Essen und Trinken

"Sie sind wirklich gut" Auch Heuschrecken haben Aroma

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Eine karamellisierte Heuschrecke krönt das Törtchen.

(Foto: REUTERS)

Spätestens seit dem Dschungelcamp weiß auch der letzte Fremd-Ekler der Nation, dass Krabbeltiere nicht nur krabbeln, sondern - verspeist - auch Kronen der Schöpfung am (TV-)Leben erhalten können. Glaubt man Selma Hayek, sind gebratene Ameisen lecker, vor allem mit Avocado-Creme. Auch ist die Insektenküche gut für die Umwelt: Mehlwürmer pupsen nicht.

Für den Deutschen an sich ist das Verspeisen von Insekten nicht alltäglich. Für Völker der Dritten Welt schon, denn ohne den hohen Proteingehalt von Würmern, Termiten und Heuschrecken wäre das Überleben vieler Menschen noch schwieriger. In vielen Ländern Südostasiens, Afrikas und Lateinamerikas stehen etliche der weltweit über 1800 für den Verzehr geeigneten Insektenarten auf dem täglichen Speiseplan.

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Industriell aufgezogene Käfer, Heuschrecken oder Wasserwanzen könnten im Kampf gegen den Hunger eingesetzt werden.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Darüber hinaus gelten die fliegenden, laufenden oder kriechenden Tierchen als überaus wohlschmeckend. In Laos, Kambodscha, Vietnam, China, Thailand und Birma kommt als Beilage zum Reis oft genug in die Schüssel, was da so krabbelt. Und was für uns die Tüte Kartoffelchips oder Popcorn ist, ist in diesen Ländern halt der Käfer-Snack. Mein Freund Peter hat noch heute die fettige Tüte vor Augen, die ihm sein burmesischer Mitarbeiter überaus zuvorkommend reichte, als den Peter der Hunger arg plagte. Als sein Blick in die Tüte auf große gegrillte Käfer traf, hatte der gute Deutsche plötzlich keinen Hunger mehr. Von der Erinnerung zehrt Peter noch heute.

Den westeuropäischen Igitt-Effekt von Peter kann Hollywood-Schauspielerin Selma Hayek nun überhaupt nicht verstehen. Für die gebürtige Mexikanerin sind gebratene oder gegrillte Insekten wahre "Delikatessen". Allein beim Gedanken daran laufe ihr das Wasser im Munde zusammen, sagt Hayek dem "People"-Magazin. "Kleine gebratene Ameisen sind lecker - mit ein bisschen Avocado-Creme. Und Würmer erst … Kleine Grashüpfer gibt es mit rauchigem Aroma. Sie sind wirklich gut."

Mehlwürmer pupsen nicht

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Sehr gewöhnungsbedürftig für den europäischen Gaumen.

(Foto: REUTERS)

Laut einer Studie der UN-Welternährungsorganisation FAO steht angesichts der sprunghaft steigenden Weltbevölkerung außer Frage, dass es künftig ressourcenfreundlichere Alternativen zu Schwein und Rind geben müsse. Nur im Westen habe man "psychologisch ein Problem damit", Insekten zu verzehren, sagt Ernährungsexperte Arnold van Huis der BBC. Doch eigentlich gebe es keinen Grund, Insekten als Nahrung abzulehnen, weder vom Geschmack noch vom Ernährungswert her. Wichtig sei nur, sie richtig zuzubereiten, so der Entomologe der Universität Wageningen (Niederlande): Korrekt gekocht schmecken Insekten delikat. 

Neben den kulinarischen und ernährungsphysiologischen Vorzügen beschreibt van Huis in seiner Studie noch einen positiven Effekt für die Umwelt. Während für die Produktion von 1 Kilo Fleisch 13 Kilo Nahrungsmittel verfüttert werden, knabbern Grashüpfer, Mehlwürmer und Co. nur 1,5 bis 2 Kilo. Auch pupsen sie nicht so wie die Kühe …

Van Huis’ Vorstoß ist nicht ganz neu. Schon Anfang der 1990er Jahre sah der französische Ernährungsforscher Bruno Comby in seinem Buch "Köstliche Insekten - Die Proteine der Zukunft" in der Insektenküche eine mögliche Lösung für den Welthunger. Die Van-Huis-Studie soll nun offiziell ins FAO-Programm aufgenommen werden. 2013 soll sich erneut ein Welternährungsgipfel mit dem Thema befassen. Ziel der FAO ist es allerdings, zunächst die Ernährung mit Insekten in jenen Ländern zu fördern, in denen diese bereits Tradition hat.

EU-Norm für Käfer und Co.?

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Geröstete Chapulines (Heuschrecken) im Teigfladen sind eine Spezialität der mexikanischen Küche.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Europäer davon zu überzeugen, dürfte auch ungleich schwieriger sein. Obwohl: Wissen Sie, wie viel Maden, Larven und andere "Untiere" Sie unwissentlich konsumieren? Das fängt an mit den geklauten Süßkirschen aus Nachbars Garten in der Kinderzeit - wer hat da schon hineingeschaut? Und die getrockneten teuren Steinpilze aus der Gourmet-Abteilung - sind die wirklich madenfrei? Es sollen rund ein halbes Kilo Insekten sein, die wir pro Kopf und Jahr verputzen - fein gemahlen in Marmeladen, Spagettisaucen und Tiefkühlspinat. Trösten Sie sich - die "Beigaben" sind durchaus gesundheitsfördernd. Laut FAO enthalten 100 Gramm getrocknete Raupen 53 Gramm Eiweiß, sie sind reich an Mineralien und enthalten (je nach Art) viel Kalzium, Zink, Kalium, Magnesium und Eisen. Vitamine natürlich auch.

Eine weiterführende großflächige "Beraupung" zum Beispiel in der EU ist aber nicht zu befürchten, da bin ich mir angesichts des Normierungswahns ganz sicher: Die Insekten dürfen keine Krümmung haben (Gurken!), sie müssen eine gewissen Größe haben (Traktorensitze!) und dürfen beim Grillen nicht zu sehr qualmen (Rauchverbot!). Ehe die EU-Kommissare das den Insekten beigebracht haben …

Würmer auf der Pastete

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Die Autoren des Insektenkochbuchs, Henk van Gurp (M), Marcel Dicke (3. v.r.) und Arnold van Huis (r), beim Kosten des Insektenkuchens an der Universität Wageningen.

(Foto: REUTERS)

Die Wageningener Uni ist weltweit eine der wichtigsten Forschungsinstitutionen in Lebens- und Agrarwissenschaften und hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, Berufs- und Hobbyköche vom Wohl der Insektenküche zu überzeugen. Van Huis, sein Wissenschaftskollege Marcel Dicke und "Insektenkoch" Henk van Gurp haben im April das erste niederländische Insektenkochbuch präsentiert. Und das Restaurant "Specktakel" in Haarlem, das für seine "besondere Weltküche" wirbt, überraschte seine Gäste im März mit einem Fünf-Gänge-Insekten-Menü und im April mit einer Fleischpastete, garniert mit Samen, Nüssen und Würmern. Der Ehrlichkeit halber muss gesagt werden, dass Specktakel-Koch Mark van Kimmenaede nicht gerade einen Insekten-Boom in den westlichen Industriestaaten erwartet: "Es wäre schön, ein oder zwei Gerichte mit Insekten auf der Speisekarte zu haben - aber es sollte Spaß bleiben."

Für Ihren Spaß am Wochenende empfehle ich Ihnen eine Kreation aus meinem Freundeskreis - auch gesund, aber insektenfrei (es sei denn, Sie waschen den Salat nicht richtig). Da die durcheinander ragenden Rucola-Stiele irgendwie an grüne Riesen-Heuschrecken erinnern, wurden sie bei einer fröhlichen Geburtstagsrunde so getauft:

Maréns Heuschrecken-Röllchen

Zutaten (4 Pers)

12 sehr dünne Scheiben luftgetrockneter Schinken
1 Packung Rucola
50 g frisch gehackte Walnüsse
50 g frisch geraspelter Parmesan
1 Zitrone oder Limette
Olivenöl, Salz, Pfeffer

Zubereitung:

Rucola verlesen, abbrausen und gut abtropfen lassen. Auf jede Scheibe Schinken etliche Rucola-Blätter so legen, dass auf einer Seite die Blattspitzen und auf der anderen Seite die Stiele überstehen. Jeweils Nüsse und Parmesan darauf streuen und den Schinken locker zusammenrollen.

Alle fertigen Röllchen auf einer Servierplatte anrichten und nochmals Nüsse und Parmesan über alle Röllchen streuen.

Aus Olivenöl, Zitronensaft, frisch gemahlenem Pfeffer und wenig Salz eine Vinaigrette rühren oder schütteln und kurz vor dem Servieren alle Röllchen gut damit beträufeln. Frisches Baguette oder Ciabatta dazu reichen.

Gutes Gelingen wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de