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Vom Entwicklungshelfer zum Nilpferd "Schlafkrankheit" stellt viele Fragen

Was macht ein Arzt ohne Patienten? Ist er froh, die Krankheit besiegt zu haben oder fühlt er sich seiner Daseinsberechtigung beraubt? Was macht ein Europäer in Afrika, wenn er merkt, dass Millionen-Hilfsgelder offenbar an anderer Stelle verwendet werden oder in irgendwelchen Kanälen versickern? Der bärengekrönte Film "Schlafkrankheit" hat Fragen, aber keine Antworten.

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Die Darsteller Jean-Christophe Folly und Pierre Bokma mit Regisseur Ulrich Köhler bei der Berlinale 2011. (v.l.)

(Foto: picture alliance / dpa)

Dass "Schlafkrankheit" bei der Berlinale 2011 den Silbernen Bären für die beste Regie bekam, war für viele überraschend - die Kritiker waren sehr gespalten. Manche Rezensenten fanden den Film zäh und einschläfernd und bezogen sich naheliegenderweise auf den Filmtitel (was die Filmemacher im Vorfeld schon ahnten und deshalb eigentlich nach einem anderen Namen suchten, aber dann doch keinen passenderen fanden). Andere hingegen lobten den Streifen als einen realistischen, nicht verklärenden Blick auf Europäer in Afrika und die Probleme der Entwicklungshilfe.

Ist die Hilfe für Entwicklungsländer Fluch oder Segen? Diese Fragen – und viele andere mehr – stellt der Film von Regisseur Ulrich Köhler. Antworten gibt er keine – die hat er wohl auch nicht. Denn, so Köhler kürzlich in einem Interview: "Ich habe keine Ziele, keine Botschaft. Ich glaube nicht, dass ein Filmemacher ein Lehrer ist. Ich stelle Fragen, hauptsächlich persönliche Fragen." Und so verlässt man den Film mit einigen Fragezeichen im Kopf.

Eigene Erfahrung ja, autobiografisch nein

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Hin- und hergerissen: Ebbo und seine Frau (Pierre Bokma und Jenny Schily) vor ihrer geplanten Rückreise nach Deutschland.

(Foto: picture alliance / dpa)

Köhler kennt die Welt der Entwicklungshelfer in Afrika aus eigener Erfahrung, da er als Kind ebenjener einige Jahre in Zaire lebte. Er drehte sogar in dem Krankenhaus in Kamerun, in dem seine Eltern bis vor wenigen Jahren praktizierten (nachdem er sich etwa 100 andere afrikanische Krankenhäuser angesehen hatte - "auf Produktionskosten", wie er bei der Kinopremiere in Berlin schmunzelnd hinzufügte). Aber: "Ich erzähle nicht von meiner Familie. Ich weiß, was die Arbeit eines Entwicklungshelfers in Afrika ist, und ich habe Menschen kennengelernt, deren Leben sicher Einfluss auf die Erzählung hatte. Doch der Film ist keinesfalls autobiografisch.", so Köhler.

Hauptperson ist Ebbo (Pierre Bokma), der in Kamerun ein Forschungsprojekt zur Schlafkrankheit leitet. Er lebt zwar nicht im Luxus, aber doch als privilegierter Außenseiter mit Wach- und Küchenpersonal. Sein Projekt ist, realistisch betrachtet, überflüssig geworden, denn es gibt nur noch sehr wenige Patienten - die Erkrankungszahlen bewegen sich im einstelligen Bereich. Eigentlich ein Erfolg, auf den man stolz sein kann, doch die Rückkehr in die Heimat fällt schwer. So lässt er, schweren Herzens und für den Zuschauer recht überraschend, Frau und Tochter allein nach Deutschland zurückkehren, das Haus schon leer, die Taschen gepackt, der Nachfolger begrüßt.

Platz im Leben gesucht

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Ebbo, inzwischen Vater eines afrikanischen Kindes, wird von der WHO ein Arzt zur Evaluierung seines Projektes geschickt. (Pierre Bokma, Atangana Christelle Zita, Mme Eyenga Épouse Ndi, Paul de la Croix und Edimo Dikobo, v.l.)

(Foto: picture alliance / dpa)

Schnitt, schwarzer Bildschirm, drei Jahre später: Ebbo ist immer noch da, mittlerweile mit afrikanischem Familienanhang, der ihn finanziell stark beansprucht. Eine Tochter wird geboren, seine andere hat er seit drei Jahren nicht gesehen. Sein Geld steckt in dubiosen Tourismusprojekten eines ebenso dubiosen französischen Geschäftsmannes ... Ebbo scheint ziel-, plan- und antriebslos durchs Leben zu stolpern, ohne recht zu wissen, wo er hingehört.

Da wird ihm von der WHO ein junger französischer Mediziner, Alex, geschickt, der sein Projekt evaluieren soll. (Schließlich fließen seit fünf Jahren Millionen an Hilfsgeldern - irgendwo werden die ja ausgegeben). Auch Alex entdeckt, dass Ebbos Forschungsstation sinnlos geworden scheint, weil es keine Patienten mit der Schlafkrankheit mehr gibt und sich mehr Hühner und "Personal" als Kranke in dem Hospital aufhalten. Es kommt zu skurrilen Situationen, etwa, wenn Ärzte in den Dörfern angestrengt nach Patienten mit Schlafkrankheit suchen und mit Bedauern keine finden. Wie wird sich Alex entscheiden? Wird sein Bericht ehrlich ausfallen oder wird er Ebbo decken?

Auch diese Fragen bleiben unbeantwortet. Nur was aus Ebbo wird, kann man sich denken: ein Nilpferd. Mit afrikanischer Mystik endet der Film, der - fast ohne Musik - nicht langweilig und zäh daherkommt, sondern eher düster, geheimnisvoll - und voller Fragen. Die muss man sich dann allerdings selber beantworten. Oder einfach nur darüber nachdenken - nicht der schlechteste Effekt, den ein Film haben kann.

"Schlafkrankheit" ist am 23. Juni 2011 in den deutschen Kinos angelaufen.

Quelle: ntv.de