichen Entführung nicht an einem ostdeutschen Wettkampfort starten. Doch das IOC entschied sich für Ost-Berlin - ein Ort, der aufgrund der Präsenz der Alliierten immerhin einen Sonderstatus besaß und an dem Perleberg schließlich unter den Augen der Weltöffentlichkeit erfolgreich antrat.

Zusätzlichen Geleitschutz bot ihm der westdeutsche NOK-Präsident Willi Daume, der der Qualifikation auf der Regatta-Strecke in Grünau demonstrativ beiwohnte. Der mit Perleberg besetzte bundesdeutsche Kajak-Vierer schlug das DDR-Boot hauchdünn und nahm den Startplatz in der gesamtdeutschen Olympiamannschaft ein, die dann bei den olympischen Wettkämpfen eine Silbermedaille errang.

Quelle: n-tv.de

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