Technik

Nicht nur nackte Tatsachen: Was Apple alles zensiert

Klaus Wedekind

Welche Programme auf iPhone oder iPad laufen dürfen, bestimmt Apple. Wer sich nicht an die Regeln hält, fliegt aus dem App Store. Politische Satire und Sex sind tabu. Gewalt ist pfui und nutzlos sollte ein Programm gefälligst auch nicht sein. Das erinnert einen doch an irgendwas ...

Bei "Wobble" wackeln nur in der Werbung keine Brüste mehr.
Bei "Wobble" wackeln nur in der Werbung keine Brüste mehr.

Das britische Modemagazin "Dazed & Confused" hat seine erste Ausgabe für das iPad "Iran Edition" getauft. Die Macher waren kaum in der Lage, die Modefotos Apples Vorgaben für den Jugendschutz anzupassen. Die Bildbearbeiter hatten alle Hände voll zu tun, Dekolletés zu verkleinern oder Bikini-Körbchen zu vergrößern. Gott sei dank bestimmt Apple noch nicht, wie viel Bein unter einem Rock hervorschauen darf - oder tut es das schon?

Rund 5000 Apps sollen Apples Sex-Zensur anfang des Jahres zum Opfer gefallen sein. Nun mag man ja den Nutzen solcher Programme durchaus infrage stellen. "Pornografie", von der Konzernchef Steve Jobs in diesem Zusammenhang gerne spricht, konnte Apple dabei aber vermutlich keiner App unterstellen. Ein Busen hier, ein Popo da - viel mehr gab's eigentlich nicht zu sehen.

Alles wird verpixelt

Selbst in den prüden USA schüttelten viele ungläubig den Kopf, als die Ausgaben deutscher Magazine wegen "anstößiger Abbildungen" aus dem App Store verschwanden. Gewehrt hat sich aber von den Betroffenen niemand. Im Gegenteil: Es wurde artig gekuscht - schließlich kam mit dem iPad gerade die "Rettung der Printmedien" auf den Markt. Auch Deutschlands größtes Boulevardblatt achtet jetzt peinlichst darauf, dass auf den nicht entspiegelten Bildschirmen kein Busen blitzt und kein Popo glänzt.

Über so harmliose Späßchen wie in "Obama Trampoline" würden deutsche Politiker nur müde lächeln.
Über so harmliose Späßchen wie in "Obama Trampoline" würden deutsche Politiker nur müde lächeln.

Wie spießig Apple denkt, ist am Fall von "Eucalyptus" zu sehen. Die App kann Klassiker der Literatur von der Plattform "Gutenberg" aufs iPhone bringen. Weil unter den Werken auch das "Kamasutra" ist, flog das Programm vorübergehend aus dem App Store.

Dass für Bush die Amtszeit ablief, durfte so nicht auf dem iPhone gezeigt werden.
Dass für Bush die Amtszeit ablief, durfte so nicht auf dem iPhone gezeigt werden.

Für einige Zeit war auch "Wobble" verboten. Mit der App kann man auf Fotos Brüste wackeln lassen. Nachdem die Macher aber nicht mehr mit Busen werben, sondern darauf hinweisen, dass auch ganz andere Dinge wie Ohren oder Augen wackeln können, ist alles wieder in Ordnung.

Politische Duckmäuserei

Doch Apple zückt den Rotstift nicht nur bei "anstößigen und obszönen Inhalten".  Bedenklich ist vor allem die politische Duckmäuserei des Computerkonzerns, der früher mit dem Motto "Think Different" für sich warb.

Während des vergangenen US-Wahlkampfes verbannte Apple "Obama Trampoline" aus dem App Store. Ein harmloses Spielchen, in dem Comic-Figuren mit den Köpfen von US-Politikern Luftballons zum Platzen bringen. "Freedom Time" wurde abgelehnt, weil es eine Uhr zeigte, die die verbleibende Amtszeit von George W. Bush zeigte. Die Arme des Präsidenten dienten dabei als Zeiger. Hier begründete (Demokrat) Steve Jobs sogar persönlich die Abfuhr: Die App würde "ungefähr die Häfte" seiner Nutzer beleidigen. Das dürfte auch bei "My Shoe" der Fall gewesen sein. Hier durften sich Spieler ein Beispiel an dem Iraker nehmen, der während einer Pressekonferenz einen Schuh nach Präsident Bush warf.

Religion ist heilig

Ist den Entwicklern denn gar nichts heilig?
Ist den Entwicklern denn gar nichts heilig?

Ebenso schlimm wie Politiker nicht ehrerbietig zu behandeln, ist es, sich über Religion lustig zu machen, auch wenn der Spaß so harmlos wie bei "Me So Holy" ist. Dass Nutzer Heiligen ihren eigenen Kopf aufsetzen, duldet Apple nicht. Als nächstes käme sonst vielleicht das virtuelle Weihwasser.

Die Cartoons von Pulitzer-Preisträger Mark Fiore waren Apple zu respektlos.
Die Cartoons von Pulitzer-Preisträger Mark Fiore waren Apple zu respektlos.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Ein PR-Desaster erlebte Apple, als im Frühjahr herauskam, dass es die "NewsToons" von Pulitzer-Preisträger Mark Fiore aussperrte: witzige, kluge und bissige, aber keinenfalls herabwürdigende oder gar diffamierende Politsatire. In diesem Fall mussten Jobs Saubermänner aber dem Druck der Öffentlichkeit nachgeben und die NewsTunes letztendlich doch in den App Store aufnehmen. Angeblich hat sich sogar der Chef persönlich um die Angelegenheit gekümmert.

Zucker statt Drogen

Aus "Dope War" wurde ...
Aus "Dope War" wurde ...

Andere, die nicht das Glück haben, einen Pulitzerpreis zu haben, müssen da schon eine etwas devotere Haltung zeigen, um nach einer Ablehnung doch noch in den App Store einzuziehen. So mussten die Macher von "Dope Wars" ihr Spiel in "Candy Wars" verwandeln, um Gnade vor Jobs zu finden. Jetzt dealen die Spieler keine Drogen mehr, sondern Süßigkeiten (die laut Story im Jahr 2040 verboten sind).

... "Candy War".
... "Candy War".

So glattbügeln kann man die freche animierte TV-Serie "South Park" nicht. Und so bleibt die App weiter verboten. Seltsamerweise bietet der iTunes Store aber den Film und die Serienfolgen weiter zum Download an.

Pupse sind auf dem iPad verboten, auf dem iPhone (noch) erlaubt.
Pupse sind auf dem iPad verboten, auf dem iPhone (noch) erlaubt.

"Nutzlosigkeit" duldet Apple auch nicht. Wobei es sich selbstverständlich das Recht nimmt, zu bestimmen, was nutzlos ist. Das virtuelle Bier "iBeer" auf dem iPhone ist demnach nützllich und gut, eine Pupsgeräusche-App wie "iFart" fürs iPad aber nicht gut genug. Immerhin darf auf dem iPhone weiter virtuell gefurzt werden. Hier könnte aber das letzte Wort noch nicht gesprochen sein. Denn wie die Pups-App "Pull My Finger" zeigt, wirkt der öffentliche Druck auch bei nutzlosen Apps krampflösend. Zunächst blockte Apple das Programm, gab es dann drei Monate später aber doch frei - und es wurde ein großer Erfolg.

Reiche werden diskriminiert

Für den Entwickler von "I Am Rich" war die App sicher nicht nutzlos.
Für den Entwickler von "I Am Rich" war die App sicher nicht nutzlos.

Einfach nur humorlos zeigte sich  Apple im Fall um die "I Am Rich"-App eines deutschen Entwicklers. Für 999,99 US-Dollar zeigte sie lediglich einen schimmernden roten Edelstein auf dem Bildschirm. Einfach nur, um sich und anderen zu zeigen, dass man sich diesen Schwachsinn leisten kann. Bevor Apple "I Am Rich" vor die Tür setzte, zogen sich immerhin neun Verschwender die App aufs iPhone.

Nicht ganz zu Unrecht versteht Apple auch beim Thema Gewalt keinen Spaß. So konnte es die ganze Welt nachvollziehen, dass "Baby Shaker" geblockt wurde. Einen Säugling so lange zu schütteln, bis er ruhig ist, ist nicht lustig - auch nicht virtuell. Ob aber das Spiel "Zombie School" tatsächlich die Gewalt an Schulen förderte, ist doch schon sehr fraglich. Sehr fragwürdig war es auch, die App des Musikprojekts "Nine Inch Nails" zu zensieren, weil eines der zu hörenden Alben den Sittenwächtern missfiel. Inzwischen ist die App aber wieder im Store. Das wird "Murderdrome" vermutlich nicht gelingen. Die bei Fans hochgeschätzten Comics sind Apple zu brutal. Was würde passieren, wenn "Sin City"-Zeichner Frank Miller versuchen würde, eine App unterzubringen?

Es kommt auf die Nutzer an

In den vergangenen Monaten haben die Meldungen über zensierte Apps abgenommen. Dies liegt vor allem daran, dass die Entwickler inzwischen peinlichst darauf achten, Apples Vorgaben einzuhalten. Eine abgelehnte App kann kleinere Unternehmen ruinieren.

Bilderserie

Ruhig wird es um Apples App-Gebahren deswegen aber sicher nicht werden. Angefangen bei der Verbannung von Flash-Applikationen, versucht Apple jetzt verstärkt, die technischen Vorgaben für Entwickler immer weiter einzuengen. US-Kartellbehörden untersuchen bereits, ob der Konzern seine Marktmacht illegal ausnutzt. Die Wettbewerbshüter können aber vermutlich wenig ausrichten. Entscheidender wird sein, ob Apple-Nutzer weiter bereit sind, die Einschränkungen hinzunehmen. Tun sie es nicht, muss sich auch Apple ändern.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen