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"Ein trauriger Tag für den Fußball": Betrug sprengt alle Dimensionen

Von Christoph Wolf

Rund 380 Fußballspiele sollen asiatische Wettpaten allein in Europa manipuliert haben, bis in die Champions League und nach Deutschland. Weltweit sind 700 Partien betroffen. So erschütternd die Zahlen sind – für Europol sind sie nur die Spitze des Eisbergs. Und der Beleg, dass sich der Fußball im Würgegriff der organisierten Kriminalität befindet.

Die Hiobsbotschaft vom größten Wettskandal der Fußballgeschichte, die am Montag die Sportwelt erschütterte – Oliver Bierhoff kommentierte sie zurückhaltend: "Im ersten Moment ist es schockierend, aber es sind noch keine offiziellen Zahlen. Für mich als Offizieller ist es wichtig, diese zu erhalten." Dann zeigte sich der DFB-Manager doch noch angemessen zerknirscht: "Wenn die Zahl echt wäre, wäre es natürlich beängstigend."

Dass die Zahlen nicht echt sein könnten, die von der europäischen Polizeibehörde Europol in Den Haag auf einer offiziellen Pressekonferenz präsentiert wurden, ist eine interessante Vermutung – und für die Bewertung des nächsten großen Fußballskandals völlig unerheblich. Die Dimensionen des organisierten Wettbetrugs im Fußball, die von gemeinsam arbeitenden Polizeiteams in 13 Ländern und 18-monatiger Ermittlungsarbeit unter dem Codenamen "Veto" aufgedeckt wurden, stellen alle bisherigen Skandale in den Schatten – selbst wenn die Zahlen der betroffenen Spiele und involvierten Funktionäre noch gedrittelt werden würden.

Europo-Chef Rob Wainwright nannte Zahlen und Fakten, die den Fußball in einer Glaubwürdigkeitskrise stürzen.
Europo-Chef Rob Wainwright nannte Zahlen und Fakten, die den Fußball in einer Glaubwürdigkeitskrise stürzen.(Foto: dpa)

Mehr als 380 verdächtige Spiele hat Europol zwischen 2008 und 2011 alleine in 15 europäischen Ländern ausgemacht. Darunter sind Partien in der WM- und EM-Qualifikation, zwei Champions-League-Spiele, unter anderem in England - und Partien in Deutschland. "Wir haben ein dichtes kriminelles Netzwerk aufgedeckt", sagte Europol-Direktor Rob Wainwright in Den Haag. Die bekannten Spiele sind dennoch nur die Spitze des Eisbergs. Hinzu kämen zusätzlich noch 300 neue verdächtige Profispiele vornehmlich in Asien, Zentral- und Südamerika sowie Afrika. Namen der Verdächtigen wollte Wainwright mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht nennen.

"Ein trauriger Tag für den Fußball"

Seine Bewertung der Manipulationen "auf einem nie dagewesenen Niveau" fiel ungleich drastischer aus als die von Bierhoff. "Das ist ein trauriger Tag für den Fußball", betonte Wainwright: "Für uns steht fest, dass es sich um den größten Fall aller Zeiten in diesem Bereich handelt." Alarmierend sei nach dem Einsatz von V-Leuten und der Auswertung von 13.000 Telefongesprächen und E-Mails vor allem die erstmals mit "substanziellen Beweisen" belegte Erkenntnis, "dass die organisierte Kriminalität in der Fußballwelt operiert."

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Es ist dieser Fakt, der Offizielle wie Bierhoff mehr beunruhigen sollte als die nackten Zahlen. Organisierte Kriminalität im Fußball? Natürlich gibt es die! – das galt mit Blick auf die zahlreichen Korruptionsskandale im Fußball-Weltverband Fifa bislang als ein Insiderwitz. Nun hat Europol den Würgegriff der Fußballmafia konkret belegt, in einem erschütternden Ausmaß. Das aufgedeckte Netzwerk werde vornehmlich von Asien aus gesteuert und arbeite in Europa mit lokalen Verbrecherbanden zusammen, sagte Wainwright.

Insgesamt seien in Europa 425 Spieler, Schiedsrichter, Funktionäre und Kriminelle in die Betrügereien involviert gewesen. 151 von ihnen hatten ihren Wohnsitz in Deutschland. Zu den Mittelsmännern hierzulande gehörte auch der Wettpate Ante Sapina, der vom Bochumer Landgericht wegen der Manipulation von 51 Spielen in Europa zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt worden war. Die Sapina-Spiele sind in die neuen Europol-Zahlen bereits eingerechnet. Dennoch handelt es sich nicht ausschließlich um in den jeweiligen Ländern bereits bekannte Betrugsfälle.

Neue Fälle in Deutschland möglich

Alleine in Deutschland sind 70 Partien unter Verdacht, teilte der Bochumer Hauptkommissar Friedhelm Althans in Den Haag mit. Er sagte zwar, dass es sich dabei um höchstens viertklassige Spiele handele und alle bereits öffentlich bekannt seien. Dennoch sind es mehr Partien, als am Bochumer Landgericht bislang verhandelt worden sind.

"Nach unseren Informationen gehen wir davon aus, dass es über die bereits bekannten Spiele hinaus keine neuen Fälle in Deutschland gibt", sagte Helmut Sandrock, Generalsekretär des Deutschen Fußball- Bundes. Die beiden Bundesligen sollen auch nach Erkenntnissen der Deutschen Fußball Liga nicht betroffen sein. "Wer aber weiß, dass im Wettgeschäft nicht Tausende, nicht Millionen, sondern Milliarden umgesetzt werden, der ahnt, dass dort auch Kriminelle ihre Geschäfte machen und davon profitieren wollen", sagte Ligapräsident Reinhard Rauball der "Bild"-Zeitung. "Für uns ist enorm wichtig, dass die Strafverfolgungsbehörden dieses Thema intensiv verfolgen."

Auch Althans warnte davor, das Problem zu unterschätzen, zumal die Frühwarnsysteme der Fußball-Großverbände Fifa und Uefa nicht gegriffen hätten. "Das Problem mit dem internationalen Wettbetrug wird immer größer", betonte Althans: "Internationale Verbrecherbanden wenden sich vom Drogenhandel ab und steigen auf Wettbetrug um. Es gibt hohen Profit bei geringem Risiko."

Laut Althans setzen die Kriminellen bis zu 100.000 Euro für die Bestechung von Spielern und Schiedsrichtern pro Partie ein. "In 150 Fällen haben wir dafür Beweise", sagte der Beamte: "An einer Manipulation waren beispielsweise 50 Leute aus 10 Ländern beteiligt. Legale Fußballwetten kommen niemals an den Umsatz, wie ihn die Kriminellen aus Asien organisieren, heran. Die Spieler sind dabei nur die Hilfsarbeiter." Die Banden arbeiten laut Althans mit "ausgefeilter Technologie". Täter könnten nur über Undercover-Aktionen gefasst werden.

Auch Uefa wiegelt ab

Wainwright forderte von der internationalen Fußball-Gemeinschaft einen "abgestimmten Einsatz", um die Korruption in den Griff zu bekommen. Die Ergebnisse der Untersuchungen wolle er nun an Uefa-Präsident Michel Platini senden. Im Gegensatz zu Bierhoff wollte sich die Uefa zum Ausmaß der Manipulationen zunächst nicht äußern. Sie teilte zur nächsten tiefen Glaubwürdigkeitskrise lediglich mit: "Wenn die Details der Ermittlungen der Uefa vorliegen, werden sie von den geeigneten Disziplinargremien überprüft, um die notwendigen Maßnahmen zu treffen."

Kommissar Althans hat im Kampf gegen den grassierenden Wettbetrug eine pragmatischere Forderung, die Uefa und Fifa unterstützen könnten: "Wettbetrug muss dringend international als organisiertes Verbrechen anerkannt werden."

Quelle: n-tv.de

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