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LG kleidet die Rückseite des G4 in Echtleder mit Ziernaht.
LG kleidet die Rückseite des G4 in Echtleder mit Ziernaht.(Foto: jwa)

Scharfer Koreaner mit Lederrücken: LG G4 ist Blickfang und Handschmeichler

Von Johannes Wallat

Das G4 ist mit seinem geschwungenen Gehäuse und einer Rückseite aus Leder ein echter Hingucker. Doch seine wahren Qualitäten liegen jenseits von Geschmacksfragen - zum Beispiel im tollen Display und der Spitzenkamera.

Bei aktuellen Top-Smartphones geht es kaum noch um technische Daten. Spitzenleistung ist selbstverständlich, gefragt ist vor allem der Geschmack: Gefällt mir die Größe, sagt mir das Material zu? Wie liegt das Gerät in der Hand? Während andere Hersteller immer mehr auf Aluminium, Glas und flache Gehäuse setzen, geht LG selbstbewusst einen eigenen Weg und kleidet die geschwungene Rückseite des G4 in Echtleder mit prominenter Ziernaht. Das fühlt sich gut an, muss man aber mögen. Alternativ gibt es auch einen Akkudeckel aus Kunststoff. Wer den Qualitäten des scharfen Koreaners auf den Grund gehen will, muss allerdings hinter die auffällige Fassade schauen.  

Das große Display nimmt fast die ganze Front ein.
Das große Display nimmt fast die ganze Front ein.(Foto: jwa)

Wie schon der Vorgänger G3 ist das aktuelle Flaggschiff eine Nummer größer als die Topmodelle der Konkurrenz und nur schlecht einhändig zu bedienen. Daran ändert auch das gute Verhältnis zwischen Bildschirm und Gehäuse nichts. Das 5,5 Zoll große Display nimmt fast die komplette Front ein, doch wer das G4 mit einer Hand bedienen und mit dem Daumen in die äußeren Ecken tippen will, hat entweder sehr große Hände oder wird unweigerlich scheitern.

Fotos im Expertenmodus

Die Größe hat aber auch einen Vorteil, denn das tolle, ganz leicht gebogene Display kommt besser zur Geltung. Scharf ist es, mit 2560 x 1440 Pixeln setzt LG wie beim G3 und Samsung beim Galaxy S6 auf Quad-HD-Auflösung und erreicht eine Pixeldichte von 534 ppi. Dazu ist es hell, hat ausgezeichnete Blickwinkel und zeigt Farben realistisch und kontrastreich an. Im direkten Sichtvergleich mit dem Bildschirm des ebenfalls von LG gebauten Nexus 5 ist bei der Darstellung von Webseiten zwar kein großer Unterschied zu sehen, beide sind gleich hell und kontraststark. Doch bei der Anzeige von Fotos und Videos wird deutlich: Der Bildschirm ist nicht nur viel schärfer, sondern zeigt auch knackigere Farben und wesentlich mehr Details.

Die Akkuabdeckung kann abgenommen werden.
Die Akkuabdeckung kann abgenommen werden.(Foto: jwa)

Keine Frage, LG ist eine sichere Bank, was gute Displays angeht. Doch mit den letzten Flaggschiffen bewiesen die Koreaner, dass sie auch gute Kameras verbauen können. Das G4 ist keine Ausnahme, es schießt Bilder mit maximal 16 Megapixeln im 16:9-Format, hat einen Laser-Autofokus, einen dreiachsigen optischen Bildstabilisator, eine lichtstarke Offenblende von f/1.8 sowie einen Sensor, der das Farbspektrum eines Motivs analysiert und für realistischere Bilder sorgen soll.

Tatsächlich macht die Kamera tolle Fotos mit vielen Details, guter Schärfe, schönem Bokeh und authentischer Farbwiedergabe. Auch bei schlechtem oder wenig Licht entstehen ansprechende und rauscharme Aufnahmen, auch wenn hier der Fokus mitunter träge reagiert und nicht immer trifft. HDR-Aufnahmen gelingen gut, jedoch mit minimaler Rechenzeit. Panoramen sehen ebenfalls gut aus, auch wenn hier an den Bildkanten ungenaue Übergänge sichtbar werden.

Erfreulich: Anders als noch beim G3 kann der Nutzer zwischen drei Aufnahmemodi wählen und im Expertenmodus alle Parameter selbst festlegen, auch Schärfeebene und Verschlusszeit - so sind Langzeitbelichtungen mit schönen Lichtspuren möglich. Fotos können zudem im RAW-Format abgespeichert werden. Die Frontkamera leistet ebenfalls gute Dienste, sie knipst Selfies mit einer Auflösung von 8 Megapixeln in guter Qualität. Die Kamera kann zudem durch zweimaliges Drücken der Lautstärke-leiser-Taste aus dem Standby gestartet werden. Damit ist das Kamera-Duo tatsächlich das Highlight, als das LG es bewirbt.

Sparsam im Standby

Die wichtigsten technischen Daten
  • System: Android 5.1
  • Display: IPS-LCD, 5,5 Zoll, 2560 x 1440 Pixel, 534 ppi
  • CPU: Snapdragon 808, 6 Kerne, 1,8 GHz
  • Arbeitsspeicher: 3 GB
  • Interner Speicher 32 GB + microSD
  • Hauptkamera: 16 MP, OIS
  • Frontkamera: 8 MP
  • Akku: 3000 mAh
  • LTE Cat.9, WLAN ac, Bluetooth 4.1, NFC
  • Infrarot-Sender
  • Maße: 148,9 x 76,1 x 6,3 - 9,8 mm
  • Gewicht: 155 g

Gut ist auch die allgemeine Performance des G4: Es reagiert schnell und verzögerungsfrei, Ruckler treten kaum auf, auch in grafisch anspruchsvollen Games gerät es kaum ins Stocken. Um den Akku zu schonen, kann die Videoqualität in Spielen angepasst werden. Mit dem Snapdragon 808 setzt LG auf eine abgespeckte Version des Snapdragon 810 mit 6 Kernen, im Praxiseinsatz bewährt sich diese Wahl. Unter Last drosselt der 808 seine Leistung nicht so stark herunter wie der große Bruder und ist so bei Dauerbelastung, zum Beispiel bei Videospielen, effektiv leistungsstärker. Außerdem wird er nicht so schnell warm wie der Snapdragon 810, der zum Beispiel im G Flex 2 und im HTC One M9 verbaut ist.

Auch auf die Akkuleistung soll sich die Wahl des Prozessors positiv auswirken. Trotzdem bleibt das G4 im durchschnittlichen Bereich und erreicht bei moderater Nutzung anderthalb Tage Laufzeit. Wird das Smartphone intensiv genutzt, sinkt die Ladung schnell, nicht zuletzt aufgrund des hellen und scharfen Displays – Bildschirme sind die größten Akkufresser. Positiv ist der geringe Verbrauch im Standby und bei heruntergeregeltem Bildschirm: Im Test hielt das G4 mit 6 Prozent Restladung im mobilen Netz und gelegentlicher Nutzung eines Messengers noch mehrere Stunden durch, auch ohne den Akkusparmodus einzuschalten. Es ist zudem eines der wenigen Flaggschiffe mit austauschbarer Batterie.

Neben der Sparfunktion, die nahezu jedes Smartphone heute an Bord hat, und dem Doppeltipp zum Entsperren des Displays hat das G4 eine Reihe von weiteren Software-Extras, die das Fundament von Android 5.1 ergänzen. Ein Widget auf dem Homescreen gibt Wetterinfos und passende Bekleidungstipps und Warnhinweise ("Es hat geregnet. Achten Sie auf nasse Straßen."), liegt jedoch nicht immer richtig. Das sogenannte Smart Bulletin zeigt links vom Homescreen den Musikspieler, den Kalender sowie weitere nützliche Infos und Anwendungen. Mittels Infrarot-Sender wird das Handy zur Universal-Fernbedienung, die unteren Navigationstasten können angepasst und um bis zu zwei weitere Tasten ergänzt werden. Die Smart Settings aktivieren Profile je nach Standort oder wenn Zubehör angeschlossen wird – WLAN und Bluetooth können so automatisch eingeschaltet oder der Musikplayer gestartet werden.

LGs Benutzeroberfläche ist optisch inzwischen deutlich ansprechender als noch beim G2 und bietet vor allem für Software-Individualisten und Freunde von Zusatzfunktionen viele Optionen, die das pure Android nicht oder noch nicht hat. Für das G4 sprechen darüber hinaus vor allem das große und scharfe Display und die tolle Kamera, mit der das LG-Flaggschiff auf Augenhöhe mit den Platzhirschen Galaxy S6 und iPhone 6 ist. Der austauschbare Akku sowie der SD-Kartensteckplatz sind weitere Argumente, mit denen sich LG von der Konkurrenz abhebt. Wer darauf Wert legt, mit der Größe kein Problem hat und sich zudem mit dem auffälligen Lederrücken (699 Euro UVP) oder der 50 Euro günstigeren Variante mit Kunststoff-Deckel anfreunden kann, bekommt mit dem G4 ein tolles Smartphone, das zu den besten seiner Zeit gehört.

Quelle: n-tv.de

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