Leben

Radikal am Zeitgeist "Newton lieferte immer kongeniale Bilder"

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Newton - Meister der Provokation (Thierry Mugler Fashion, US Vogue, Monte Carlo 1995)

(Foto: Helmut Newton Foundation)

Neue Fotografien von Helmut Newton - gibt es die? "Ja", sagt Matthias Harder, Direktor und Kurator der Helmut Newton Stiftung. Er muss es wissen, schließlich verbringt er die Hälfte seiner Arbeitszeit in einem schier endlosen Archiv. Dabei stößt er immer noch auf unbekannte Bilder – auch 17 Jahre nach dem Tod des Fotografen. In der jüngst eröffneten Ausstellung sind von 300 Bildern knapp die Hälfte noch nie ausgestellt worden. Mit genau einem Jahr Verspätung, also zu Helmut Newtons 101. Geburtstag, feiert die Helmut Newton Stiftung im Berliner Museum für Fotografie diesen Ausnahme-Fotografen. Für ntv.de beleuchtet Matthias Harder Facetten Newtons in puncto Trendgespür, Chuzpe, Frauen, Fotografinnen und Vergänglichkeit. Dabei lässt Harder auch einiges von sich selbst aufblitzen.

ntv.de: Newtons Archiv ist so was wie Ihr Atelier. Sie kreieren dort neue Ausstellungen, graben nach unentdeckten Bildern. Ihr Kernthema dieser Jubiläumsausstellung ist die Modefotografie. Warum dieses Thema?

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Helmut Newton 1971 im Hotel de Passe, Paris (Selbstporträt mit Model)

(Foto: Helmut Newton Foundation)

Matthias Harder: Er hat die Modefotografie revolutioniert wie kaum ein anderer, und er war sein Leben lang in erster Linie Modefotograf. Newton ist gebucht worden, weil er immer neue kongeniale Bilder geliefert hat. Ein spektakuläres Kleid von Pierre Cardin, Yves Saint Laurent oder Karl Lagerfeld muss für Mode-Zeitschriften entsprechend in Szene gesetzt werden. Newton hatte die entsprechenden Antennen für Trends und konnte sie fantastisch visualisieren.

Was machte ihn so einzigartig?

Allein, wie er das Selbstbewusstsein der Frauen seit den 1960ern inszeniert hat. Das war neu. Wie die Models in seinen Modebildern stehen, sitzen und agieren, vor allem in der Zeit, als noch das Image einer spießigen Hausfrau in vielen Köpfen verankert war. Dann kommt Newton und fotografiert eine Frau, die einen Mann küsst, und sie ist eindeutig der aktive Part. Das Ganze war ein Zeitschrifteneditorial für Herrenmode, und das war für diesen Kontext ungeheuerlich. Newton lieferte Bilder ab, bei deren Betrachtung der eine oder die andere damals ein bisschen errötete. Von June gibt es dazu den passenden Satz: "He always was a naughty boy ..." (lacht)

Hat er gerne provoziert?

Ich denke schon. Diese Chuzpe hatte er in seinem Blut, darüber spricht er ja auch in seiner Autobiografie.

Newton liebte es, Grenzen auszutesten. Seine "Nudes" lebensgroß auf Papier zu bannen, war radikal neu. Er selbst betonte stets, welche Macht Frauen haben. Dennoch gibt es immer noch Diskussionen um ein eher frauenfeindliches Bild, das er mit diesen nackten Frauen, die nur High Heels tragen, geschaffen hat.

Es ist falsch, Newton nur auf seine Aktbilder zu reduzieren.

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Prada, Monte Carlo 1984

(Foto: Helmut Newton Foundation)

Das belegen Sie mit dieser Ausstellung sehr gut. Dennoch: Plakate, die 2020 in Berlin verteilt, ikonische Aufnahmen zu seinem 100. Geburtstag zeigten, wurden beschmiert, abgerissen und als sexistisch bezeichnet. Nervt das nicht?

Nein, die Diskussion bleibt sogar spannend. Newton hat schon damals manche Frauen mit bestimmten Bildern gereizt. Dabei lotete er moralische Grenzen aus oder definierte sie vielleicht sogar neu. In dem Dokumentarfilm "The Bad and the Beautiful" von Gero von Boehm, der vergangenes Jahr zu seinem 100. Geburtstag entstand, hören wir Newton sagen: "Ich mache meine Sachen. Was die Leute darüber denken, ist mir völlig schnuppe." Kritik perlte an ihm ab, auch weil er von seinem Werk ziemlich überzeugt und selbstbewusst war. Als Stiftungskurator kann ich mit diesen Diskussionen leben, solange die ausgestellten Fotografien im Museum nicht zu Schaden kommen.

Die Ausstellung zum Thema Mode ist herrlich glamourös und lebendig. Kommen wir mal zum Gegenteil: Wie stand Newton zum Tod?

Das Thema hat er komplett ausgeblendet. Selbst in späten Interviews hat er höchstens gesagt, dass er eine entsprechende Vorsorge getroffen hätte und sein Werk gut untergebracht werden würde. Wenn wir jedoch seine späten Fotografien betrachten, entdecken wir schon das eine oder andere Abschiedsbild, als hätte er etwas geahnt ...

Wie sehen diese Fotografien genau aus?

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Elle, Paris 1969

(Foto: Helmut Newton Foundation )

Da tauchen Lilien auf und manche Szenerien werden dunkler, unheimlicher. Hier in der Ausstellung ist "Leaving Las Vegas" für mich ein solches Symbolbild.

Man sieht eine typisch amerikanische Straße, ein Auto fährt auf den wolkenverhangenen, sehr düsteren Horizont zu. Helmut Newton hatte 1971 einen Herzinfarkt. Er ist damals dem Tod regelrecht von der Schippe gesprungen. Glauben Sie nicht, dass er sich damit auseinandergesetzt hat?

Vielleicht. Ein Aspekt, der dafür sprechen würde, ist, dass er rechtzeitig seine Stiftung auf den Weg gebracht hat, in seiner Heimatstadt Berlin, einige Zeit nach seiner Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie. Im Dezember 2003 stellte er mich als Kurator für dieses Haus ein. Sechs Wochen später starb er in Los Angeles nach einem Autounfall. Das war ein Schockmoment für uns alle.

Wie ging es Ihnen, als die Nachricht von dem Unfall kam?

Schlecht. Wir fragten uns natürlich auch, ob die Stiftung wie geplant realisiert werden kann. June, seine Frau, wurde nach seinem Tod zur treibenden Kraft und unsere Stiftungspräsidentin.

Denken Sie manchmal über die eigene Vergänglichkeit nach, wissend, dass Newton jetzt schon 17 Jahre tot ist?

Direktor und Kurator der Helmut Newton Stiftung, Dr. Matthias Harder, in der Helmut Newton Retrospektive, 29. Oktober 2021 ©thorstenwulff.jpeg

Direktor und Kurator der Helmut Newton Stiftung, Dr. Matthias Harder, in der Helmut Newton Retrospektive

(Foto: Thorsten Wulff)

Macht man das nicht ständig? Ich habe mal woanders eine Ausstellung über Blumen kuratiert und dazu ein Buch gemacht. Sofort landet man bei der Vanitas-Idee. Es geht doch immer um Vergänglichkeit. Ich bin auch ein großer Fan der deutschen Romantik (lacht).

Aber der Tod an sich beunruhigt Sie nicht?

Nein. (lacht)

Was bedeutet Newton für Sie persönlich?

Ich hatte als Student meine eigene Dunkelkammer und habe fotografiert. Ich liebe das Medium. Helmut Newton spielt jedoch in einer eigenen Liga. Mit seiner herausfordernden Art, auf die Welt zu schauen, hat er uns alle geprägt. Er war ein Freigeist, und das gefällt mir sehr. Seine Geschichte auch heute noch zu erzählen, ist für mich als Foto- und Kunsthistoriker fantastisch.

Hat sich Ihr Fokus über die Jahrzehnte verschoben?

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Natürlich. Am Anfang habe ich umgesetzt, was June als Stiftungspräsidentin vorgegeben hat. Inzwischen mache ich als Kurator und Direktor in Personalunion das Programm allein, und wir zeigen in jeder Gruppenausstellung selbstverständlich auch Fotografinnen.

Ist das nicht ein Zeichen der Zeit, jetzt Frauen zu zeigen?

Natürlich, aber verstehen Sie mich nicht falsch, es geht mir nicht um Quote, sondern um Qualität. Das heißt, wenn wir jetzt mehr Fotografinnen ausstellen, dann muss die Qualität der ausgewählten Arbeit ähnlich hoch sein wie Newtons Werk, zugleich aber auch autonom, sonst wäre es ja langweilig.

Dabei ist doch Newton Ihre harte Währung. Sie sagten, 90 Prozent Ihres Publikums drehen an der Kasse wieder um, wenn kein Bild des Meisterfotografen gezeigt wird. Ist es so einfach?

Vielleicht sind 90 Prozent etwas übertrieben, das ist eine Zahl, die ich von unseren Mitarbeitern an der Kasse bekomme; aber tatsächlich reisen die Menschen aus der ganzen Welt an, um seine Fotografien hier in Berlin zu sehen. Wir verleihen zudem weltweit komplette Ausstellungen oder größere Werkgruppen. Er ist ein Klassiker der Fotogeschichte, zugleich so zeitlos-zeitgenössisch - und wir tun unseren Teil dazu, dass er nicht vergessen wird.

Mit Matthias Harder sprach Juliane Rohr

Helmut Newton. Legacy ist bis zum 22. Mai 2022 im Museum für Fotografie/Helmut Newton Stiftung, Jebensstraße 2, 10623 Berlin zu sehen.

Quelle: ntv.de

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