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Beim "Toast Hawaii" geht es nicht um Artenvielfalt: Brot, Kochschinken, Ananas und Käse. Nur so und nicht anders.
Beim "Toast Hawaii" geht es nicht um Artenvielfalt: Brot, Kochschinken, Ananas und Käse. Nur so und nicht anders.(Foto: imago stock&people)
Samstag, 24. Januar 2015

Vom "Fernwehkoch" gestapelt: "Toast Hawaii" wird 60

Von Heidi Driesner

Diese Schnitte ist die deutsche Allzweckwaffe am Küchentisch schlechthin. Sie widersteht allen Modernisierungsversuchen und hat bis heute überlebt, führt aber ein Nischendasein. Zu Recht oder zu Unrecht?

Kaum ein Tag, kaum ein TV-Sender ohne Koch-Show. Es ist Trend, sich immer widersinnigere Schnippelschlachten vor laufender Kamera zu liefern. Am Anfang dieses medialen Bratgeschäfts stand ein Koch, der keiner war.

Der erste Fernsehkoch Deutschlands war eigentlich Schauspieler, nannte sich Clemens Wilmenrod, von Geburt aber war er ein Carl Clemens Hahn. "Hahn" war auf der Bühne vermutlich nicht ansprechend genug, Clemens schon, und so ersetzte der Mann aus dem Westerwald seinen Nachnamen mit dem seines Heimatortes: Wilmenrod. Clemens Wilmenrod war geboren, was auch gut war für die spätere Küchenkarriere, denn ein Koch lässt sich nun mal nicht gerne aufs Federvieh beschränken.

Clemens Wilmenrod wurde als TV-Koch populär und zu einer der schillerndsten Figuren in der Geschichte des Fernsehens.
Clemens Wilmenrod wurde als TV-Koch populär und zu einer der schillerndsten Figuren in der Geschichte des Fernsehens.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Trotz Klavierunterrichts an einem Konservatorium und Schauspielerausbildung wurde aus dem Wilmenroder Müllersohn weder ein berühmter Pianist noch ein erfolgreicher Mime. Kochen konnte er übrigens auch nicht. Es heißt, Wilmenrod konnte weder anständig Zwiebeln schneiden noch ein Hähnchen tranchieren. Die ersten richtigen Bewegungen mit dem Messer soll ihm seine Schwester Gertrud beigebracht haben. Feinheiten sah er sich später bei seiner Ehefrau Erika ab, die als Metzgertochter genügend Erfahrungen mitbrachte. Erst als Wilmenrod schon als TV-Koch flimmerte, soll er das Handwerk von einem richtigen Koch gelernt haben. Später überwarf sich Wilmenrod mit seinem Lehrer Hans Karl Adam; wie meistens im Leben ging es um Geld.

Dampfplauderer mit Amöbenruhr

Weil Wilmenrod zur richtigen Zeit die richtige Idee hatte und auch genügend Enthusiasmus, um seine Vorstellungen in die Tat umzusetzen, wurde letzten Ende aus ihm Deutschlands erster TV-Koch. Seine erste Sendung lief am 20. Februar 1953 als Live-Show, da war das Fernsehen gerade mal acht Wochen alt, Wilmenrods Fernsehgeschäft überdauerte immerhin zehn Jahre. In der deutschen Nachkriegszeit, als eher sättigende Eintöpfe als komplizierte Gourmet-Spielereien auf den Tisch kamen, bediente Wilmenrod das Fernweh der Deutschen, die Sehnsüchte nach ein bisschen Exotik, nach heiler Welt, nach Spaß auch am Essen.

Berühmt-berüchtigt sind seine Fantasienamen für die Kreationen: "Arabisches Reiterfleisch", was nichts weiter war als krümelig gerührtes Hackfleisch und wie Bulette schmeckte, "Venezianischer Weihnachtsschmaus", wohinter sich ein in Soße schwimmendes Schnitzel verbarg, "Päpstliches Huhn", dessen geheiligtes Innenleben aus Pflaumen und Kirschen bestand, oder der "Heringssalat nach Art der bretonischen Fischer", in dem "einheimische" Zutaten wie Bananen und Ketchup eine abenteuerliche Kombination mit Sardellen eingingen. Was theatralisch als "Gefüllte Erdbeere" daherkam, konnte selbst ein Kleinkind nachmachen - nämlich eine geschälte Mandel in die Lücke fummeln, die entsteht, wenn man den Stiel aus der Erdbeere dreht.

Jan-Josef Liefers als Clemens Wilmenrod, Gattin Anna Loos als Filmgattin Erika und Gustav Peter Wöhler (l) 2008 als Fernsehintendant während der Dreharbeiten zum Film "Es liegt mir auf der Zunge".
Jan-Josef Liefers als Clemens Wilmenrod, Gattin Anna Loos als Filmgattin Erika und Gustav Peter Wöhler (l) 2008 als Fernsehintendant während der Dreharbeiten zum Film "Es liegt mir auf der Zunge".(Foto: picture-alliance/ dpa)

Heute kann man sich da ein Grinsen nicht verkneifen. Was uns lächerlich erscheint, traf aber damals den Nerv der Zuschauer, und Wilmenrod schauspielerte und schwadronierte sich in die Herzen vor allem der Hausfrauen. Die Geschichten, die er dabei als Erlebtes erzählte, kamen mitunter der blumigen Fantasie von Karl May gleich, der, während er durch die Wüste ritt, im Knast saß. Auch Wilmenrod ersann sein "Reiterfleisch" nicht mit Karawane und Kamelen am Hundefluss lagernd. Die tatsächliche Ideenfindung liegt im Dunkel der Geschichte; Fakt ist lediglich, dass Wilmenrodt 1957 Nahost-Urlaub machte und mit Amöbenruhr in Beirut ins Krankenhaus musste.

Immerhin flimmerten in der Pionierzeit des Fernsehens fast 200 "lukullische" Wilmenrod-Sendungen über die Schwarz-Weiß-Bildschirme der Deutschen, mit denen er nicht selten bei der kochenden Zunft aneckte. Mit seinem Hang zur Schleichwerbung warf sich Wilmenrod schließlich selbst Knüppel zwischen die Beine, sein TV-Brötchengeber halbierte zunächst die Zahl der Sendungen, verbannte dann seine Koch-Show vom besten Sendeplatz ins Nachmittagsprogramm. Am 16. Mai 1964 hatte Wilmenrod seinen letzten Auftritt im Fernsehen; drei Jahre später erschoss er sich, 61 Jahre alt und an Magenkrebs erkrankt, in einer Münchner Klinik.

Geklaut oder nicht geklaut?

Richtig berühmt wurde eine im Fernsehen von Wilmenrod vorgestellte Kreation, bei der sich aber bis heute niemand sicher ist, ob sie wirklich von ihm stammt. Der "Toast Hawaii" verkörperte wie kein anderes Gericht die Sehnsucht der Deutschen nach Palmenstrand und Sonne pur, hat selbst aber keinen "Gourmet" anderer Länder für sich erwärmen können. Kurzum: "Toast Hawaii" blieb deutsch.

Das "Cafe Sorgenfrei" in Berlin sorgt für Jugenderinnerungen.
Das "Cafe Sorgenfrei" in Berlin sorgt für Jugenderinnerungen.(Foto: imago stock&people)

1955 war es, als Wilmenrod das kulinarische Meisterwerk erstmals publikumswirksam stapelte: Toastbrot, gekochter Schinken, Ananas und Schmelzkäse, jeweils eine Scheibe übereinander gelegt und überbacken. Die knallrote Belegkirsche fehlte damals noch, sie kam erst später dazu. Fortan avancierte die Schnitte zum Partyrenner und wurde Kult. Alles, was später unter Beteiligung von Ananas auf die Teller kam, war "Hawaii": Pizza, Schnitzel, Steak, Ragout. Es lässt sich heute nicht mehr feststellen, ob Wilmenrod den "Toast Hawaii" selbst erfunden hat oder eine Kreation seines Lehrmeisters Adam abgekupfert hatte. In den Kochbüchern Wilmenrods tauchte das Rezept jedenfalls nicht auf, dafür aber bei Adam, allerdings unter anderem Namen. Vermutlich ist "Toast Hawaii" eines der Rezepte, über deren Urheberschaft sich die beiden zerstritten. Unbestritten ist aber, dass dank Wilmenrodt "Toast Hawaii" in aller Munde war.

Zwar wurde "Toast Hawaii"niemals ein Exportschlager, überschritt aber dennoch eine Grenze, die innerdeutsche nämlich. "Toast Hawaii" made in GDR gab’s erst etwa zehn Jahre später und auch dann mangels Ananas und Kochschinken nur in "besseren" Restaurants. Manchmal wird behauptet, die "Karlsbader Schnitte" sei die ostdeutsche Antwort auf den westdeutschen "Toast Hawaii". Das stimmt nicht: Die "Karlsbader Schnitte", die in Karlovy Vary so unbekannt sein dürfte wie "Toast Hawaii" in der Südsee, kam ganz ohne Ananas aus, der in den Läden abwesende Kochschinken konnte durch Wurst (Jagdwurst gab’s immer) oder Hackbraten ersetzt werden. Beides, "Toast Hawaii" und "Karlsbader Schnitte", war in der DDR bekannt und beliebt.

"Bruderküche" ohne flotte Sprüche

1958, als der Stern Wilmenrods im West-Fernsehen am Sinken war, ging im Ost-Fernsehen ein neuer auf: Kurt Drummer. In der BRD waren schon drei Jahre bevor Clemens Wilmenrod in der Flimmerkiste kochte die Lebensmittelmarken abgeschafft worden, und Köche und Hausfrauen konnten dank "Wirtschaftswunder" mehr und mehr aus dem Vollen schöpfen.

Als Drummer 1958 das erste Mal vor den TV-Kameras brutzelte, waren in der DDR diese Karten soeben abgeschafft worden. Was längst nicht hieß, dass es nun auch alles zu kaufen kam. Immer wieder durchkreuzten Versorgungsengpässe Drummers Menüpläne. Exotisches wie Ananas, Zucchini oder Kiwi waren im volkseigenen Handel unbekannt, in den Interhotel-Restaurants dagegen streckenweise zu haben. Nachdem 1966 die ersten "Delikat"-Läden entstanden, gab es dort Delikatessen auch zu kaufen - zu entsprechenden Preisen.

Der einstige DDR-Fernsehkoch Kurt Drummer 1993 im Chemnitzer Restaurant "Zum Türmer".
Der einstige DDR-Fernsehkoch Kurt Drummer 1993 im Chemnitzer Restaurant "Zum Türmer".(Foto: picture-alliance / dpa)

Drummers Verdienst war es, sozusagen nach Versorgungslage zu kochen, regionale Küchen publik zu machen und hartnäckig für Kräuter aus dem heimischen Gemüsegarten zu werben. Auch unterschied sich Drummer von seinem westdeutschen Kollegen durch seine Ausbildung und die Art und Weise, wie er die Gerichte präsentierte: Drummer hatte das Kochen von der Pieke auf gelernt und machte nicht auf Entertainer, sondern bestritt als Alleinunterhalter seine Sendungen betont sachlich und mit großer Ernsthaftigkeit. Er stand 25 Jahre lang, von 1958 bis 1983, vor den Kameras des DDR-Fernsehens und stellte in über 600 Sendungen mehr als 2000 Gerichte vor - immer nach der Devise: Schmackhaft kochen, was es in HO und Konsum zu kaufen gab. Ganz ohne Exotik ging’s trotz der bekannten Reiseeinschränkungen in der DDR nicht, die war aber auf die Küche der "Bruderländer" beschränkt: Ukrainische Soljanka und armenischer Schaschlik aus der damaligen UdSSR, bulgarischer Gjuwetsch, polnischer Karpfen, rumänische Mititei, ungarischer Kesselgulasch und böhmische Knödel machten zwischen Usedom und Fichtelberg die Runde.

Drummer wurde zur Nummer Eins der DDR-Köche. Vor seiner TV-Karriere hatte er in Hotelküchen gekocht und kehrte dorthin nach 1983 zurück. Nach der Wende gab der gebürtige Erzgebirgler im Chemnitzer Lokalfernsehen wieder Kochtipps. Am 8. Juni 2000 starb Drummer im Alter von 72 Jahren.

Es gibt keinen Toast auf Hawaii

Der einzige Nichteingeborene, bei dem Hawaii-Hemden sexy aussehen: US-Schauspieler Tom Selleck als "Magnum".
Der einzige Nichteingeborene, bei dem Hawaii-Hemden sexy aussehen: US-Schauspieler Tom Selleck als "Magnum".(Foto: imago stock&people)

Wer heute an Hawaii denkt, erinnert sich meistens an seinen Urlaub dort, und wer noch nicht da war, kennt zumindest "Magnum". Auch das Hawaii-Hemd ist mitunter auf deutschen Bäuchen zu sehen; über Geschmack soll man ja nicht streiten. Bier auf Hawaii gibt es längst, der Toast hat es nicht bis dorthin geschafft. Doch totzukriegen ist der "Toast Hawaii" nicht; inzwischen gibt es ein Musical und einen Song mit diesem Namen. Der NDR produzierte 2008 den Film "Es liegt mir auf der Zunge" (2009 von der ARD gesendet) mit Jan Josef Liefers als Clemens Wilmenrod in der Hauptrolle, stilecht mit Schürze, Menjou-Bärtchen und Pomade im Haar. Nierentischchen, Blümchentapete und der Petticoat der 50er Jahre sind aus unserem Leben verschwunden, der Rock 'n' Roll zum Glück nicht (Rock 'n' Roll will never die!). Und der "Toast Hawaii" aus Kinder- und Jugendtagen? Es gibt ihn noch, wenn auch nicht als Gegenstand heißen Begehrens in Nobel-Restaurants, sondern mehr in heimischen Küchen oder Dorfkneipen. Da ist er Kult geblieben.

Ein paar zeitgemäße Verbesserungen bei der Retro-Stulle gibt zum Glück doch: Der zusammengeklebte Formschinken ist natürlich gewachsenem Kochschinken oder auch zartem Putenschinken gewichen, frischer Gouda, Emmentaler oder Greyerzer ersetzt den widerlichen, am Gaumen pappenden Scheiblettenkäse. Aber Wilmenrods Standardzusammensetzung  und -reihenfolge der 50er Jahre - Brot, Kochschinken, Ananas, Käse - ist geblieben. Verfeinerungen mit Birne oder Pfirsich statt Ananas, Camembert, Ziegenkäse oder Blauschimmelkäse zum Überbacken sind zwar auch lecker, aber kein "Toast Hawaii"! Der hat viele Vorteile: Der Zeitaufwand ist gering, der Materialeinsatz sehr überschaubar, Kinder lieben ihn und Frauen auch (Männer mitunter weniger). Er hilft gegen Heißhungerattacken, peppt Party-Buffets auf und leistet bei der Anbahnung eines romantischen Abends in Zweier-Formation gute Dienste, denn mit "Toast Hawaii" kann auch der größte Kochmuffel brillieren.

"Toast Hawaii"

Zutaten (pro Portion):

1 Scheibe Toastbrot
1 Scheibe Dosen-Ananas
1 Scheibe Kochschinken
1 Scheibe Schnittkäse
1 Cocktailkirsche
etwas Butter

Zubereitung:

Den Ananasring gut abtropfen lassen. Das Toastbrot hellbraun toasten. Mit etwas Butter bestreichen und auf ein Backblech legen. Die Schinkenscheibe auf das Brot legen, darauf die Ananasscheibe und auf die Ananas den Käse. Alles im vorgeheizten Ofen bei 200 Grad etwa 5 Minuten überbacken, bis der Käse geschmolzen ist. Die Mitte des Toast mit der Kirsche garnieren und sofort servieren.

Tipp: Statt Toastbrot frisches Kastenweißbrot, statt Konserve eine frische Ananas  verwenden. Etwas Butter in einer Pfanne erhitzen, darin 1/2 TL Zucker auflösen und die Ananasscheibe darin karamellisieren. Die Weißbrotscheibe hellbraun toasten und dann wie im Originalrezept verfahren. Als Käse zum Schmelzen schmeckt hier am besten Emmentaler.

"Karlsbader Schnitte"

Zutaten (pro Portion):

1 Mischbrotscheibe
1 Scheibe Kochschinken
1 Scheibe Schnittkäse
etwas Butter
Tomaten- oder Paprikamark
Worcestersauce

Zubereitung:

Die Brotscheibe mit Butter, dann mit Tomaten- oder Paprikamark bestreichen. Darauf die Schinkenscheibe legen und mit Schnittkäse abdecken. Butterflöckchen daraufsetzen und im vorgeheizten Ofen grillen, bis der Käse zu zerlaufen beginnt. Vor dem Essen mit etwas Worcestersauce beträufeln.

Tipp: Hierbei lassen sich auch Kochwurst (Jagdwurst, Kochsalami, Mortadella, Bierschinken) oder Hackbraten verwenden. Der Käse zum Schmelzen kann ruhig etwas kräftiger sein, zum Beispiel Bergkäse.

Viel Spaß beim Ausprobieren wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: n-tv.de