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Wikipedia hat am 15. Januar Geburtstag, verzeichnet aber sinkende Benutzerzahlen.
Wikipedia hat am 15. Januar Geburtstag, verzeichnet aber sinkende Benutzerzahlen.(Foto: imago stock&people)

Wikipedia und die Daten: Gesammeltes Wissen birgt Amnesiegefahr

Von Roland Peters

Die Vermittlung von Wissen verändert sich. Früher standen Enzyklopädien im Regal, der Kalender steckte in der Tasche. Heute gibt es Wikipedia und ein Smartphone. Müssen wir uns überhaupt noch etwas merken?

Dauerte der Hundertjährige Krieg tatsächlich 100 Jahre? "Schau doch mal im Brockhaus nach." So endet die Tischdiskussion, Kommentare zu Recht oder Unrecht folgen, dann der Schwenk zum nächsten Thema; linear, logisch, verlässlich. Der Wälzer mit dem Goldschnitt wandert wieder zurück ins Regal. So verklärt es die Erinnerung.

Doch heute gibt es in der Familie, unter Freunden, in der Gesellschaft eine Diskussion um das Wissen selbst, vielleicht auch einen Konflikt, der noch lange nicht ausgestanden ist. Was ist eine Tatsache? Und wer darf sie definieren? Vieles ist gefühlt in Bewegung, undefiniert, ohne eindeutige Quelle. Und Wikipedia, die sich selbst als freie Enzyklopädie bezeichnet, ist Teil dieser Debatte.

Vor den Zeiten des Internets war die gedruckte Enzyklopädie eine unverrückbare Informationsquelle. Eine bezahlte Redaktion kümmerte sich um die Recherche. Der Brockhaus war zwar nicht zitierfähig, aber ein Ausgangspunkt. Ein Einstieg in die Welt des Wissens. Ein Buch gab das nächste.

Früher legten Medien auch eigene Archive an, in denen ihre Recherchen und Hintergrundwissen konserviert wurde, um darauf zugreifen zu können. Vertrauen? Das erarbeitete sich ein Verlag wie Brockhaus in fast 200 Jahren. Bei Wikipedia sind es nun 15 Jahre. Darin enthalten sind vor allem enzyklopädische Beiträge, nur online, ausführlicher, mit Quellen verlinkt, von ehrenamtlichen Mitarbeitern erstellt, kontrolliert und korrigiert.

Smartphone als "Conversations-Lexicon"

Am 15. Januar 2001 ging der erste englischsprachige Artikel online, der erste deutsche am 16. März. Inzwischen enthalten die Seiten mehr als 37 Millionen Beiträge in knapp 300 Sprachen. Aber auch hier: "Wikipedia ist nicht zitierfähig", ein Standardsatz an jeder deutschen Hochschule, häufig in mahnendem Tonfall vom Professor ausgesprochen und dem folgenden Hinweis versehen, das Studium bestehe vor allem aus Lesen.

Ja, auch das gab es einmal - 2008 auf der Frankfurter Buchmesse.
Ja, auch das gab es einmal - 2008 auf der Frankfurter Buchmesse.(Foto: imago stock&people)

Die ursprüngliche Beschreibung des Brockhaus, das "Conversations-Lexicon oder kurzgefasstes Handwörterbuch für die in der gesellschaftlichen Unterhaltung aus den Wissenschaften und Künsten vorkommenden Gegenstände mit beständiger Rücksicht auf die Ereignisse der älteren und neueren Zeit" klingt dem nicht so fern, was heute auch die elektronische, unentgeltliche Wikipedia ausmacht. Die Enzyklopädie wird von der Wikimedia-Stiftung finanziert, die ihr Geld wiederum nicht aus Verkäufen, sondern durch Spenden erhält. Im vergangenen Jahr gaben Menschen in Deutschland 8,6 Millionen Euro, weltweit waren es 25 Millionen Euro.

So wie sich das gesellschaftliche Leben mit dem Internet mobilisiert hat, verhält es sich auch mit Wikipedia. Die Enzyklopädie, die in Deutschland mit schwindenden Zugriffszahlen und immer weniger aktiven Schreibern zu kämpfen hat, führt jeder auch in der Tasche mit sich. Internetzugang und Smartphone genügen. Zwei Drittel der Westeuropäer besitzen eines, bei 16- bis 24-Jährigen sind es 84 Prozent.

Wandelt sich dadurch unser Verhältnis zu Wissen? Ja, offenbar. Forscher bei Kaspersky stellten einen Zusammenhang her zwischen Informationen, die über unser Smartphone verfügbar sind, und solchen, die wir vergessen. Nutzer bauen demnach Vertrauen zu ihrem Gerät wie zu einer Person auf. Die Folge ist "Digitale Amnesie". Es ist nicht mehr wichtig zu wissen, wie wir von Punkt A nach B kommen, denn eine App kann es herausfinden. Es ist nicht mehr nötig, sich Geburtstage zu merken - der Kalender im Smartphone wird schon daran erinnern.

Jeder dritte Befragte in Westeuropa hält es der Studie zufolge nicht für nötig, sich etwas zu merken, was er jederzeit online (wieder)finden kann. Ebenso suchen 36 Prozent nach einer Information im Netz, statt in ihrem Gedächtnis zu kramen. Und 24 Prozent wollen sie danach sofort wieder vergessen. Fast 80 Prozent nutzen das Internet als Nachschlagewerk. Es wird schon nicht verschwinden.

Zahlen und Werte gegen den Schwarm

Manche Kritiker sagen, die wahre Gefahr sei die Mehrheitsmeinung, der Schwarm, der die deutschsprachige Wikipedia auf rund 1800 Brockhaus-Bände hat anwachsen lassen (rechnete die FAZ aus). Dieses Ungleichgewicht zementiert demnach bestehende Vorurteile und überstimmt beständig die wenigen Experten. Wissenschaftliche Erkenntnisse setzten sich nicht mehr durch.

Eine Gegenstrategie könnte sein, Wissen nicht mehr in Worten, sondern vor allem in Zahlen und Werten abzuspeichern. "Zahlen lügen nicht", diese ökonomische Volksweisheit wird so auf andere Wissensbereiche ausgeweitet. Von den über 80 Wikimedia-Mitarbeitern in Berlin kümmern sich inzwischen 30 um Wikidata, einer verknüpften Datenbank, die den Wust von Informationen für alle Sprachversionen vereinheitlicht und maschinenlesbar macht. Smartphone-Apps etwa können im Hintergrund auf die Angaben zugreifen. So können auch automatisiert Statistiken und Diagramme erstellt werden, um Entwicklungen nachzuzeichnen.

Ob diese Entwicklung gut ist? Zumindest kann sie dazu führen, rationalisierbare Angaben ohne Quelle mit solchen zu ersetzen, die nachprüfbar sind - ohne Gefahr der Manipulation oder tendenziöser Formulierung aus welchem Interesse auch immer. Taucht heute eine Frage auf, wird das Handy gezückt. Die Zugriffszahl aller Geräte auf Wikipedia Deutschland: 1 Milliarde pro Monat.

Der Texteintrag verliert mit der wachsenden Bedeutung bereinigter Daten womöglich an Gewicht, weil er nicht mehr alles allein leistet. Er kann aber weiterhin Scheinkorrelationen vorbeugen und aufdecken, erklären, einordnen, Wissen im Kontext transportieren. In der Kombination von Wikipedia und Wikidata kann eine immer verlässlichere Informationsquelle entstehen.

Übrigens, der "Hundertjährige Krieg" beschreibt die Zeit von 1337 bis ins Jahr 1453, als England in verschiedenen bewaffneten Konflikten versuchte, seine Ansprüche auf die Thronfolge in Frankreich durchzusetzen. Dazu kam noch ein innerfranzösischer Konflikt. Zumindest ist das so bei der deutschsprachigen Wikipedia zu lesen.

Quelle: n-tv.de

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