Essen und Trinken

Blunzen, Hopperlkraxn und Zwirnscheißer Mir san mia. Wir auch, nur anders.

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Wer zum Beispiel in der Wachau keine Marillenknödel isst, ist selbst schuld.

(Foto: Peter Smola_pixelio.de)

Viele Menschen sprechen deutsch; im günstigsten Falle hochdeutsch. Das verstehen auch deutschsprechende Gäste aus dem anderssprachigen Ausland. Die richtige Würze aber bringen erst Sprachvariationen, auch wenn einem die Ohren klingen, weil man nur Bahnhof versteht.

Ich habe volles Mitgefühl mit unseren deutschsprachigen Nachbarn, die sich um ihre sprachliche Identität sorgen. Denn Österreichisch ist zwar Deutsch, aber nicht nur. Oder, wie in Wien gern behauptet wird: Österreichisch ist das deutschere Deutsch, weil es zum Beispiel mehr alt- und mittelhochdeutsche Wörter bewahrt habe als Mundarten nördlich des Weißwurstäquators.

Dabei geht es weder um Sprachwissenschaft noch um Kulturkampf, sondern um sprachliche Identität, im weitesten Sinne um Heimat. Abhandlungen über das beste Deutsch füllen schon ganze Bibliotheken, eine wirklich päpstliche Entscheidung wird es wohl nie geben. Und das ist auch gut so, denn Hochsprache ist nur Schwarz-Weiß, erst der Dialekt bringt Farbe ins Gerede.

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Büstenhalter oder auch Hopperlkraxn auf der Leine.

(Foto: Peter Kühn_pixelio.d)

Inzwischen gibt es viele Bemühungen um sprachlichen Artenschutz. Mittels Patenschaften sollen bedrohte Wörter aus dem Sprachschatz von Deutsch, Österreichisch oder Platt bewahrt oder verloren gegangene wiederbelebt werden. Vor allem der Wiener Autor Robert Sedlaczek und der Berliner Autor Bodo Mrozek erreichen mit ihrem Engagement gegen eine sprachliche Verarmung viele Sprachbegeisterte. Im Alltag ist der Gebrauch bedrohter Wörter jedoch nicht ganz einfach: Lauthals eine Packung Schlüpfer statt Slips im Kaufhaus zu ordern dürfte fast verwegen sein. Wir werden leider alle älter, auch unsere Wörter sind einem Alterungsprozess unterworfen und werden eines Tages "beerdigt" wie Schabernack  und Labsal, wie Kavalier und Herzeleid, wie Rechtschaffenheit und Obacht. Manche Wörter verschwinden, weil sie etwas bezeichnen, was es nicht mehr gibt. Oder wissen Sie, wo es noch ein Telefon mit Wählscheibe gibt? Ebenso drängen neue Wörter auf den Sprachmarkt: Kino wirft Lichtspielhaus aus dem Rennen, Date das Stelldichein, und ein Hagestolz ist längst ein Single. Büstenhalter sagt niemand mehr, höchstens in Kurzform als BH. Experten von mehr oder weniger gehen ins Detail: Wonderbra oder Minimizer.

Variantenreiches Deutsch

Zwar gibt es immer noch Bürohengste und mancherorts wiehern Amtsschimmel lauter denn je – aber wer sagt das noch? Auch Bratkartoffelverhältnisse sterben eigentlich nicht aus, und Atombusen wird es immer geben, dennoch stehen diese Bezeichnungen auf der Roten Liste bedrohter Wörter. Laut Mrozek tummeln sich da bereits über 800 Begriffe. Sonntagsstaat ist übrigens nicht identisch mit GroKo.

Dialekte sind die Sprache der Eingeborenen, sie sind nicht stocksteif wie die gedruckten Anweisungen vom Finanzamt, sondern geballte Gefühle. Korinthenkacker oder Erbsenzähler als umgangssprachliche Bezeichnung für einen kleinlichen, pedantischen Menschen dürfte im ganzen deutschen Sprachraum bekannt sein. In der deutschsprachigen Schweiz sind das die Tüpflischisser, und die Österreicher sprechen da gern von einem Zwirnscheißer. Hört sich doch alles viel lustiger an als Umstandskrämer. Für den Schisser natürlich nicht.

Ein wenig neidisch schielen die Österreicher nach Bayern. "Die Bayern haben da noch ein größeres Selbstverständnis, als wir es je hatten", sagt die Direktorin des Instituts für Österreichische Dialekt- und Namenlexika, Ingeborg Geiyer. Beide Sprachvariationen hätten trotz einer politischen Grenze dieselben Wurzeln. Sogar das sattsam bekannte (und im politischen Leben außerhalb Bayerns sehr nervige) "mir san mia" als Kurzformel für alles Bayerische von Gschaftlhuber über Spezl bis zum FC Bayern kommt eigentlich aus dem Österreichischen. Die Infanteristen des k.-u.-k. Hoch- und Deutschmeister Regiments Nr. 4 sollen um 1890 in Wien geschmettert haben: "Mir san mir – von Numero vier – alleweil stier." Also pleite. Was man von Bayern trotz des abgekupferten Mottos nicht sagen kann.

Artenschutz für Paradeiser

Ich liebe Österreichisch, auch wenn ich meistens nur knapp die Hälfte verstehe und mich zwischen Agraseln (Stachelbeeren) und Ribiseln (Johannisbeeren) immer noch nicht richtig durchfitzen kann. Man muss diese Sprache einfach mögen, sie ist gemütlich, mitunter etwas derb, hat Melodie und Seele. "Mich nervt manchmal, wenn ich in unserem Land einkaufen gehe und die Verkäuferin sagt zu mir: 'Wollen Sie eine Tüte für Ihr Brötchen?' und mich dann mit 'Tschüss' verabschiedet", klagt Schauspieler Harald Krassnitzer. "Da neige ich dann dazu zu sagen: 'Ich brauch ein Sackerl und ich will ein Semmerl - Servas!'"

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Steirisches Kürbiskernöl hat in der EU Regionenschutz erhalten.

(Foto: Fabian Forban_pixelio.de)

Auch Sedlaczek beklagt, dass das  Österreichische  immer mehr eingedeutscht wird, und sieht als einen der Hauptschuldigen die Medien. In Zeitungen, TV-Sendern und in der Werbung dominiere das Hochdeutsche, daher lernten immer weniger junge Menschen den Wortschatz ihrer Heimat. Eine Hopperlkraxn (Büstenhalter) hängt wohl nur noch in der tiefsten Steiermark auf der Leine. Geschnaxelt wird immer, junge Österreicher benennen ihre Bettgeschichten allerdings anders. Manch verfängliche österreichische Bezeichnung hat im Hochdeutschen eine völlig harmlose Bedeutung, da kann man als "Piefke" ganz schön ins Rudern kommen. Der Reisende tut gut daran, vor der Abfahrt ein paar Vokabeln zu pauken: Kavalierspitz ist kein Hund von einem Gawlier (der Genitiv ist ziemlich unbeliebt) und ein mageres Meisel ist kein hungriges Vögelchen. Und es heißt immer "der Butter" und "der Benzin", auch wenn’s für unsere Ohren ziemlich falsch klingt. Im "Protokoll Nr. 10 über die Verwendung österreichischer Ausdrücke der deutschen Sprache" zum österreichischen EU-Beitrittsvertrag ließ Wien sogar 23 Bezeichnungen aus dem Küchenvokabular unter Schutz stellen, darunter Paradeiser (Tomaten) und Faschiertes (Hackfleisch).

Laut Sedlaczek ist das Kulinarische der Hort des österreichischen Sprachstolzes. Zu Recht, denn die Österreicher können stolz sein auf ihre Küche, die ein kulinarisches Erbe vieler Völker ist. Die hatten zwar in k. u. k. Österreich-Ungarn nicht allzu viel zu sagen, hinterließen aber tiefe Spuren ihrer Küchenkünste. Kaiserschmarrn und Palatschinken, Sacher- und Linzertorte, Wiener Schnitzel und Tafelspitz – das und noch vieles mehr ist weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt. Nicht so bekannt sind etliche deftige Gerichte, die meistens regionalen Ursprungs sind. So ist vor allem in der Steiermark gebratene Blutwurst sehr beliebt. Wie viel lustiger hört es sich aber an, isst man

Blunzengröstl

Zutaten (4 Pers):

500 g Blunzen (Blutwurst)
500 g speckige Erdäpfel (festkochende gelbe Kartoffeln)
100 g Zwiebeln
80 g Schmalz oder Öl
1 Bd Schnittlauch
Salz, schwarzer Pfeffer aus der Mühle, Majoran

Zubereitung:

Die Kartoffeln in der Schale bissfest kochen, pellen und in dünne Scheiben schneiden. Die Blutwurst häuten und in etwa 1 Zentimeter dicke Scheiben schneiden. Die Zwiebeln fein würfeln und in einer großen Pfanne in wenig Schmalz hell anschwitzen. Die Kartoffelscheiben dazugeben, gut durchrösten und mit Salz, Pfeffer und Majoran würzen. Dann aus der Pfanne heben und warm stellen. Das restliche Schmalz in der Pfanne erhitzen und darin die Blutwurstscheiben sehr knusprig braten. Die beiseite gestellten Kartoffeln nun vorsichtig unterheben und mit Schnittlauchröllchen bestreuen. Mitunter wird auch frisch geriebener Kren (Meerrettich) dazu gereicht. Beliebte Beilage ist Krautsalat.

Tipp: Die Blutwurstscheiben werden besonders knusprig, wenn man sie vor dem Braten in Mehl wendet.

Das schmeckt auch außerhalb Österreichs! Viel Erfolg wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de