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Gleißendes Licht, Salz und Lithium: Die Umweltbelastung bei einem groß angelegten Abbau ist derzeit schwer einschätzbar.
Gleißendes Licht, Salz und Lithium: Die Umweltbelastung bei einem groß angelegten Abbau ist derzeit schwer einschätzbar.(Foto: picture alliance / dpa)

Das weiße Gold von Uyuni: Bolivien birgt weltgrößten Hightech-Schatz

Von Roland Peters

Wenn es etwas gibt, das eine großartige, technisierte Zukunft verspricht, ist es Lithium. Ob Smartphones oder Elektroautos - ohne das chemische Element sind sie kaum vorstellbar. Das größte Vorkommen der Welt liegt bislang unberührt in der bolivianischen Hochebene. Warum wird es nicht abgebaut?

Straßen gibt es nicht. Es sind Pisten, und nur Staubwolken verraten, wohin es geht. Dahin, wo vielleicht der größte Schatz Südamerikas darauf wartet, gehoben zu werden. Der Salar de Uyuni liegt im Südwesten Boliviens, mehr als 3500 Meter über dem Meeresspiegel. Neben seiner schieren Schönheit hält der Salzsee Lithium bereit. Es ist das chemische Element, das die weltweite Wirtschaft treibt. Ob in Smartphones, Tablets oder PKW - Lithium ist überall zu finden, vor allem in Akkus. Man könnte auch sagen: ohne Lithium kein Elektroauto, kein iPhone, Android-Smartphone und keine Hightech-Produktionsketten, die für ihre Herstellung nötig sind.

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Es gibt auf der Erde mehrere Orte, an denen das Leichtmetall abgebaut wird. Marktführer ist seit rund 20 Jahren Chile, in dessen Norden ein internationales Konsortium den Rohstoff gewinnt. Die Konzentration in der Atacama-Wüste ist hoch, der Abbau lohnt sich. Doch nirgendwo auf der Welt liegt so viel Lithium im Salz verborgen wie in Bolivien: Schätzungen der US-Behörde USGS zufolge sind es etwa 36 Prozent der weltweiten Vorkommen. Im Hochlandreservoir nahe der Stadt Uyuni sind es demnach 9 Millionen Tonnen. Eine umfassende Gewinnung aus dem Salar findet nicht statt; obwohl sie Wohlstand verspricht, die das lateinamerikanische Land gut gebrauchen könnte. Die Fördermenge in Bolivien liegt derzeit bei fast null.

Warum gibt es bislang keine industrielle Erschließung der Vorkommen? Das hat zunächst einmal mit dem nationalen Trauma Potosí zu tun: Über Jahrhunderte hatte Spanien den Silberberg Südamerikas ausgebeutet und dabei Millionen Ureinwohner in die todbringenden Minen geschickt. Das Geld floss nach Europa, die Stadt am Fuße des Berges und Bolivien blieben arm. "Beim Lithiumabbau legt die Regierung Wert darauf, dass alles in nationaler Hand bleibt", sagt Juliana Ströbele-Gregor vom Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin, die in Bolivien aufwuchs und seit Jahren zum Thema forscht. "Es geht also darum, dass das staatliche Bergbau-Unternehmen Comibol das Lithium selbstständig abbaut und hier auch weiterverarbeitet."

"Kein zweites Potosí"

Auf dem Salar de Uyuni ruhen in Bolivien viele Hoffnungen.
Auf dem Salar de Uyuni ruhen in Bolivien viele Hoffnungen.(Foto: REUTERS)

In den 1980er-Jahren wollte das globale Unternehmen Food Machinery Chemical Corporation (FMC) eine Konzession für den Salar erwerben, doch die Verhandlungen scheiterten. Seit 2006 heißt der Präsident des Landes Evo Morales, das erste Staatsoberhaupt indigener Abstammung auf dem Kontinent überhaupt. Morales will erst recht nicht, dass die Zügel in ausländischen Händen liegen, sondern selbst bestimmen, was mit dem Schatz im Salzsee geschieht. Er wolle "kein zweites Potosí", sagt er. Der Präsident träumt von einer eigenen Wertschöpfungskette im Hightech-Bereich und rief dazu im Jahr 2010 die "erste Phase der Industrialisierung" für Bolivien aus.

Eine riesige Hürde für die Umsetzung dieses Plans ist fehlendes Know-how. Seit 2008 läuft das staatliche Programm zur Gewinnung des Lithiums. Dafür steht am Salar inzwischen eine Pilotfabrik. Doch die ursprünglichen Ziele sind weit entfernt.

"Vollmundig wurde verkündet, dass man mit eigenen Experten bis 2015 Batterien herstellen kann, etwa für Toyota-Elektroautos. Das ist aber nicht möglich, weil die notwendige Technologie fehlt und es die entsprechenden Experten gar nicht gibt", sagt Ströbele-Gregor. Trotzdem will Morales unter dem Markennamen Quipus 160.000 in Bolivien produzierte Laptops gratis an Schulabgänger verteilen. Die Teile dafür werden importiert, chinesische Experten haben die einheimischen Arbeiter geschult.

Morales will am 12. Oktober vom Volk im Präsidentenamt bestätigt werden. Es wird nicht der einzige Grund für dieses Engagement sein, aber es ist Wahlkampf. Und da werden gerne Geschenke verteilt.

Forschung und Ausbildung

Zum fehlenden Fachwissen kommen nicht durchgeführte, grundlegende Untersuchungen: "Man weiß nicht, wie groß die Vorkommen wirklich sind und welche Qualität sie haben. Bislang gibt es bloß Schätzungen. Das gleiche gilt für mögliche Umweltauswirkungen. Diese Forschungen sind nicht gemacht worden", sagt die Wissenschaftlerin.

Seit Anfang des Jahres ist es in der Pilotfabrik nahe Potosí möglich, Lithium-Ionen-Akkus herzustellen.
Seit Anfang des Jahres ist es in der Pilotfabrik nahe Potosí möglich, Lithium-Ionen-Akkus herzustellen.(Foto: picture alliance / dpa)

Vier Jahre vergingen nach dem Projektstart 2008, dann musste Bolivien zugeben, dass es externe Hilfe braucht. Ströbele-Gregor zufolge wurden ab Mitte 2012 - anders als zuvor geplant - für den gesamten Prozess der Gewinnung und Weiterverarbeitung des Lithiums Kooperationen mit internationalen Unternehmen vereinbart: Mit dem japanischen Partner Jogmec, der "Japan Oil, Gas and Metals National Corporation", soll nun die Produktion von Lithiumkarbonat erfolgen. Für Batterien gibt es ebenfalls eine Pilotanlage, die in Zusammenarbeit mit der chinesischen Firma Linyi Gelón nahe Potosí aufgebaut wurde.

Zugleich einigte sich das Staatsunternehmen Comibol mit einem koreanischen Konsortium des Bergbau-Unternehmen Kores und des Stahlkonzerns Posco auf die Errichtung einer Pilotfabrik von Kathoden für Lithium-Akkus. Kathoden sind der wichtigste Zwischenschritt auf dem Weg vom Lithiumkarbonat zur funktionierenden Batterie. Und in der Nähe der Metropole La Paz gibt es die staatliche Produktionsstätte, in der neben Laptops auch Tablets und Smartphones aus importierten Fertigteilen zusammengesetzt werden.

Bremsender Patriotismus

Erst seit 2013 ist es möglich, aus dem Salar Lithiumkarbonat zu gewinnen. Es ist aber nur ein Schritt in Richtung Produktion. "Im Jahr 2015 Batterien für Toyota zu bauen, davon ist Bolivien weit entfernt. Jetzt heißt es, vor 2020 werde es keine Produktion geben. Die Lithiumgewinnung soll 2016 richtig starten", berichtet Ströbele-Gregor.

Noch wird in allen Pilotanlagen, auch in der Batteriefabrik, vor allem geforscht und ausgebildet. Möglich ist die Einhaltung des neuen Zeitplans vermutlich nur, wenn mit internationalen Partnern gearbeitet wird. Die bolivianische Regierung will unter allen Umständen 51 Prozent Mitspracherecht behalten, um entsprechend hohe Einnahmen zu erzielen.

So intensiv die Bemühungen um die industrielle Lithiumförderung und einer Wertschöpfungskette unter bolivianischer Kontrolle sind, so schwierig bleibt die Aufgabe. Das hat zunächst mit der politischen Herangehensweise an die angestrebte Industrialisierung zu tun: So werden die wenigen Experten im Land von Staatsunternehmen schlicht nicht eingestellt, wenn sie nicht Morales' Regierungspartei nahe stehen. Das größte Hindernis aber sind wohl die metereologischen und geographischen Gegebenheiten.

Um Lithiumkarbonat zu gewinnen, muss sich die Feuchtigkeit der Salzlauge verflüchtigen. Dies geschieht meist in offenen Verdunstungsbecken und dauert bis zu 9 Monate. Aber während es in der Atacama-Wüste zu keinem Niederschlag kommt, gibt es im bolivianischen Hochland eine dreimonatige Regenzeit. Wer den Salar der Hochebene danach betritt, versinkt mit seinen Füßen in einem Gemisch aus Regenwasser und Salz. Es fühlt sich an wie an einem Sandstrand - aber ohne Meer.

Zwar soll es inzwischen ein Verfahren geben, um diesen Trocknungsprozess auf acht bis neun Stunden zu verringern, wie es aus Versuchslaboren des Kores-Posco-Konsortiums heißt, an dem auch der Elektronikriese LG beteiligt ist, aber dies unterliegt dem Patentrecht. Und so forderte Kores-Posco im Rahmen seiner Kooperation mit Bolivien, die Regierung müsse das Patent anerkennen. "In einem Höhenflug von Patriotismus wurde dies abgelehnt und gesagt: Wir kaufen keine Patente", so Ströbele-Gregor.

Während sich der neue Nationalstolz Boliviens und die angestrebte eigenständige Industrialisierung langsam entwickeln, könnte Morales das Maß dafür verloren haben, was seine Wirtschaft einen großen Schritt voranbringen könnte. Zwar hat die Zentralbank in La Paz 900 Millionen US-Dollar für den Aufbau der angestrebten Akkuproduktion bereitgestellt. Doch ohne einen konkurrenzfähigen Weg zum Lithium-Schatz im Salar de Uyuni wird die Umsetzung schwierig. Gratis werden die Asiaten oder andere Partner ihren Technologievorsprung vermutlich nicht hergeben.

Quelle: n-tv.de

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