Wirtschaft
Ein VW-Logo in Teufelsoptik. Die Wolfsburger sind nicht die ersten, die es schwer erwischt. Leider wohl auch nicht die letzten.
Ein VW-Logo in Teufelsoptik. Die Wolfsburger sind nicht die ersten, die es schwer erwischt. Leider wohl auch nicht die letzten.(Foto: picture alliance / dpa)

Der Club der Skandalgeschüttelten: VW ist in schlechter Gesellschaft

Von Diana Dittmer

Volkswagen steht mit seinem Skandal nicht alleine da. Deutsche Bank, ThyssenKrupp, Siemens, Bayer - es gibt bereits einige Sündenfälle in der deutschen Industriegeschichte. Alle haben etwas gemeinsam.

Alles halb so wild bei VW? Ja und nein. Richtig ist, die Manipulation der Abgaswerte ist nicht das Ende der Welt. Die Absatzzahlen in den USA haben schon mal kaum auf den Skandal reagiert. Richtig ist auch, dass VW nicht der erste Konzern ist, der wegen eines Skandals schwer Schlagseite hat. Er wird auch nicht der letzte sein. Trotzdem bedeutet ein Skandal eine schwere Zäsur. Der Sündenfall an sich mag irgendwann vergessen sein, aber der Schaden, den die unsaubere Jagd auf Gewinne und Marktanteile anrichtet, entbehrt jeglichen Verantwortungsbewusstseins. Die Zeche für die Machenschaften bezahlen die Arbeitnehmer und die Anteilseigner. Beispiele gibt es dafür einige - auch bei anderen großen Dax-Unternehmen.

Unvergessen sind die Worte des ehemaligen obersten Deutschbankers Josef Ackermann bei Amtsantritt 2002. Damals versprach der Schweizer goldene Zeiten, 25 Prozent Eigenkapitalrendite vor Steuern sollten es sein. Damals erwirtschaftete die Deutsche Bank gerade mal 10 Prozent. Zehn Jahre später stand das Geldinstitut im Mittelpunkt des Liborskandals, ein Jahr darauf folgte der Devisenskandal. Im Frühjahr dieses Jahres flog sogar noch ein weiterer Skandal in Russland auf. Es geht um fragwürdige Wertpapiergeschäfte, um Geldwäschevorwürfe - womöglich sogar um Verstöße gegen politische Sanktionen. Heute ist klar: Die von Ackermann vorgegebenen Wachstumsziele haben jede Menge Lügerei und Regelbruch provoziert - auch wenn das nicht in der Absicht des Unternehmenslenkers stand.

Vergangenheitsbewältigung kostet Zeit und Geld

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Die Doppelspitze aus Jürgen Fitschen und Anshu Jain hat die Erwartungen bezüglich der Aufarbeitung der Skandale enttäuscht. Jain hat seinen Stuhl mittlerweile geräumt. Stattdessen soll es nun der Brite John Cryan, vorläufig noch an der Seite von Fitschen, richten. Cryans "Strategie 2020" stieß bei Beobachtern allerdings auf wenig Verständnis. Die böse Erkenntnis ist: Die Deutsche Bank vom Kopf zurück auf die Füße zu stellen, verlangt viel größere Anstrengungen, als angenommen. Wachstum bei der Deutschen Bank bleibt Zukunftsmusik. Stattdessen werden netto 9000 Arbeitsplätze abgebaut. Inklusive der geplanten Trennung von der Postbank sinkt die Mitarbeiterzahl bis 2018 damit um ein Viertel auf rund 77.000. Mehr als acht Milliarden Euro an Strafen zahlte der Konzern bis Ende 2014. Weitere knapp vier Milliarden sind zurückgestellt. Ob das reicht, wird sich noch zeigen müssen. Es ist ein hoher Preis für die Visionen Ackermanns.

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Auch das Dax-Schwergewicht Siemens hat mit dem 2006 aufgeflogenen Schmiergeldskandal einen großen Sündenfall. Die Erkenntnis damals tat weh: Der jahrelange Erfolg unter Heinrich von Pierer war auch auf Korruption gebaut. Der gefeierte Vorstandschef stürzte tief von seinem hohen Thron. Auch hier ging es anfangs um einen ehrgeizigen Umbau, hohe Wachstumsziele und Schmierstoff für den Börsenkurs. Rückblickend kostete die Aufarbeitung des Skandals fast drei Milliarden Euro. Der Konzernumbau hält unter Joe Kaeser, der seit Herbst 2013 im Amt ist, an - begleitet von immer neuen Stellenabbau-Schocks. 2005 zählte der Elektrokonzern noch weltweit 460.000 Beschäftigte. Anfang des Jahres waren es 120.000 weniger.

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ThyssenKrupp gehört ebenfalls zu den Skandalerprobten. Unter der Ära von Aufsichtsratschef Gerhard Cromme wurden gegen den Protest der Arbeitnehmer 1992 Hoesch und Krupp und fünf Jahre später Krupp und Thyssen zusammengeführt. Am Ziel angekommen warf ausgerechnet der als Corporate-Governance-Papst gefeierte Cromme alle Regeln guter Unternehmensführung über Bord. Weihnachten 2011 bestellte er zum Beispiel mit seiner Ehefrau auf Unternehmenskosten einen Flieger, um ins kolumbianische Bogotá zu reisen. 170.000 Dollar kostete der Spaß, den Cromme damit begründete, dass er sich mit Kolumbiens Präsidenten treffen wollte. Der Termin war allerdings erst Tage später.

Unter Cromme versenkte der Konzern im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends auch Milliarden in einem Stahlwerk in Brasilien. ThyssenKrupp geriet an den Rand des Kollaps.

Schuld sind die Alleinherrscher

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Alle "gefallenen" Unternehmen im Dax-Paradies haben eins gemein. Bei allen waren es wenige dominierende Führungspersönlichkeiten, die die dramatische Schieflage herbeiführten. Mit den Einpeitschern begannen Exzesse und Zersetzung im Konzern. Deutsche Bank, Siemens und ThyssenKruppp zeigen auch, wie schmerzhaft und langwierig die Aufarbeitung von Skandalen ist. Dass sogar nach Jahren die Vergangenheitsbewältigung nicht abgeschlossen ist und die Zukunft trotz großer Bemühungen trüb bleibt, wie bei der Deutschen Bank. Fraglich ist, wie die Konzerne in Zukunft hohe Erträge erwirtschaften, ihre Kosten decken und Investoren zufriedenstellen wollen, wenn sie "sauber" arbeiten. Wird es die Deutsche Bank schaffen? Beantworten lässt sich das nicht.

Fest steht aber, dass neben den Arbeitnehmern die Anleger für die Verfehlungen ihres Wahl-Investments zahlen. Der Kurs der Deutschen Bank büßte seit seinem Allzeithoch annähernd 77 Prozent ein. ThyssenKrupp gut 60 Prozent, VW 62 und Siemens 27 Prozent. VW sollte aus diesen Sündenfällen lernen. Zum einen, dass an einer gnadenlosen Aufarbeitung der Vergangenheit kein Weg vorbeiführt. Zum anderen, dass ein krasser Kurswechsel bei der Unternehmensführung unumgänglich ist. Es darf keine Alleinherrscher oder Selbstläufer geben.

Zumindest die Geschichte von Bayer, einer weiteren Ikone der deutschen Wirtschaft, zeigt, es gibt auch ein Leben nach dem Skandal. Anfang des Jahrtausends flog der Skandal um den Cholesterisenker Lipobay, das auch unter dem Namen "Baycol" vertrieben wurde, auf. Das Arzneimittel soll weltweit über 50 Todesfälle mitverursacht haben. Die Rücknahme des Medikaments und schlechte Geschäftszahlen ließen den Kurs der Bayer-Aktie einbrechen. Das Unternehmen verkündete den Abbau von 4.000 Stellen. Heute ist der Dax-Konzern mit dem Niederländer Marijn Dekkers als Vorstandschef und erst Manfred Schneider und dann Werner Wenning als Chef des Aufsichtsrats der wertvollste Konzern im Dax. VW ist dran, aber die Durststrecke wird lang.

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Quelle: n-tv.de

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