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Ein befreiender Schrei und schon hat der deutsche Fußball Mario Götze wieder.
Ein befreiender Schrei und schon hat der deutsche Fußball Mario Götze wieder.(Foto: picture alliance / dpa)

Scholl rudert nach Kritik zurück: Götze zaubert unter Guardiolas Blicken

Von Tobias Nordmann, München

Mario Götze strahlt. Ein fast vergessenes Bild. Wie gut ihm die Luftänderung beim DFB tut, untermauert er gegen Italien - und verpasst seinem Vereinstrainer einen clever verpackten Seitenhieb.

Nach dem Tor müssen die Emotionen raus. Mario Götze rutscht auf seinen Knien über den seifigen Rasen in der Arena von München und schreit. Was genau, ist auf der Tribüne nicht zu verstehen. Ist aber eigentlich auch egal. Denn der Gesichtsausdruck offenbart zweierlei: Er schreit laut und leidenschaftlich. So leidenschaftlich wie lange nicht mehr.

Deutschland - Italien 4:1 (2:0)

Tore: 1:0 Kroos (24.), 2:0 Götze (45.), 3:0 Hector (59.), 4:0 Özil (75., Elfmeter), 4:1 El Shaarawy (83.)

Deutschland: ter Stegen - Mustafi, Hummels, Rüdiger - Özil, Rudy, Hector (ab 85. Ginter), Kroos (ab 90. Kramer) - Müller (ab 69. Can), Götze (ab 61. Reus), Draxler (ab 85. Volland)

Italien: Buffon - Darmian, Bonucci (ab 61. Ranocchia), Acerbi - Giaccherini (ab 69. El Shaarawy), Motta (ab 68. Parolo), Florenzi (ab 61. De Silvestri), Montolivo - Bernardeschi, Zaza (ab 78. Antonelli), Insigne (ab 68. Okaka)

Schiedsrichter: Oliver Drachta (Österreich) - Zuschauer: 62.653

Mario Götze meldet sich spätestens in dieser 44. Minute wieder im deutschen Fußball an. Mit einem wuchtigen Kopfballtor gegen zwei italienische Hünen erhöht er für die Nationalmannschaft gegen die "Squadra Azzurra" auf 2:0. Es ist ein Tor des Willens und eines des Vergessens. Des Willens, endlich mal wieder zeigen zu dürfen, dass er doch ein wirklich feiner Fußballer ist und des Vergessens, endlich mal nicht die Bank der Bayern wärmen zu müssen.

Es ist ein Comeback mit Ansage. Mario Götze kehrt zurück zum DFB und überzeugt. Mit nur einem Spiel räumt der 23-Jährige jeden Zweifel an seiner sportlichen Qualität - und einer Nominierung für die EM in Frankreich - aus dem Weg. Nach ein paar unauffälligen Warmlaufminuten beim überzeugenden 4:1-Testspielerfolg gegen Italien ist der frustrierte Bayern-Star bis zu seiner Auswechslung an jedem Tor der DFB-Elf direkt oder indirekt beteiligt. Götze zeigt Einsatzwille (er fordert den Ball), beweist Durchsetzungsvermögen (beim Kopfballtor zum 2:0) und Spielfreude (beim Übersteiger-Doppelpass vor dem 3:0). Und das ausgerechnet in jener Arena, die für ihn in den vergangenen Wochen eigentlich zum sportlichen Alptraum geworden ist: in München. Unter den Augen jenes Mannes, der bei ihm derzeit für soviel Frust sorgt: Josep Guardiola.

Cleverer Seitenhieb gegen Guardiola

Das größte Stadion der bayrischen Landeshauptstadt ist noch bis Sommer das Hoheitsgebiet des Katalanen Guardiola. Der ist bis Ende dieser Spielzeit Trainer des FC Bayern München. Und damit im Tagesgeschäft hauptverantwortlich für Form und Laune von Mario Götze. Dass ihm diese Aufgabe in den vergangenen Wochen und Monaten nicht besonders gut gelungen ist, lässt sich zumindest am Gemütszustand des 23-Jährigen ablesen. Den bewerten viele sich nahe am Rekordmeister wähnende Medien mindestens mal als gefrustet. Und auch wenn sich der Betroffene offiziell nie zu seiner persönlichen Situation äußert, dass er sich anders fühlt, als ihm attestiert wird, ist eigentlich selbst theoretisch unmöglich.

Fühlt sich beim Bundestrainer augenscheinlich wohler als bei Guardiola: Mario Götze
Fühlt sich beim Bundestrainer augenscheinlich wohler als bei Guardiola: Mario Götze(Foto: picture alliance / dpa)

Mario Götze hat mit seinen gerade einmal 23 Jahren bereits eine Menge erlebt - nicht nur wegen seiner seit Dienstagabend 50 Länderspiele. Bei Borussia Dortmund war er als gerade ausgewachsener Teenager ein Star, gar ein Idol, das im Sommer 2013 von vielen Fans mit verbitterter Wut zum FC Bayern verabschiedet wurde, beim DFB der Mann der Deutschland in Brasilien zum Weltmeister machte - und in München bei Guardiola zwar ein super, super Spieler mit allerdings immer weniger werdender Beachtung und Spielzeit. Trotz mittlerweile seit Wochen ausgeheilter Langzeitverletzung.

Nun ist er wieder da, wo er sich am wohlsten fühlt, beim fast väterlich besorgten Bundestrainer und dessen Mannschaft. Und wie gut es Götze dort im DFB-Lager geht, zeigt er gegen Italien nicht nur auf dem Platz, sondern verrät es auch später im Interview: "Ich bin sehr glücklich. Für mich war es wichtig, wieder spielen zu können. Ich habe es vermisst. Es ist super, dass der Trainer mir das Vertrauen gegeben hat. Das war ein tolles Gefühl, wieder auf dem Platz zu stehen." Ein Dank an Löw und ein clever versteckter Seitenhieb Richtung Guardiola.

Scholl muss zurückrudern

Offene Kritik am Trainer, so viel weiß auch Götze, ist noch keinem Spieler gut bekommen. Konkreten Fragen zu seiner Situation beim FC Bayern oder zu Guardiola weicht er daher elegant aus. Lieber tut der offenbar Wechselwillige - eine Rückkehr zum BVB wird heiß diskutiert - alles, um möglichst smart zu bleiben, seinem Frust aber dennoch Luft zu machen. Wie anders sollen seine aktuell ausgesprochenen Sätze interpretiert werden, er habe die Tage beim DFB mit der Mannschaft und dem Trainerteam genossen?

Genossen, aber vor allem genutzt. So urteilt jedenfalls der Bundestrainer über Götze. „Mario hat sich den Einsatz hart erarbeitet. Er war lange verletzt, hat in den letzten Wochen viele Zusatzschichten absolviert. Ich hoffe das Spiel und das Tor haben ihm wieder neues Selbstvertrauen für die kommenden Wochen gegeben.“ Dieser Wertschätzung schließt sich auch ARD-Experte Mehmet Scholl an. Der erklärt in der Halbzeit des Dienstagabendkicks: "Mario macht ein gutes Spiel, ist sehr lauffreudig und in Bewegung. Ich meine auch, dass er mit größerem Selbstbewusstsein zu Werke geht - und das hat sicher auch mit Jogi Löw zu tun."

Eine Kehrtwende mit Schmackes vom bayrischen Ex-Nationalspieler. Denn noch vor Anpfiff hatte Scholl vor laufenden Kameras gemosert, Götze müsse "viel, viel mehr trainieren" und irgendjemand müsse ihm "auf die Sprünge helfen, ihn anstupsen". Eine Halbzeit später war das vergessen. Götze gut und Scholl plötzlich zufrieden. Ob das auch für Guardiola gilt? Nun, er hat es sich zumindest angesehen ...

Quelle: n-tv.de

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