Technik

Millionen Nutzer haben Angst: Polizei schließt Kino.to

Die Staatsanwaltschaft Dresden dreht der beliebtesten deutschsprachigen Film-Streaming-Plattform Kino.to den Saft ab. Die Polizei nimmt die Betreiber fest und durchsucht europaweit Wohnungen. Millionen Nutzer des Portals machen sich jetzt Sorgen, dass ihnen Anzeigen und teure Abmahnungen ins Haus flattern. Zu Recht?

Wer gute Filme mag, sollte bereit sein, dafür ein paar Euro locker zu machen, oder?
Wer gute Filme mag, sollte bereit sein, dafür ein paar Euro locker zu machen, oder?(Foto: RESPE©T COPYRIGHTS)

Mit Razzien in Deutschland, Spanien und Frankreich sind Ermittler gegen die Betreiber des größten deutschsprachigen Internet-Portals für illegale Film-Raubkopien vorgegangen. Zeitgleich wurden Wohnungen, Geschäftsräume sowie Rechenzentren von Betreibern und mutmaßlichen Helfern der Webseite Kino.to durchsucht. Von den 21 Beschuldigten sind zwölf in Untersuchungshaft, wie der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Dresden, Wolfgang Klein, mitteilte. Der Verdacht lautet auf Bildung einer kriminellen Vereinigung zur gewerbsmäßigen Begehung von Urheberrechtsverletzungen.

Die Fahnder durchsuchten 42 Wohnungen, Büros und Rechenzentren in 20 Orten, darunter Zwickau, Berlin, Hamburg, Bremen, Frankfurt am Main, Nürnberg und München sowie in Frankreich und Spanien. Es gehe um insgesamt mehr als eine Million Fälle, bei denen Raubkopien von Spielfilmen und TV-Serien verbreitet wurden. Die Webseite hatte den Angaben zufolge täglich etwa vier Millionen Nutzer, teilte die Generalstaatsanwaltschaft mit.

"Parasitäres Geschäftsmodell"

Die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU), die die Ermittungen vor Monaten mit einer Anzeige ins Rollen gebracht hatte, erklärte, die Polizei habe die Domain Kino.to beschlagnahmt. Mehrere Streamhoster, auf denen die über Portale verlinkten Raubkopien abgelegt waren, seien von den Behörden vom Netz genommen worden. Es bestehe der Verdacht, dass die Betreiber der Speicherserver aktiv mit den Kino.to-Betreiber zusammengearbeit hätten, erklärte die GVU unter Berufung auf eigene Vorermittlungen. Sie sprach von einem "arbeitsteiligen parasitären Geschäftsmodell". Die Betreiber hätten "erhebliche Einnahmen" durch Werbeeinnahmen für Banner auf ihren Seiten und durch den Verkauf von "Premium-Zugängen" für besonders eifrige Nutzer erzielt.

Die Internetseite www.Kino.to ist nicht mehr zu erreichen. Bei der Anwahl über den Browser-Cache erscheint lediglich ein Hinweis der Polizei, demzufolge die Domain zu der Webseite geschlossen wurde. "Internetnutzer, die widerrechtlich Raubkopien von Filmwerken hergestellt oder vertrieben haben, müssen mit einer strafrechtlichen Verfolgung rechnen", ist dort zu lesen.

Nutzer in rechtlicher Grauzone

Millionen Kino.to-Nutzer machen sich jetzt Sorgen, dass sie über die IP-Adresse ihres Rechners ermittelt werden und hohe Geldbußen auf sie zukommen. Die Frage, ob sich möglicherweise auch Nutzer von Kino.to strafbar gemacht haben könnten, sei zurückgestellt worden, sagte Oberstaatsanwalt Klein. Da es bislang kein Urteil zur Nutzung von urheberrechtlich geschützten Streaming-Inhalten gibt, gilt dies als rechtlich umstritten. Beim Streaming wird ein Film oder ein Musikstück im Internet übertragen, ohne dass wie beim Download die entsprechende Datei gespeichert wird. Allerdings werden auch beim Streaming Daten im Arbeitsspeicher abgelegt.

Wer Kino.to besuchen möchte, sieht bestenfalls noch den Hinweis der Kriminalpolizei.
Wer Kino.to besuchen möchte, sieht bestenfalls noch den Hinweis der Kriminalpolizei.(Foto: Screenshot n-tv.de)

Der Kölner Rechtsanwalt Christian Solmecke von der Kanzlei Wilde Beuger Solmecke hat sich mit dem Thema befasst und kann die Nutzer weitgehend beruhigen. "Aus meiner Sicht haben die Nutzer von Kino.to schon keine Straftat begangen, da der reine Konsum von Streamingdiensten nicht rechtswidrig ist. Das gilt jedenfalls immer dann, wenn keine Kopie des Streams auf dem eigenen Rechner hergestellt wird", schreibt er. "Darüber hinaus ist die GVU auch dafür bekannt, normalerweise das Übel an der Wurzel zu packen. Das heißt, dass die Gesellschaft in der Regel gegen die großen Fische vorgeht, was sie mit den jetzigen Durchsuchungen auch beweisen hat."

100 Euro für den Anwalt

Solmecke will jedoch nicht ausschließen, dass es trotzdem zu Abmahnungen kommen kann: "Die Filmindustrie vertritt die Auffassung, dass schon das Zwischenspeichern eines Films im flüchtigen Speicher eines Computers (RAM) als illegale Kopie anzusehen ist. Da diese Frage von den Gerichten noch nicht geklärt worden ist, sind daher Abmahnungen zumindest denkbar. Die betroffenen Nutzer müssten dann mit so genannten Unterlassungserklärungen versprechen, künftig keine Filme mehr zu vervielfältigen und darüber hinaus Schadensersatzansprüche zahlen."

Der Anwalt schätzt die Höhe eines möglichen Schadenersatzanspruchs auf 110 Euro an, wobei 100 Euro für Anwaltsgebühren (§ 97 a Abs 2 UrhG) fällig sind. Den tatsächliche Schaden veranschlagt er mit rund 10 Euro, da beim Streaming seiner Meinung nach lediglich der Preis Grundlage sein kann, den der Nutzer zahlen muss, wenn er sich Filme legal anschaut (Kino, Videothek).

Abschreckung statt Abmahnung

Doch auch wenn Abmahnungen verschickt werden, muss es nach Ansicht von Christian Solmecke nicht allzu vielen Nutzern bange sein. Zwar sei ein Nutzer über seine IP-Adresse jederzeit identifizierbar, jedoch würden viele Server die IP-Adressen überhaupt nicht speichern, schreibt Solmecke. Selbst wenn dem so wäre, stellt sich die Frage, ob die jeweiligen Internet-Zugangsprovider ebenfalls die IP-Adresse ihrer Kunden gespeichert haben. Ist das nicht der Fall, ist eine Zuordnung der IP-Adresse nicht mehr möglich. Betroffen sein könnten also nach Solmeckes Meinung nur Nutzer, die in den letzten Tagen die Plattform Kino.to genutzt haben.

Die GVU lässt die Nutzer nicht direkt vom Haken, hofft aber offenbar vor allem auf eine abschreckende Wirkung durch das Aus von Kino.to. "Es ist zu vermuten, dass Nachfolger in Erscheinung treten werden", sagte die Sprecherin der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen, Christiane Ehlers. Die Streaming-Plattform Kino.to sei "das mit Abstand bekannteste illegale Angebot" gewesen, sagte Ehlers. Es sei zu erwarten, dass das Vorgehen der Behörden "eine gewisse Erschütterung in der illegalen Szene" bewirken werde.

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Quelle: n-tv.de

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