Wirtschaft
BMW zählt zu den Gewinnern des Autojahres 2012.
BMW zählt zu den Gewinnern des Autojahres 2012.(Foto: picture alliance / dpa)

Autoexperte Helmut Becker im Interview: "Deutsche Autobauer Gewinner 2012"

Milliardenverluste, Kurzarbeit und Werksschließungen auf der einen Seite. Absatzwachstum, Umsatz- und Gewinnrekorde auf der anderen: Das Autojahr 2012 ist zwiegespalten. War es dennoch ein gutes Jahr für die Branche oder vielleicht der Auftakt einer weiteren ernsten Krise? Wer sind die Verlierer, wer die Gewinner? Und was bleibt aus dem Jahr 2012 im Gedächtnis? Darüber spricht Autoexperte und Ex-BMW-Volkswirt Helmut Becker im Interview mit n-tv.de.

Helmut Becker ist ehemaliger Chefvolkswirt von BMW und leitet das Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK) in München.
Helmut Becker ist ehemaliger Chefvolkswirt von BMW und leitet das Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK) in München.

n-tv.de: Herr Becker, das Jahr 2012 geht mit einem Paukenschlag zu Ende: Opel baut ab 2016 keine Autos mehr in Bochum. War das absehbar?

Helmut Becker: Ja, absolut. Es passt nahtlos ins Bild der vergangenen Wochen mit den angekündigten Werksschließungen von Ford und der Krise der französischen Autobauer. Sogar Volkswagen muss im Januar die Produktion mehrere Tage drosseln, und das soll schon etwas heißen.

Ist Opel mit diesem Schritt geholfen, oder sind die Probleme der GM-Tochter komplexer?

Opel ist damit nicht wirklich geholfen, die Probleme des Autobauers sind vielschichtiger. Opel ist eindeutig der schwächste Hersteller in Europa, und das kommt in der jetzigen Krise voll zum Tragen. Und hält weiter an. Denn gleichzeitig kämpfen  Massenhersteller, wie Opel, mit Absatzschwächen. Sie stehen unter Druck - und das ist kein konjunkturelles Problem.

Sondern?

Wir haben es - Euro-Staatsschuldenkrise hin, Bankenkrise her - ganz klar mit einem strukturellen Problem zu tun. Die europäischen Märkte sind gesättigt. Sie wachsen nicht mehr, sie schrumpfen teilweise sogar. Das, was wir derzeit in der Automobilindustrie sehen, ist eine Marktbereinigung. So wie wir das in Deutschland auch schon in anderen Branchen in den vergangenen Jahrzehnten durchlebt haben. Noch einmal: Wir haben eine Strukturkrise, keine Konjunkturdelle!

Also war 2012 eher ein schlechtes Autojahr?

Nein, 2012 ist trotz allem ein gutes Autojahr gewesen. Ausgenommen vielleicht die krisengeschüttelten südeuropäischen Länder von Griechenland bis Spanien: Dort haben die scharf gefahrenen Konsolidierungskurse der Regierungen in Form umfassender Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen zu starken Absatzrückgängen geführt, teilweise von bis zu 20 bis 30 Prozent.

Und weltweit betrachtet?

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Weltweit gesehen hat der Autoabsatz um etwa fünf Prozent auf fast 80 Millionen Pkw plus leichte Nutzfahrzeuge zugelegt. Das heißt im Klartext: Die Automobilindustrie ist weltweit eine Wachstumsindustrie und wird es auch bleiben, nur eben nicht für die Kranken und die Siechen.

Wie in Westeuropa?

Dort gibt es einen Rückgang um rund neun Prozent auf etwa 13,2 Millionen Automobile, das sind  etwa 1,2 Millionen Autos weniger als 2011. Bei voller Auslastung könnten etwa drei Millionen Autos in Europa mehr gebaut werden, die so natürlich als Beschäftigung fehlen. Das Wachstum des amerikanischen Marktes und auch des chinesischen machen diesen Rückgang aber mehr als wett.

Wer waren denn die Gewinner 2012 bei den Herstellern?

Die drei Top-Hersteller in diesem Jahr kommen alle aus Deutschland: Der eine sitzt in München, der zweite in Ingolstadt  und der dritte in Wolfsburg.  Wir haben mit BMW und Audi zwei Premiumhersteller, deren Geschäfte hervorragend liefen; und mit Volkswagen auch einen Massenhersteller, der auf ein hervorragendes Jahr zurückblicken kann. Alle drei wachsen gegen den Markt und gewinnen Marktanteile hinzu.

Woran liegt das?

Design "made in Germany".
Design "made in Germany".(Foto: REUTERS)

Das liegt schlicht und ergreifend am Image und an der Qualität der Produkte. Die deutschen Automobilhersteller haben mittlerweile eine Weltmarktposition erreicht, die auch höhere Preise erlaubt oder anders gesagt: Die Qualitätsanmutung der deutschen Marken ist so hoch, dass sie höhere Anschaffungspreise in den Hintergrund drängt. Die Käufer greifen, wenn sie Qualität,  Zuverlässigkeit und ein ansprechendes Design haben wollen, auf deutsche Autos zurück. Das hat dazu geführt, dass 2012 mehr als jedes fünfte verkaufte Auto weltweit ein deutsches Markenzeichen getragen hat.  Das hat es vorher noch nie gegeben.

Und die automobilen Verlierer 2012?

Die Top-Verlierer sind in erster Linie die europäischen Hersteller in Italien und Frankreich, also  außerhalb Deutschlands, oder die europäischen Töchter der amerikanischen Automobilkonzerne in Deutschland.  Alles in allem also die Volumenhersteller, die sich auf den europäischen Markt konzentriert haben.

Wie Opel?

Richtig. Opel zählt dazu, aber auch Ford und vor allem die französischen Hersteller wie Peugeot und Citroen. Aber auch Fiat und Renault haben mit erheblichen Absatzschwierigkeiten zu kämpfen und blicken deshalb auf kein gutes Jahr zurück.

Bleiben noch die asiatischen Hersteller …

Die haben sich 2012 sehr stark gezeigt, sowohl die japanischen Autobauer, wie auch die südkoreanischen. Toyota profitierte vor allem von einem deutlichen Wachstum auf dem US-Markt. Und dem Tsunami-Nachholbedarf in Japan selbst, wo sich der Absatz zeitweise fast verdoppelt hat. Aber auch Hyundai und Kia konnten Markterfolge - in Europa auch gegen den allgemeinen Trend - erzielen. Vor allem in Hyundai erwächst ein globaler Wettbewerber, der auch die europäischen Hersteller mehr und mehr das Fürchten lehrt. 

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Was ist denn eigentlich 2012 aus dem Thema Elektromobilität geworden?

Erwartungsgemäß nichts! Zumindest die Vollelektromobilität ist vom Tisch. Ein Auto nur mit Batterie zu betreiben, das haben die Hersteller eingesehen, dass so etwas zu teuer und deshalb auch nicht breiten- und alltagstauglich ist. Es gibt zwar einzelne innovative Nischenmodelle wie die "i Concept"-Serie von BMW - das sind aber reine Esoteriker-Autos, das heißt, sie sind sehr teuer und haben deshalb nichts mit dem Massenbetrieb zu tun. In der Massenanwendung ist der reine Elektroabtrieb klar in den Hintergrund getreten. Er hat der Hybridisierung Platz gemacht, die immer mehr in den Vordergrund drängt. Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren noch verstärken.

Zurück zu 2012: Was bleibt von diesem Autojahr im Gedächtnis?

2012 war ein Jahr mit einer sehr heterogenen Entwicklung in der Automobilindustrie, wir haben einen gespaltenen Markt: Auf der einen Seite, der nördlichen Hemisphäre, haben wir gesättigte Märkte. Auch in den USA. Dort fand zwar Wachstum statt, allerdings hatte der US-Markt nach der Finanzkrise auch erheblichen Nachholbedarf. Von den einst dort verkauften rund 17 Millionen Neufahrzeuge im Jahr sind wir jetzt aber erst wieder bei rund 14 Millionen angekommen. Wir haben also eine Sättigung im Norden - und wir haben erheblich wachsende Märkte im Süden und den Schwellenländern. Dort besteht nicht wie bei uns nur Ersatzbedarf, also ein altes Fahrzeug wird durch ein neues ersetzt. Dort besteht im Gegensatz dazu großer Erstbedarf. Somit müssen sich die Autobauer abfinden und den damit einhergehenden gnadenlosen Verdrängungswettbewerb annehmen. Opel Bochum wird sicher nicht das letzte Autowerk in Europa sein, das schließen muss.

Mit Helmut Becker sprach Thomas Badtke

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Quelle: n-tv.de

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