Technik

Telekom startet Joyn: Konkurrenz für Whatsapp?

Von Isabell Noé

Telekom-Kunden können jetzt den lange angekündigten SMS-Nachfolger Joyn nutzen. Nun ist es nicht so, dass sie sehnlichst darauf gewartet hätten. Schließlich haben sich die meisten längst Whatsapp oder andere Messenger-Dienste aufs Smartphone geholt. Für Joyn spricht vor allem eins: die Sicherheit.

Joyn ist nicht einfach eine App, sondern ein Industriestandard. Dessen Etablierung dauert sehr viel länger als von den Netzbetreibern erhofft.
Joyn ist nicht einfach eine App, sondern ein Industriestandard. Dessen Etablierung dauert sehr viel länger als von den Netzbetreibern erhofft.(Foto: picture alliance / dpa)

"Das joyn Ecosystem wächst in rasantem Tempo", liest man, wenn man auf der Joyn-Webseite nach Neuigkeiten sucht. Das klingt ein bisschen nach Wunschdenken. Denn bislang ist der Messaging-Dienst vor allem dafür bekannt, dass er nicht in die Gänge kommt. Die ursprünglich für Ende 2011 geplante Einführung wurde mehrfach verschoben. Vodafone brachte zur IFA 2012 immerhin eine Beta-Software für Android heraus, die Telekom legte die für Dezember vorgesehene Einführung vorerst auf Eis. Mit dreimonatiger Verspätung kommen die Kunden jetzt doch noch zum Zug: Die Telekom hat den Joyn-Dienst gestartet.

Dass die Einführung nicht ganz einfach werden würde, war abzusehen: Schließlich geht es nicht nur darum, eine zentralisierte App zu programmieren, sondern einen technischen Standard für Kommunikationsdienste zu entwickeln, auf dem Provider in der ganzen Welt aufbauen können. Ende Januar räumte die Telekom gegenüber Teltarif.de ein, es sei ein Fehler gewesen, mit der Ankündigung so früh an die Öffentlichkeit zu gehen.

Immerhin hat es jetzt noch rechtzeitig zur Cebit geklappt. Testen können aber zunächst nur Telekom-Kunden mit Android-Handys. Sie können die Joyn-App im Play Store herunterladen. Bald stehe der Dienst auch iPhone-Nutzern zur Verfügung, versprach ein Telekom-Sprecher. Der späte Start dürfte für Joyn allerdings zum Problem werden, schließlich haben die meisten Smartphone-Besitzer längst Whatsapp entdeckt. Warum also Joyn überhaupt eine Chance geben?

Kleine und große Unterschiede

Vieles von dem, was Joyn kann, kann Whatsapp auch: Kurznachrichten, Bilder und Videos versenden zum Beispiel. Doch Joyn ist dabei etwas komfortabler. So kann der jeweilige Kontakt wie bei einer SMS direkt aus dem Adressbuch heraus angeschrieben werden. Die verschickten Dateien dürfen 15 MB groß sein, Whatsapp erlaubt nur 12 MB. Telefoniert man gerade, kann man bei Joyn auch Fotos oder Videos direkt an den Gesprächspartner verschicken. Außerdem bietet Joyn, anders als Whatsapp, auch Videotelefonie. Nach 15 Minuten trennt die Telekom allerdings die Verbindung und man muss erneut anrufen. Gruppenchats, wie man sie von Whatsapp kennt, sind auch bei Joyn möglich, man kann aber nur 20 statt 30 Teilnehmer einladen.

Für diejenigen, die Whatsapp bislang skeptisch gegenüberstanden, dürfte ein Argument besonders zählen: die Sicherheit. Denn Joyn hat seinen Sitz und seine Serverstandorte in Deutschland und unterliegt damit auch den strengen deutschen Datenschutzbestimmungen. Anders als bei Whatsapp, wo das ganze Adressbuch kopiert und unbegrenzt gespeichert wird, bleibt das Adressbuch bei Joyn auf dem jeweiligen Gerät. Eine Lücke gibt es aber: Im offenen WLAN-Netzen werden die Nachrichten derzeit nicht verschlüsselt übertragen, die Telekom rät davon ab, Joyn hier zu verwenden. Bis zum Sommer soll der Mangel behoben sein.

Am Anfang kostenlos

Bleibt die Frage nach dem Preis. Whatsapp-App gibt es als Gratis-App im Play-Store, iPhone-Besitzer zahlen einmalig 89 Cent. Bei Joyn gibt es eine kostenlose Einführungsphase bis Ende August. Solange können alle Telekom-Kunden Joyn gratis testen, egal, ob sie Prepaid- oder Laufzeitverträge haben. Danach ist der Messaging-Dienst nur mit Daten- oder SMS-allnet-Flat gebührenfrei. Ein Pluspunkt ist, dass die gesendeten Datenmengen nicht auf das im Tarif enthaltene Datenvolumen angerechnet werden. Wer keine Flats dazugebucht hat, zahlt für Chatnachrichten den SMS-Preis und für Dateien wie für eine MMS. Die Funktion "Kamera zuschalten" ist bei den Sprachflats bereits enthalten, bei den Minutenpaketen wird für Videotelefonie der doppelte Minutenpreis abgerechnet.

Da die meisten Smartphonebesitzer auch eine Datenflat haben, dürfte die Preisfrage bei Joyn kein großes Problem darstellen. Das größte Hindernis ist vielmehr die bisher mangelnde Verbreitung des Dienstes. Zwar haben rund eine halbe Million Vodafone-Kunden Joyn auf ihren Geräten – das liegt aber vor allem daran, dass der Standard auf den meisten neuen Vertragshandys bereits integriert ist. Bislang hält sich der Nutzen für die Vodafone-Kunden jedoch in Grenzen, weil sie nur untereinander kommunizieren können. Immerhin will O2 will noch im Laufe dieses Jahres nachziehen. E-Plus hält sich jedoch zurück und will erstmal beobachten, ob sich ein Einstieg überhaupt lohnt.

Zudem bleibt die Frage nach den Tochterfirmen und Service-Providern. Die Telekom-Tochter Congstar beispielsweise bietet Joyn zunächst nicht an. Für die Telekom selbst dürfte es nun darauf ankommen, dass Apple die fertige Joyn-Anwendung zeitnah für den AppStore freigibt. Windows Phone- und Blackberry-Nutzer bleiben zunächst außen vor, perspektivisch soll der Dienst aber auch auf diesen Plattformen laufen. Irgendwann einmal soll Joyn für 80 Prozent aller deutschen Handy-Nutzer zumindest technisch zugänglich sein. Ob Joyn dann auch genutzt wird, bleibt abzuwarten.

Quelle: n-tv.de

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