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Um die Gear S richtig zu nutzen, braucht man ein Galaxy-Smartphone.
Um die Gear S richtig zu nutzen, braucht man ein Galaxy-Smartphone.(Foto: jwa)

Neue Samsung-Smartwatch im Test: Gear S: Smartphone am Handgelenk

Von Johannes Wallat

Die Samsung Gear S ist die erste Smartwatch, die auch ganz ohne Smartphone funktioniert. Die Uhr mit dem gebogenen Display hat einen SIM-Karten-Steckplatz, mit ihr kann man telefonieren, Nachrichten schreiben und per GPS navigieren.

Samsung fährt bei seinen Smartwatches eine zweigleisige Strategie: Während die Gear Live mit Googles Android Wear läuft, entwickelt der koreanische Hersteller gleichzeitig sein eigenes System Tizen weiter. Die Gear S, das neueste Tizen-Modell, ist eine echte Neuerung auf dem Smartwatch-Markt: Sie ist die erste schlaue Uhr, die einen SIM-Karten-Steckplatz hat und damit auch ohne die ständige Anbindung an ein Mobiltelefon jederzeit Anrufe und Nachrichten empfangen und Informationen aus dem Internet abrufen kann.

Massiger Blickfang

Die Uhr hat ein eigenwilliges, futuristisch-modernes Design. Das Gehäuse mit seinem länglichen, gebogenen Display steckt in einem breiten, elastischen Kunststoffarmband, das sich bei Bedarf einfach austauschen lässt. Zur Wahl stehen derzeit eine weiße und eine schwarze Variante, Armbänder von Drittherstellern wie Diesel oder Swarovski sollen noch mehr Abwechslung bringen. Das weiche Material des Kunststoffarmbands fühlt sich auf der Haut angenehm an und kann leicht gesäubert und abgewaschen werden, allerdings schwitzt man darunter auch recht schnell.

Im Alltagseinsatz zeigt sich, dass die Gear S nichts für Uhrenträger ist, die es dezent mögen. Am Handgelenk wirkt die Uhr massig und springt sofort ins Auge. Das große Gehäuse verhindert, dass man sie mal eben unter dem Pullover- oder Hemdsärmel verschwinden lassen kann. Die Gear S ist ein echter Blickfang, was nicht jedem gefallen dürfte.

Gebogenes Display

Das gebogene Display ist ein echter Blickfang.
Das gebogene Display ist ein echter Blickfang.(Foto: jwa)

Das Display misst 2 Zoll und hat eine Auflösung von 360 x 480 Pixeln. Die Pixeldichte von 300 ppi ist ausreichend hoch für eine scharfe Darstellung. Bei genauem Hinsehen sind einzelne Bildpunkte zwar sichtbar, was aber nicht weiter stört. Noch wichtiger als die Auflösung ist aber die automatische Anpassung der Helligkeit, die zuverlässig arbeitet. Über einen Sensor unterhalb des Bildschirms misst die Gear S das Umgebungslicht und passt die Helligkeit entsprechend an. Das spart Akku und verhindert, dass in dunkler Umgebung das Display seinen Nutzer und die Menschen in der Umgebung blendet. Die Blickwinkelstabilität ist gut, auch seitlich betrachtet bleiben Farben und Kontraste stabil.

Die Sensoren der Gear S arbeiten nicht immer zuverlässig, der Pulsmesser braucht zum Beispiel mitunter mehrere Anläufe, Sprachbefehle erkennt die Gear S manchmal erst nach dem zweiten oder dritten Anlauf. Der interne Prozessor mit zwei Kernen und einer Taktrate von 1 Gigahertz zeigt sonst aber keine Schwächen, der Arbeitsspeicher ist mit 512 Megabyte ebenso groß wie bei anderen aktuellen Smartwatches. Auch der interne Speicher entspricht mit 4 Gigabyte dem derzeitigen Standard.

Akku im Mittelfeld

Der fest verbaute Akku hat eine Kapazität von 300 Milliamperestunden – damit liegt die Gear S im Mittelfeld, wird aber unter anderem wie Sonys Smartwatch 3 deutlich überflügelt. Die Laufzeit gibt Samsung bei geringer Nutzung mit bis zu vier Tagen an, im Schnitt liegt sie bei aktiver Bluetooth-Verbindung bei ein bis zwei Arbeitstagen. Im Test hielt die Gear S als Standalone-Gerät ohne Smartphone-Anbindung und mit Schlaf-Aufzeichnung via S Health rund 12 Stunden durch.

SIM-Steckplatz und Pulsmesser befinden sich auf der Rückseite der Gear S.
SIM-Steckplatz und Pulsmesser befinden sich auf der Rückseite der Gear S.(Foto: jwa)

Neuen Saft bekommt die Gear S per Pins an ihrer Unterseite über eine externe Ladestation. Praktisch: Das Dock ist gleichzeitig auch Ersatzakku mit einer Kapazität von 350 Milliamperestunden, sodass die Uhr auch von unterwegs aufgeladen werden kann, ohne sie ans Stromnetz anzuschließen.

Sensorenreichtum

Die Samsung-Uhr ist reich mit Sensoren ausgestattet. Unterhalb des Displays finden sich ein UV-Sensor und ein Helligkeitsmesser, auf der Rückseite misst ein Pulsmesser den Herzschlag des Trägers. Ein Schrittzähler gehört ebenfalls dazu, sowie ein GPS-Sensor, mit dem die Gear S navigieren und Laufwege aufzeichnen kann. Für die autonome Fußgänger-Navigation gibt es Nokias Karten-App Here. Außerdem greifen die Fitness-App Nike+ sowie Samsungs Gesundheits- und Fitness-Zentrale S Health auf die GPS-Daten zu.

Einige wichtige Apps sind bereits auf der Uhr vorinstalliert, zum Beispiel eine Telefon-App sowie ein E-Mail- und ein Nachrichten-Client. Wer mehr Anwendungen möchte, muss auf das Smartphone zurückgreifen: Neue Apps aus dem Galaxy-App-Store können nur über die Gear-App heruntergeladen werden, und die ist nur mit aktuellen Samsung-Geräten kompatibel.

Nicht ganz ungebunden

Die wichtigsten Spezifikationen
  • Prozessor: Zwei Kerne, 1 Gigahertz, Qualcomm
  • Arbeitsspeicher : 512 Megabyte
  • Interner Speicher: 4 Gigabyte
  • Display: Curved Super AMOLED, 2 Zoll, 360 x 480 Pixel,  ca. 300 ppi
  • Akku: 300 Milliamperestunden
  • Bluetooth 4.1, WLAN 802.11b/g/n 2,4 GHz, HSPA+
  • Sensoren: Umgebungslicht, Beschleunigung, Gyroskop, Kompass, GPS, Pulsmesser, UV-Sensor
  • Betriebssystem: Tizen
  • Maße: 58,1 x 39,9 x 12,5 mm
  • Gewicht: 84 Gramm (Weiß), 67 Gramm (Blau-Schwarz)
  • Wasserdicht (IP67)
  • Nano-SIM

Hier zeigen sich die größten Einschränkungen: Obwohl die Uhr theoretisch komplett autark funktionieren kann, wird man immer wieder auf das Smartphone zurückgeworfen, zum Beispiel für die Ersteinrichtung oder für den Download neuer Apps. Auch das sogenannte „News Briefing“, ein Nachrichten-Widget, erfüllt erst in Verbindung mit dem Smartphone seine volle Funktion: Auf der Uhr werden die jeweils ersten Zeilen einer Meldung gezeigt, der volle Text kann nur auf dem Smartphone gelesen werden. Bei Suchanfragen über die Sprachsteuerung S Voice gibt die Gear lediglich eine Vorschau auf die Ergebnisse.

Überzeugen kann die die Samsung-Uhr dafür in anderen Bereichen: Einmal eingerichtet, koppelt sie sich zuverlässig mit dem Smartphone und stellt die Verbindung nach einer Trennung jedes Mal schnell wieder her. Benachrichtigungen kommen auf Smartphone und Uhr fast zeitgleich an, auch sonst klappt die Kommunikation zwischen beiden tadellos. S Voice erkennt Sprachbefehle zuverlässig und führt sie richtig aus. Die gesprochenen Antworten der Software klingen aber noch arg nach Roboterstimme.

Einen Pluspunkt gibt es für die Telefonfunktion: Die Sprachqualität war im Test gut, der interne Lautsprecher ließ den Gesprächspartner klar und verzerrungsarm erklingen. Auf Wunsch kann ein Bluetooth-Headset angeschlossen werden. Auch das Schreiben von Nachrichten geht auf der kleinen Tastatur, die Wischgesten unterstützt, überraschend gut von der Hand.

MultiSIM ist ein Muss

Der Steckplatz für Nano-SIM-Karten ergibt eigentlich nur mit sogenannten MultiSIM-Karten wirklich Sinn. Das heißt, einer zweiten Karte, die die gleiche Telefonnummer hat wie die des Smartphones. Es sei denn, man möchte die Gear S als Zweit-Telefon nutzen, beispielsweise in der Freizeit. MultiSIMs bieten allerdings nicht alle Mobilfunkunternehmen an. Die meisten Discounter-Kunden müssen mit einer Karte auskommen. Ist die Uhr mit dem Smartphone gekoppelt, wird die SIM-Karte in der Gear S inaktiv, für Anrufe, Nachrichten und Internet-Nutzung greift die Uhr auf das Smartphone zu. Bleibt das Smartphone zu Hause, erhält man Anrufe oder SMS auf die Uhr. Für den Nachrichtenempfang muss man dies aber zuvor über eine Code-Eingabe einstellen.

Die Samsung Gear S ist mit einem Straßenpreis von derzeit über 350 Euro nicht günstig, der Herstellerpreis liegt bei 399 Euro. Dafür bekommt der Kunde eine Smartwatch, die noch nicht ganz so eigenständig funktioniert, wie sie sollte. der Funktionsumfang ist in manchen Bereichen noch zu eingeschränkt, erst in Verbindung mit einem aktuellen Samsung-Smartphone kann sie ihr volles Potenzial entfalten. Richtig Sinn ergibt die Gear S zudem erst in Kombination mit einer MultiSIM-Lösung, und die gehört derzeit bei den deutschen Mobilfunkanbietern noch nicht zum Standard. So ist die Gear S eine vielversprechende Weiterentwicklung der bisher üblichen Smartwatches, bei der es aber noch Spielraum für Verbesserungen gibt.

 

Quelle: n-tv.de

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