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Klassiker deutscher WitzeKlein Erna wird 100

06.09.2006, 10:33 Uhr

Vor 100 Jahren entstanden die ersten Geschichten über "Klein Erna". Heute wirken diese Witze reichlich angestaubt. Für ein Schmunzeln reicht es dennoch.

Dieser Geburtstag ist ein wahres Phänomen. Die meisten haben Witze über Klein Erna schon nach wenigen Minuten vergessen, und doch leben die Anekdoten der naiv-frechen Göre unverwüstlich fort. Vor 100 Jahren entstanden die ersten Geschichten des Witzklassikers. Inzwischen gibt es ihn in tausenden Versionen.

Es sind immer Mini-Humoresken in höchstens zehn Sätzen wie diese: "Klein Erna döst in der Deutschstunde. Die in die Jahre gekommene Lehrerin nimmt gerade in der Grammatik Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durch. Plötzlich ruft sie: 'Erna - Ich werde heiraten! Was ist das?' Klein Erna fährt hoch: 'Das is höchste Zeit, Frollein!'" So wie dieser Witz sind eigentlich alle Klein-Erna-Geschichten. Harmlos, ein bisschen langweilig, man kann sogar sagen: angestaubt. Und doch ist es für kleine Kinder meist der erste Kontakt zum deutschen Humor.

Auch wenn viele annehmen, Erna sei eine reine Fantasiefigur: Erna Nissen hat tatsächlich gelebt. Ihre Familie stammt aus dem schleswig-holsteinischen Niebüll nahe der Insel Sylt und aus Preetz bei Plön. Das fand Helmuth Thomsen 1963 in seinem richtungweisenden Forschungsbeitrag "Materialien zur Entstehungsgeschichte von Klein Erna" heraus. Angefangen hat alles mit einer missglückten Schiffstaufe: Die damals dreijährige Erna sollte ein Boot auf den Namen "Klein Erna" taufen. Aber die Sekt-Flasche zerbrach nicht am Rumpf, und Ernas Vater musste zur Hilfe kommen. Die allererste Klein-Erna-Anekdote war geboren.

Doch ohne den Hamburger Jugendclub "Alsterpiraten" hätte Klein Erna wohl nie eine Karriere als Witzfigur beginnen können. Als Familie Nissen 1906 aus Schleswig-Holstein in die große Hansestadt zog, legte ihr Segelschiff "Klein Erna" ganz in der Nähe der "Piraten" an. Ernas Brüder wurden Mitglied in dem Club und trugen das Missgeschick ihrer Schwester weiter. Es war unter den Jungen damals groß in Mode, sich kleine witzige Geschichten - auch Döntjes genannt - auf Missingsch zu erzählen, einer Mischung aus Hoch- und Niederdeutsch.

Die Jungen entwickelten in den nächsten Jahren die ersten Erna-Witze und gaben sie im engsten Kreis zum Besten. Durch Mund-zu-Mund Propaganda wurde die Göre bald stadtbekannt. Unabhängig von den Erlebnissen der "wahren" Erna wurden immer neue Anekdoten erfunden. Vera Möller begann in den 50er Jahren, die Döntjes zu sammeln und zu veröffentlichen. Kurz darauf, 1958, starb Erna Nissen in Oberbayern.

Was sie nicht mehr erlebte: Die Verfilmung "Klein Erna auf dem Jungfernstieg" (1969) mit Heidi Kabel und Heinz Erhardt machte die norddeutsche Figur in ganz Deutschland bekannt. Heute gehört Klein Erna ebenso zu den Hamburger Originalen wie der Wasserträger Hummel.

Aber Klein Erna hat auch Erben: Klein Egon und Klein Fritzchen kaspern sich durch Witze - und neuerdings auch Klein Ali. Wieder geht es um Deutschunterricht: "'Also Ali, ich brauche von dir noch eine Deutschnote. Sag mir doch mal bitte einen Aussagesatz!' Klein Ali überlegt und überlegt. Nach einiger Zeit sagt er: 'Der Baum ist grün.' - 'Gut', meint die Lehrerin, 'aber zu einer 1 Plus musst du schon noch was drauflegen! Sag mir doch dazu noch einen Fragesatz!' Klein Ali überlegt wieder und sagt dann nach kurzer Zeit: 'Der Baum ist grün. Weißt du?'" 100 Jahre sind um, die Witze nicht besser.

(Julia Räsch und Christof Bock, dpa)