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Mit Druck kann es umgehen: iPhone 6s ist ein Trendsetter

Von Klaus Wedekind

Irgendetwas fällt Apple immer ein: Das iPhone 6s ist zwar keine Smartphone-Sensation, bietet aber eine entscheidende Neuerung, die bald zum Standard werden könnte. Auch sonst hinterlässt es im Test einen starken Eindruck.

"Alles, was sich geändert hat, ist alles", behauptet Apple. "Wenn du das iPhone 6s zum ersten Mal benutzt, weißt du, dass du noch nie etwas Vergleichbares in der Hand hattest." Angesichts des unveränderten Designs ist der erste Satz etwas merkwürdig, aber die zweite Behauptung stimmt in gewisser Hinsicht tatsächlich. Denn mit 3D Touch verfügt das Gerät über eine Technik, die so bisher in keinem anderen Smartphone zu finden ist. Auch n-tv.de hat diese Funktion am meisten begeistert.

Ein fester Druck auf ein App-Symbol öffnet ein Menü mit Schnellzugriffen.
Ein fester Druck auf ein App-Symbol öffnet ein Menü mit Schnellzugriffen.(Foto: kwe)

Für den Test wurde ein iPhone 6s Plus verwendet, die Unterschiede zum kleineren Modell sind die gleichen wie bei der Vorgänger-Generation: größerer Bildschirm, höhere Display-Auflösung, stärkerer Akku, optische Bildstabilisierung. Ansonsten haben die Geräte die gleichen Eigenschaften.

Grundsätzlich geht es bei 3D Touch darum, dass der Touchscreen erkennt, wenn ein Finger stärker zudrückt und dann weitere Aktionen ermöglicht. Beim iPhone 6s öffnet ein festerer Druck auf ein App-Symbol ein Menü mit bis zu vier Schnellzugriffen. Entwicklern lässt Apple hier praktisch alle Möglichkeiten, vorerst nutzen aber vor allem hauseigene Apps 3D Touch. Beim Telefon beispielsweise sieht man nach einem festen Druck drei favorisierte Kontakte und kann einen neuen erstellen, über das Symbol der Kamera öffnet sich ein Menü mit vier Aufnahme-Modi. Mail zeigt die Suche, den universellen Posteingang und VIP-Nachrichten an, außerdem ist es möglich, direkt eine E-Mail zu verfassen.

Peek and Pop

In geöffneten Anwendungen hat 3D Touch zwei Ebenen. Die erste zeigt gewöhnlich eine Vorschau mit einigen Schnellzugriffen, der zweite feste Druck öffnet dann Elemente. Ein Beispiel: Enthält eine E-Mail einen Link zu einer Webseite, sieht man diese zunächst als Vorschau, die man nach oben ziehen kann. Über ein kleines Menü lässt sie sich öffnen, zur Leseliste hinzufügen oder kopieren. Man verlässt Mail aber nicht, zieht man die Vorschau wieder nach unten, ist man wieder im Posteingang. Mit einem zweiten festen Druck auf die Vorschau wechselt man direkt zu Safari. Ähnlich funktioniert dies mit Terminen oder Orten. Apple nennt das Prinzip "Peek and Pop".

Innerhalb der Karten-App eröffnet der feste Druck auf einen Ort neue Möglichkeiten.
Innerhalb der Karten-App eröffnet der feste Druck auf einen Ort neue Möglichkeiten.(Foto: kwe)

Besonders viele praktische Optionen liefert 3D Touch bei der Karten-App. Das Symbol-Menü bietet die Möglichkeiten, direkt nach Hause zu navigieren, seinen Standort zu markieren oder zu senden und nach Orten in der Nähe zu suchen. In der Anwendung kann man seinen aktuellen Standort senden oder nach einem Druck auf einen Ort dessen Homepage öffnen, anrufen, die Route ermitteln lassen oder Öffnungszeiten und andere Informationen abrufen.

Als kleines 3D-Touch-Extra kann man beim iPhone 6s die zuletzt geöffnete App über einen Druck auf den linken Displayrand öffnen. Der zweite "Force Touch" öffnet dann das Multitasking-Karussell. Das ist hübsch, hier ist aber der doppelt gedrückte Home-Button klar schneller und unkomplizierter.

Wie die rechte Maustaste

Grundsätzlich klappte im Test die 3D-Touch-Bedienung nach einer kurzen Eingewöhnungsphase vorzüglich. Die Empfindlichkeit ist perfekt eingestellt, ungewollte Aktionen lösen die Finger fast nie aus. Man muss lediglich aufpassen, nicht fest zu drücken, wenn eine App gelöscht werden soll - hier führt eine längere Berührung ans Ziel.

Man freundet sich schnell mit der neuen Bedienung an und möchte sie wie die rechte Maustaste am PC nicht mehr missen. Vor allem, wenn man ein großes iPhone 6s Plus hat, weil 3D Touch auch die Ein-Hand-Bedienung viel leichter macht. Schön wäre aber, wenn Apple künftig Nutzern gestatten würde, die Menüs nach eigenen Prioritäten anzupassen, beispielsweise in Mail einen Posteingang zu wählen. Eine offene Frage ist auch noch, wie viele iOS-Entwickler ihre Apps in naher Zukunft anpassen werden – schließlich steht die Funktion vorerst nur auf den neuen iPhones zur Verfügung. Künftig dürfte an 3D Touch für sie aber kein Weg vorbeiführen.

Man sieht es ihnen nicht an, aber die neuen iPhones sind dicker und schwerer als ihre Vorgänger.
Man sieht es ihnen nicht an, aber die neuen iPhones sind dicker und schwerer als ihre Vorgänger.(Foto: Lars Goldbach)

3D Touch ist auch der Grund dafür, dass die neuen iPhones ein klitzekleines bisschen größer und mit 14 beziehungsweise 20 Gramm ein gutes Stück schwerer als ihre Vorgänger sind. Die neue und stabilere 7000er Aluminium-Legierung spielt dabei kaum eine Rolle, laut "iFixit" wiegt die Display-Einheit des iPhone 6s knapp 15 Gramm mehr, die des 6s Plus 20 Gramm. Außerdem benötigt 3D Touch mehr Platz, weshalb Apple die Akkus um 95 beziehungsweise 165 Milliamperestunden schrumpfen musste.

Mehr Pixel fürs Detail

Die zweite große Verbesserung des iPhone 6s ist die neue 12-Megapixel-Kamera auf der Rückseite. Damit schließt Apple zur Konkurrenz auf, bei der in der Oberklasse 13 Megapixel bereits Mindeststandard sind. Jetzt bieten die Fotos der iSight-Kamera viel mehr Details. Auch wenn nah auf Objekte gezoomt wird, zeigen sich lange keine Klötzchen.

Zwei Aufnahmen bei wenig Licht, ohne Blitz und HDR: links vom iPhone 6 Plus, rechts vom iPhone 6s Plus (Die Auflösung entspricht nicht den Originalen).
Zwei Aufnahmen bei wenig Licht, ohne Blitz und HDR: links vom iPhone 6 Plus, rechts vom iPhone 6s Plus (Die Auflösung entspricht nicht den Originalen).(Foto: kwe)

Erfreulicherweise leidet durch die höhere Pixeldichte auf dem Sensor die Qualität der Aufnahmen nicht, Apple ist es gelungen, durch den Einsatz neuer Techniken das Bildrauschen auf dem niedrigen Niveau der iPhone-6-Kamera zu halten. Bis auf die höhere Auflösung sieht man beim Foto-Vergleich allerdings kaum Unterschiede zur Vorgänger-Kamera. Farben, Ausleuchtung oder Kontraste sind fast identisch. Insgesamt wirken die Aufnahmen des iPhone 6s aber doch etwas knackiger. Kurz: Die neue iSight-Kamera macht hervorragende Bilder, ist aber kein Überflieger. Das Samsung Galaxy S6 kann da beispielsweise locker mithalten.

Keine Apple-Erfindung, aber neu beim iPhone: Live-Fotos. Dabei nimmt die Kamera vor und nach dem eigentlichen Foto kurze Videos auf. Die Bewegtbilder sieht man beim iPhone 6s nach einem festen Druck, sie können aber auch auf anderen Apple-Geräten betrachtet werden. Empfänger eines Android-Smartphones oder Windows-Rechners sehen einfach nur ein Foto. Die Funktion ist hübsch und macht Spaß, Apple hat sie deswegen als Voreinstellung eingerichtet. Live-Fotos belegen allerdings rund doppelt so viel Speicherplatz wie gewöhnliche Aufnahmen und wenn sich nicht wirklich etwas bewegt, sind sie überflüssig.

Die neuen iPhones sind jetzt wie die Android-Konkurrenten in der Lage, 4K-Videos aufzunehmen Auch hier gilt: Der Unterschied zum Vorgänger ist eigentlich nur die höhere Auflösung. Nutzer können sie im laufenden Video sehen, in das sie hineinzoomen können. Zeitlupen nimmt das iPhone 6s auf Wunsch in Full-HD auf, Zeitraffer-Videos entwackelt es digital. Beim Plus kommt jetzt auch bei Bewegtbildern der optische Bildstabilisator zum Einsatz.

Display leuchtet bei Selfies

Selfie-Fans werden von der neuen 5-Megapixel-Frontkamera begeistert sein. Um auch bei schwachem Licht gute Bilder zu liefern, setzt Apple bei ihr das Display als Fotoleuchte ein. Das ist mehr als ein guter Blitz-Ersatz, da das 6s das Umgebungslicht analysiert und den Farbton entsprechend anpasst. Im Test gelangen so sehr schöne Selbstporträts, die auch durch natürliche Hauttöne begeistern können.

Auch im Dunkeln gelingen mit dem leuchtenden Display nicht ganz rauschfreie, aber gute Selfies.
Auch im Dunkeln gelingen mit dem leuchtenden Display nicht ganz rauschfreie, aber gute Selfies.(Foto: kwe)

Natürlich hat Apple bei der neuen iPhone-Generation kräftig an der Leistungsschraube gedreht. Der neue A9-Chip ist ein Biest. In Geekbench 3 erreicht sein Prozessor in allen Test-Durchläufen mit einem Kern mehr als 2400 Punkte – das ist einsame Spitze. Mit beiden Kernen kommt der A9 auf fast 4300 Punkte – ungefähr so viel, wie der Exynos-Prozessor des Galaxy S6 mit acht Kernen schafft. In Grafik-Benchmarks stampft das iPhone 6s die Konkurrenz sogar in Grund und Boden. Im Manhattan-Vergleich des GFXBench kam das Apple-Monster auf 39 Bilder pro Sekunde – 15 mehr, als das Galaxy S6 erreichte.

Die Rechen-Power zahlt sich im Alltag bisher aber eigentlich nur bei der jetzt möglichen Bearbeitung von 4K-Videos in iMovie aus. Sonst gibt es schlicht und ergreifend keine Anwendung, die ihn ausreizt. Der A9 ist eine Investition in die Zukunft.

Die Touch ID ist ebenfalls schneller geworden. Der Scanner liest nicht nur Abdrücke erheblich zügiger ein, er entsperrt das iPhone auch wesentlich zackiger. Außerdem hat Apple WLAN und LTE auf den neuesten Stand gehoben, die jetzt die schnellsten Übertragungsraten unterstützen.

Fragezeichen hinterm Akku

Was die Akku-Laufzeit betrifft, war die Test-Zeit einfach zu kurz, um ein Urteil zu fällen. Bisher deutet sich aber an, dass sie annähernd gleich geblieben ist, mit einer leichten Tendenz nach unten. Beim ausdauernden Plus sind kleine Unterschiede zu verkraften, kritischer wäre eine schwächere Laufzeit beim Standard-iPhone, das am Abend deutlich weniger Reserven hat.

Letztendlich ist das iPhone 6s auf jeden Fall das bisher beste iPhone. Es ist bärenstark, hat zwei erstklassige Kameras und lässt sich auch absichtlich kaum noch verbiegen. Apple kämpft aber wie andere Hersteller damit, dass reine Leistungsverbesserungen nicht mehr ausreichen, um an der Spitze zu bleiben. Innovationen sind im Smartphone-Geschäft rar geworden, mit 3D Touch hat das Unternehmen aber eben doch wieder eine Funktion aus dem Hut gezaubert, die bisher einzigartig ist. Huawei hat zwar mit dem Mate S Force Touch eingeführt, das aber vom Funktionsumfang nicht vergleichbar ist. 3D Touch und ähnliche Technologien haben das Zeug dazu, wie zuletzt der Fingerabdruck-Scanner ein Standard bei Spitzen-Smartphones zu werden.

Quelle: n-tv.de

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