Essen und Trinken

"Die Heiden hier sind übel" Da irrt der Erzbischof!

So übel, wie Adalgot von Osterburg behauptet, sind sie nämlich nicht. Sie sind gastfreundlich, haben allerlei zu bieten und geben gerne davon ab.

titan_2.jpg1300 Kilometer in acht Wochen. Nein, nicht ich mit dem Fahrrad, sondern 20 schwere Kaltblutpferde mit zehn Planwagen auf dem Weg in den Hohen Fläming.

Belzig_Springbachmuehle1.jpgAuf meinem Weg in den im Südwesten Brandenburgs gelegenen Höhenzug bin ich ihnen begegnet. Ich war auf dem Weg von Berlin in meine heißgeliebte "Springbachmühle”, wo meine Freundin Moni ihren 60. Geburtstag feierte, und da sind sie mir begegnet: Der Tross kam mir entgegen auf seinem Weg nach Brück, und ich saß im Auto auf dem Weg nach Belzig - sozusagen in der 1. Reihe.

Der Planwagentreck "Titanen on Tour” hatte am ersten Mai-Wochenende im flandrischen Brügge begonnen. Acht Wochen später bereiteten knapp 10.000 Besucher des Kaltblutspektakels "Titanen der Rennbahn” im brandenburgischen Brück den Kutschern und Pferden einen begeisterten Empfang.

titan_3.jpgWie es hieß, hatten zehntausende Menschen den Treck während seiner Aufenthalte in Städten und Dörfern Belgiens, der Niederlande, Nordrhein-Westfalens, Niedersachsens, Sachsen-Anhalts und Brandenburgs begrüßt. Nach Angaben der Veranstalter waren rund 150 Hufeisen nötig, damit die Pferde die Reise beschwerdefrei bewältigen konnten. Die Planwagen waren zuvor in Polen originalgetreu nachgebaut worden, Stückpreis 10.000 Euro.

Die Tour sollte nämlich an die Besiedlung des heutigen Flämings durch Flamen und Holländer vor 850 Jahren erinnern. Auch seinen Namen führt der in der Eiszeit entstandene Höhenzug nach den Flamen, die nach der Gründung der Mark Brandenburg 1157 in großer Zahl die Gegend besiedelten. Allerdings nannten nicht die Siedler den Fläming so, erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich der Name für den Niederen und den Hohen Fläming eingebürgert. Im Mittelalter trug er zum Teil den Namen Sächsischer Grenzwall. Menschen siedelten im Fläming schon vor mindestens 5000 Jahren. So alt sind nämlich die ältesten, bei Cammer gefundenen Pfeil- und Speerspitzen sowie Klingen aus Feuerstein.

titan_1.jpgWie viele Landstriche verzeichnet auch der Fläming eine wechselvolle Geschichte; hier war es ein Hin und Her von Germanen und Slawen. Endgültig in deutschen Besitz gelangte die Flämingregion um Belzig ab 1140. Ein groß angelegter Landesausbau begann auf Veranlassung des Brandenburger Markgrafen, des Magdeburger Erzbischofs, des Brandenburger Bischofs und der Herren von Belzig. Weil das Gebiet dünn besiedelt war, entsandten die Landesherren sogenannte Lokatoren, um Bauern und Handwerker aus dem Westen anzuwerben. Sturmfluten an der flandrischen Küste hatten um 1100 den Bewohnern Besitz und Land geraubt. Es erging der Ruf: "Kommt her, ihr Franken und Flamländer, hier könnt ihr herrliches Wohnland erlangen!" Und so strömten im 12. Und 13. Jahrhundert rund 400.000 Menschen nach Osten. Die Siedler kamen vor allem aus der Altmark, dem Harz, Flandern und den Rheingebieten. Denn das "neue" Land bot einiges, wie der Magdeburger Erzbischof, Adalgot von Osterburg, 1107 wusste: Es ist "höchst ergiebig an Fleisch, an Honig, an Mehl und Vögeln … das beste Land zum Siedeln." Allerdings: "Die Heiden hier sind übel…"

So übel sind sie heute nicht mehr! Die Kolonisten und Siedler, christliche Bauern und Handwerker erschlossen weite Landstriche und brachten der Region wirtschaftlichen Aufschwung. Sie lebten mit den slawischen Einwohnern zusammen; ihre Kulturen verschmolzen. Wasser- und Windmühlen vermitteln heute noch einen Einblick in das handwerkliche Können vor Jahrhunderten. Und nicht zuletzt prägen drei Burgen das Gesicht des Flämings: Eisenhardt, Rabenstein und Wiesenburg (letztere 1730 zu einem Schloss umgebaut).

Belzig_Springbachmuehle2.jpgSeit 1997 ist der Naturpark Hoher Fläming Großschutzgebiet, mit 827 Quadratkilometern das drittgrößte Brandenburgs. Es leben etwa 27.000 Menschen im Gebiet des Naturparks. Über 90 Prozent der Fläche sind als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen. Typisch für den Hohen Fläming ist der stete Wechsel von Wald, Äckern und Wiesen, durchzogen von Bächen und Rinnsalen.

Das merkt man auch an der Küche dieser sanften Landschaft: Wohlschmeckende Kartoffeln, feinster Kuchen, viel Wild, Geflügel und Fisch. Und alles von "vor der Tür"!

Ich versuche mich dieses Mal an einem "Wiesenbraten". Der wurde früher aus fettem Hammelfleisch zubereitet und kalt als Wegzehrung von den Bauern auf die Wiesen zum Heumachen mitgenommen, auf eine gebutterte Graubrotstulle gelegt und mit Braunbier verzehrt:

Zutaten (6 Personen):

2 kg frischer Lammrücken
½ l trockener Weißwein
5 Zehen Knoblauch
1 Bund frischer Thymian
3 Möhren
1 Petersilienwurzel
½ Knolle Sellerie
1 Zwiebel
etwas Schmand
frisch gemahlener schwarzer Pfeffer, Salz, etwas Rapsöl zum Anbraten

Zubereitung:

Belzig_Springbachmuehle3.jpgDen Lammrücken waschen und abtupfen. Oberste Fettschicht entfernen (es sollte eine dünne Fettschicht bleiben). Mit frisch gemahlenem Pfeffer bestreuen. Den Lammrücken in ein entsprechend großes Gefäß legen und mit Thymian und dem in feine Scheiben geschnittenen Knoblauch bedecken. Den Wein angießen. Abgedeckt mindestens über Nacht im Kühlschrank marinieren (oder auch länger).

Den Backofen auf höchster Stufe vorheizen. Das Fleisch aus der Marinade nehmen. 1/4 Liter Marinade und den Thymian aufbewahren. Das Fleisch abtupfen, ringsum mit Salz einreiben, evtl. nachpfeffern. In einem Bräter ca. 1 EL Öl erhitzen, das Fleisch hineingeben und etwa eine Viertelstunde bei 225° braten.

Das in grobe Stücke zerkleinerte Gemüse ringsum legen und nochmals 10 Minuten mitrösten. Mit der Marinade ablöschen. Die Thymianzweige wieder auf das Fleisch legen, den Backofen auf 190° herunterschalten, den Braten abdecken und eine halbe bis eine Stunde braten (kommt auf das Alter Ihres Lamms an). Dabei immer wieder mit dem Bratenfond begießen.

Ist das Fleisch weich, noch mal kurz in der sehr heißen Röhre oder unter dem Grill bräunen, herausnehmen und warm gehalten 15 Minuten ruhen lassen. Von den Knochen lösen, in Scheiben schneiden. Den Bratenfond mit etwas Wasser abkochen, durch ein Sieb gießen und mit etwas Schmand binden. Die Fleischscheiben mit der kurz gehaltenen Soße überziehen.

Dazu schmecken zum Beispiel Rahmwirsing und gratinierte Kartoffeln. (In der "Springbachmühle" gibt es zu Wild und Lamm oft eine Kartoffel-Speck-Roulade aus Kloßteig gerollt und überbacken. Lecker!) Und natürlich ein in Belzig frisch gebrautes "Bernstein-Bier".

Wollen Sie den Wiesenbraten "echt", also kalt, verfahren Sie so: Das gare Fleisch aus dem Bräter nehmen, in Folie wickeln und zum Abkühlen kalt stellen. Den kalten Braten vom Knochen lösen, in fingerstarke Scheiben schneiden und auf gebutterte Brotscheiben legen. Dann müssen Sie aber auch zum Heumachen in die Wiesen fahren!

Einen schönen Sommer wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de