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Samstag, 19. März 2011

Vom Erdbeben zur Atomkatastrophe: Die Woche des Schreckens in Japan

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FREITAG, 11. März 2011: Der Tag beginnt in Japan wie jeder andere. Nichts deutet in der Hauptstadt Tokio (Archivbild) auf die unmittelbar bevorstehende Katastrophe hin. Überall im Land freuen sich die Menschen auf das anstehende Wochenende. (Foto: REUTERS)

FREITAG, 11. März 2011: Der Tag beginnt in Japan wie jeder andere. Nichts deutet in der Hauptstadt Tokio (Archivbild) auf die unmittelbar bevorstehende Katastrophe hin. Überall im Land freuen sich die Menschen auf das anstehende Wochenende.

FREITAG, 11. März 2011: Der Tag beginnt in Japan wie jeder andere. Nichts deutet in der Hauptstadt Tokio (Archivbild) auf die unmittelbar bevorstehende Katastrophe hin. Überall im Land freuen sich die Menschen auf das anstehende Wochenende.

Bei einer Anhörung im Haushaltsausschuss muss sich Premierminister Naoto Kan mit dem politischen Alltag beschäftigen: Das Land ist hoch verschuldet, die Wirtschaft kränkelt, der starke Yen belastet den Export, der Ölpreis steigt: Schwere Zeiten für die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Kan steht unter Druck.

Das Erdbeben beginnt ohne Vorwarnung: Am frühen Nachmittag, um 14.46 Uhr Ortszeit, beginnt der Boden unter Japan zu zittern. In Deutschland ist es kurz vor 7 Uhr morgens. Ein Erdbeben der Stärke 9,0 erschüttert den Nordosten der Hauptinsel Honshu. Das Epizentrum liegt 400 Kilomter nordöstlich von Tokio vor der Küste im Meer. Rund um die Welt schlagen die Seismographen aus.

Die schweren Erdstöße sind fast überall in Japan zu spüren. Im Nordosten ist es so stark, dass Betonpfeiler bersten, Stromkabel reißen, Hänge abrutschen und Häuser einstürzen. Im Parlament ächzen die Deckenträger, die schweren Kronleuchter geraten in Bewegung, im Finanzviertel schwanken die Wolkenkratzer. Die sorgenvollen Blicke von Premier Kan sprechen Bände.

Brücken, Straßen, Kabel und Stromleitungen: Die Infrastruktur im Katastrophengebiet nimmt schweren Schaden. Erdbeben-Sensoren bringen Hochgeschwindigkeitszüge aus voller Fahrt zum Stillstand, Kraftwerke werden automatisch heruntergefahren. In weiten Teilen des Landes fällt sofort der Strom aus.

Die Erschütterungen sind ungewöhnlich stark und halten für Minuten an. Im erdbebenerprobten Japan weiß jeder, was das bedeutet: Es ist eines der ganz großen Beben, vor denen Geologen und Katastrophenschützer seit Jahren warnen. An der Ostküste setzen die durchdringenden Heultöne der Sirenen ein: Sie geben Tsunami-Alarm, höchste Stufe.

Die ersten Wellen erreichen die Ostküste Japans gegen 16 Uhr Ortszeit, eine gute Stunde nach dem Beben. Eine bis zu zehn Meter hohe Wasserfront bricht über dem Ufer zusammen.

Gewaltige Wassermassen dringen ins Land und reißen auf mehreren Kilometern von der Küste bis tief ins Inland alles mit sich: Menschen, Bäume, Schiffe, Autos, Flugzeuge, Hallen und Häuser.

Welle auf Welle rauscht heran: Das Beben bringt unvorstellbare Wassermengen in Bewegung und verschiebt die Erdkruste unter der Hauptinsel um ganze zweieinhalb Meter.

Nichts hält den Wassermassen stand. Sie überrollen die Küstenstriche im gesamten Nordosten. Auf ihrem Rückweg reißen sie die Trümmer mit hinaus auf die hohe See.

Strommasten fallen, Gasleitungen knicken: Im Überflutungsgebiet brechen unzählige Brände aus. Schnell wird klar: Die Katastrophe kostet tausende Menschen das Leben. Die Zahl der Vermissten und Opfer steigt stündlich.

In Ichihara in der Bucht von Tokio geht eine Raffinerie in Flammen auf: Die Gastanks halten dem Erdbeben nicht stand.

Kurz vor Handelsschluss in Tokio erreicht eine erste Regierungserklärung den Markt: Japan ruft den Katastrophenfall aus, die Lage in den Kernkraftwerken sei normal, erklärt Premierminister Kan.

Die japanische Notenbank stellt in einer Sofortreaktion Milliarden an Finanzliquidität bereit, um eine Kettenreaktion am Aktienmarkt zu verhindern. Ein Krisenstab wird gebildet, der die ökonomischen Auswirkungen des Bebens beobachten soll. Japans Leitindex beendet den Handel am ersten Tag der Katastrophe 1,7 Prozent im Minus.

In Tokio machen sich Pendler auf einen langen Heimweg gefasst: Das Nahverkehrssytem ist zu weiten Teilen lahmgelegt. Flächendeckende Stromausfälle treffen auch die Hauptstadt.

Hochbahnzüge bleiben auf offener Strecke liegen. Die Fahrgäste gehen zu Fuß zur nächsten Haltestelle. Wenig später, um 18.30 Uhr Ortszeit, tauchen erste Berichte über Probleme in den am schlimmsten betroffenen Kernkraftwerken auf.

Am Standort Fukushima 1 (hier ein Archivbild), rund 270 Kilometer nordöstlich Tokios, betreibt der Energieversorger Tokyo Electric Power Company (Tepco) insgesamt sechs Reaktorblöcke. Das Erdbeben löst eine automatische Notabschaltung aus. In Betrieb sind zu diesem Zeitpunkt die Blöcke 1 bis 3, die Blöcke 4 bis 6 sind wegen Wartungsarbeiten heruntergefahren.

Nach dem Beben starten zwar die Notstromdieselaggregate, doch die Flutwellen des Tsunamis zerstören die Dieseltanks. Die Motoren fallen aus. Damit tickt für die sechs Siedewasserreaktoren von Fukushima 1 - einer der größten kerntechnischen Anlagen Japans - die Uhr: Atomexperten aus aller Welt werden hellhörig.

Ein batteriebetriebenes Notkühlsystem wird aktiviert. Noch am Abend ist von erhöhter Radioaktivität die Rede. In einem Radius von 20 Kilometern rund um das Kraftwerk werden Anwohner in Sicherheit gebracht. Die Regierung ruft - sicherheitshalber, wie es heißt - den atomaren Notfall aus.

In Tokio gehen die Menschen unterdessen quer durch das Verkehrschaos einem ungewissen Abend entgegen: Ihre Sorgen gelten der Familie, den Freunden und Bekannten in den am schwersten getroffenen Regionen. Das Mobilfunknetz fällt streckenweise aus. Viele wissen nicht, wie es ihren Angehörigen geht und ob sie die Katastrophe überlebt haben.

SAMSTAG, 12. März: Ein Land erwacht in einem Alptraum. Rettungskräfte schwärmen aus, um unter Hochdruck nach Überlebenden zu suchen. Ihre Chancen schwinden von Stunde zu Stunde. Aus dem ganzen Land laufen schwere Schadensmeldungen ein. Mit Nachbeben ist zu rechnen.

Premierminister Kan ruft das Militär zu Hilfe. Soldaten sollen die schwer verwüsteten Regionen unterstützen. Unterdessen wird klar: Auch die Wirtschaft ist empfindlich getroffen. Stromausfälle behindern die Produktion. Mehrere Autobauer und Teile der Elektroindustrie stellen den Betrieb an mehreren Standorten vorübergehend ein.

Doch die ungleich größere Katastrophe bahnt sich in Fukushima an: Am Tag nach dem Beben verliert der Reaktorblock 1 (hier von der Seeseite aus dargestellt) immer mehr Kühlwasser, Teile der Brennstäbe liegen offenbar bereits im Trockenen. Die Temperatur steigt. Druck wird in den Sicherheitsbehälter abgelassen. Aus diesem wird schließlich Dampf nach draußen geleitet. Radioaktivität entweicht.

Am 12. März kommt es im Gebäude von Reaktor 1 zu einer Explosion, den Betreiber-Angaben zufolge durch eine Verpuffung von Wasserstoff zwischen Reaktorkern und Außenhülle, bei der das Dach der Anlage aufgesprengt wird. Die Katastrophe bekommt eine neue, nukleare Dimension.

Um den Reaktor zu kühlen, leiten Tepco-Mitarbeiter mit Borsäure versetztes Meerwasser ein. Die Kontrolle über den Reaktor haben sie da bereits verloren. Jetzt kämpfen sie nur noch gegen die Zeit: Sie müssen versuchen, die drohende Kernschmelze aufzuhalten.

Das dem Meerwasser zugesetzte Bor soll die bei einer Kettenreaktion freiwerdenden Neutronen binden, um das nukleare Feuer im Inneren des Reaktors zu ersticken. Das Wasser soll die erhitzten Brennstäbe kühlen. Es sind verzweifelte Maßnahmen.

Der Vorfall wird von den japanischen Behörden als INES-Stufe 4 eingestuft. INES ist die internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse. Zum Vergleich: Tschernobyl wurde mit der höchsten Stufe 7 als katastrophaler Unfall bewertet.

Der Evakuierungsradius rund um Fukushima 1 wird auf 20 Kilometer ausgeweitet.

Die Welt beginnt zu begreifen, dass es die Menschen in Japan nun nicht mehr nur mit einer Naturkatastrophe zu tun haben. Auch in Deutschland entbrennt eine Debatte um die Sicherheit der deutschen Kernkraftwerke.

Rund um das Kernkraftwerk Neckarwestheim bilden Atomkraftgegner am Samstag eine 45 Kilometer lange Menschenkette, um gegen den energiepolitischen Kurs der Bundesregierung zu protestieren. Die Aktion war seit Wochen geplant, bekommt aber angesichts der dramatischen Ereignissen in Japan eine schreckliche Aktualität.

Nach einem Krisentreffen im Kanzleramt tritt die Bundeskanzlerin und der Außenminister vor die Presse: "Die Geschehnisse in Japan sind ein Einschnitt für die Welt", sagt Angela Merkel am Samstagabend.

Die Nutzung der Atomenergie als Brückentechnologie hält die Bundeskanzlerin trotz der Ereignisse in Japan "für verantwortbar und für vertretbar". Sie kündigt eine Sicherheitsüberprüfung aller 17 deutschen Meiler an - und verhängt ein Moratorium über die umstrittene Verlängerung der Kraftwerkslaufzeiten.

SONNTAG, 13. März: Die Menschen im Katastrophengebiet bahnen sich ihren Weg durch die Trümmer. Noch immer gelten tausende Japaner als vermisst. Hunderttausende warten ohne Strom und Obdach auf Hilfe. Die Lebensmittel werden knapp.

In den am schlimmsten betroffenen Regionen bilden sich an der Trinkwasserausgabe lange Schlangen.

Mit langen Stangen stochern Soldaten in den Schutthalden der zerstörten Küstenstädte nach Opfern und Überlebenden.

Auf öffentlich aushängenden Vermisstenlisten suchen die Menschen nach den Namen von Angehörigen.

Nach zwei Tagen entdeckt ein Kriegsschiff der japanischen Marine 15 Kilometer vor der Küste einen Überlebenden: Als der Tsunami kam, konnte sich der 60-jährige Hiromitsu Shinkawa auf ein Teil seines Hausdachs retten.

Seine Frau hat er in den Fluten verloren.

Für die Helfer bleibt die Rettung Überlebender die Ausnahme: 48 Stunden nach dem Beben finden sie in der Tsunami-Zone fast nur noch Tote.

Allein in der Hafenstadt Minamisanriku gelten nach dem Beben noch fast 10.000 Menschen als vermisst. Die offizielle Opferzahl wird immer weiter nach oben korrigiert.

Im Kernkraftwerk Fukushima 1 spitzt sich die Lage unterdessen weiter zu: Zwei Tage nach dem Beben und einen Tag nach der Explosion in Reaktor 1 versagt auch im Reaktorblock Nr. 3 die Notkühlung.

Tepco öffnet die Drucksicherheitsventile, um Dampf abzulassen. Daraufhin wird der Reaktordruckbehälter ebenfalls mit einer Bor-Meerwasser-Lösung geflutet. Mehrere Mitarbeiter werden verstrahlt.

Damit kämpft der Betreiber Tepco bereits an zwei seiner sechs Reaktorblöcken am Standort Fukushima 1 mit schwerwiegenden Problemen. Experten in Europa und den USA halten die Kernschmelze mittlerweile für kaum noch aufzuhalten.

Das Erschreckende: In Block 3 werden seit einigen Monaten MOX-Brennelemente verwendet, die neben Urandioxid auch hochradioaktives Plutoniumdioxid enthalten. Plutonium ist hochgiftig. Wenn es in die Umwelt gelangt, macht es weite Flächen für lange Zeit unbewohnbar.

In Japan versuchen die Menschen, die Katastrophe stoisch zu ertragen. In eilig eingerichteten Notunterkünften richten sie sich am Abend in drangvoller Enge auf ihre dritte Nacht ohne Zuhause ein. Premierminister Kan bezeichnet die Lage in Fukushima als alarmierend. Das Land sei in der schlimmsten Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

International wächst die Kritik der offiziellen japanischen Informationspolitik: Die Regierung, die Atomaufsicht und der AKW-Betreiber Tepco informieren zögerlich, bruchstückhaft und zum Teil widersprüchlich. Im Nordosten Japans fallen die Temperaturen. Es wird kalt in dem zerstörten Land.

MONTAG, 14. März: Die neue Woche beginnt am Aktienmarkt mit drastischen Kursstürzen. Der Nikkei verliert 6,2 Prozent. Die Anleger sorgen sich um möglicherweise länger anhaltende Stromausfälle und die Folgen des Bebens für die japanische Wirtschaft.

Die Aktien des AKW-Betreibers Tepco (ISIN JP3585800000) rauschen in den Keller und werden vorübergehend vom Handel ausgesetzt. Auf das Unternehmen kommen kaum absehbare Reparatur- und Folgekosten zu. Milliardenschwere Schadenersatzforderungen stehen im Raum.

Bei einem weiteren Störfall im AKW Tokai, rund 120 Kilometer nördlich von Tokio, kann der Betreiber JAPC offenbar Schlimmeres verhindern: Nach einem Ausfall läuft das Kühlsystem wieder an. Am Vormittag erschüttert ein schweres Nachbeben der Stärke 6,2 die Hauptstadt.

Im Internet informiert Tepco die Öffentlichkeit über die unmittelbaren Auswirkungen des Erdbebens auf die Stromversorgung. Unter der Überschrift "-Achtung-" ruft der Versorger zum Stromsparen auf und spricht angesichts der Schäden von "extremen Herausforderungen".

Am späten Montagvormittag (Ortszeit, 3 Uhr MEZ) ereignet sich in Fukushima eine weitere Wasserstoffexplosion: Das Gebäude von Reaktor 3 fliegt in die Luft.

Es ist der Reaktor mit den Plutionium-Brennstäben. Dach und Fassade sind zertrümmert. Der Reaktorbehälter sei unversehrt, teilt Tepco mit.

Dann fällt auch noch das Kühlsystem im Reaktordruckbehälter von Block 2 fällt aus. Es kommt zu einem nahezu vollständigen Verlust des Kühlwassers im Reaktor. Tepco versucht, Meerwasser zuzuführen. Der Versuch schlägt fehl.

Die Gefahr, dass sich radioaktive Substanzen massenhaft verbreiten, sei gering, heißt es in Tokio. Kurz darauf ändert der US-Flugzeugträger "USS Ronald Reagan" unvermittelt den Kurs.

Das Schiff kreuzt vor der Ostküste Japans und unterstützt die Hilfsaktionen mit seinen Hubschraubern. Nun muss es plötzlich einer Wolke radioaktiver Strahlung ausweichen. Ungewollt bestätigt die US-Marine damit die schlimmsten Befürchtungen von Atomexperten in aller Welt.

Insgesamt 17 Crew-Mitglieder sollen bei Hubschrauberflügen ungewöhnlich hohen Strahlenwerten ausgesetzt gewesen sein. Binnen einer Stunde hätten sie eine ganze Monatsdosis Strahlung abbekommen. Am Abend beginnt der Wind zu drehen. Nun gerät auch Tokio in Gefahr.

DIENSTAG, 15. März: In Fukushima ereignet sich am frühen Morgen Ortszeit eine weitere Explosion. Diesmal trifft es Reaktorgebäude Nr. 2. Das Dach des Gebäudes scheint kaum beschädigt, doch der Druck im Reaktor fällt. Experten zufolge lässt das nur einen Schluss zu: Die innere Schutzhülle des Reaktors ist beschädigt. Düstere Schwaden ziehen landeinwärts.

Experten diskutieren ernsthaft die Gefahr radioaktiver Niederschläge im Großraum Tokio. Hier leben mehr als 35 Millionen Menschen. Die Beschwichtigungsversuche der offiziellen Stellen verlieren Wirkung. Immer mehr ausländische Firmen ziehen ihre Mitarbeiter ab. Der Nikkei rutscht mehr als 10 Prozent ab.

Am vierten Tag nach dem Erdbeben erlebt der japanische Aktienmarkt den größten Kurssturz seit dem Höhepunkt der Finanzkrise. Zwischenzeitlich liegt der Leitindex Nikkei mehr als 14 Prozent im Minus. Das Ausmaß der Katastrophe wächst von Tag zu Tag.

Beinahe wäre es an diesem Dienstag in Japan zum größten Verlust seit dem Börsencrash 1987 gekommen - und das trotz der umfangreichen Stützungsaktionen der japanischen Notenbank. Sie weitet ihre Krisenprogramme immer weiter aus und pumpt Tag für Tag Milliardenkredite in die japanische Wirtschaft.

In Block 4 bricht Feuer aus. Der Betreiber Tepco evakuiert seine Mitarbeiter. Nur 50 Mann verbleiben in den Kontrollräumen der riesigen Anlage. Sie sollen Japan und die Welt vor der atomaren Katastrophe retten.

Die Regierung in Tokio bestätigt: Bei der dritten Explosion in Fukushima wurde auch das innere Reaktorgehäuse von Block 2 beschädigt. Der Evakuierungsradius wird auf 30 Kilometer ausgeweitet. In Tokio zeigen die Messgeräte erstmals leicht erhöhte Strahlenwerte an.

MITTWOCH, 16. März: Zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte wendet sich der Kaiser von Japan in einer TV-Ansprache an die Bevölkerung - ein absolut außergewöhnliches Ereignis, das den tiefen Umbruch anzeigt, in dem das Land sich angesichts der Katastrophe befindet.

Der 77-jährige Tenno, für viele Japaner das nahezu gottähnliche Oberhaupt des alten Japan, zeigt sich tief erschüttert. Er bete um schnelle Hilfe, gesteht er seinen Landsleuten. "Meine Hoffnung ist, dass so viele Menschen wie möglich lebend gerettet werden."

Den Überlebenden ruft Kaiser Akihito zu, die Hoffnung nicht aufzugeben.

In Fukushima bricht am Block 4 ein neues Feuer aus. Das Gebäude ist so schwer beschädigt, dass Hubschrauberpiloten bis ins Innere des Kraftwerks blicken können.

Techniker arbeiten fieberhaft daran, eine neue Starkstromleitung zum Kraftwerk zu legen, um das reguläre Kühlsystem wieder in Gang zu setzen.

Auch in Block 3 bleibt die Lage kritisch: Durch das zerstörte Dach steigt Dampf auf.

Weiter nördlich im Katastrophengebiet beginnt es zu schneien. Gegen Mittag ruft die Regierung in Tokio landesweit zum Energiesparen auf.

Die Reaktoren 1 bis 4 am Mittwoch: Der zweite Block von rechts, Nr. 2, scheint zu schwelen. Über Nr. 3 zieht eine Dampfwolke in den Himmel.

Am Aktienmarkt schwingt der Nikkei überraschend in die Gewinnzone zurück: Nach den schweren Verlusten von Montag und Dienstag geht der Nikkei zur Wochenmitte mit einem Plus von 5,7 Prozent aus dem Handel.

International laufen großräumige Sicherheitsvorkehrungen an: Reisende, Crew und Flugbegleiter müssen sich bei der Ankunft an den Großflughäfen rund um Japan provisorischen Strahlentests unterziehen.

In Japan kommt es unterdessen zu weiteren Stromausfällen und planmäßigen Abschaltungen: Im Nordosten sind unzählige Stromleitungen gerissen, Transformatoren sind durchgeschmort oder Steuergeräte schwer beschädigt.

Im japanischen Netz fehlt schlicht Kapazität: Abgesehen von den außer Kontrolle geratenen Reaktoren von Fukushima benötigt eine ganze Handvoll weiterer Großkraftwerke umfangreiche Reparaturen. Selbst im ansonsten strahlend hellen Tokio gehen nachts nun ungewöhnlich viele Lichter aus.

Notgedrungen muss sich das technikverliebte Industrieland an einschneidende Stromspar-Maßnahmen gewöhnen: Im Elektrohandel bleiben die Vorführgeräte schwarz. Die Beleuchtung wird auf ein Minimum reduziert.

Die sechste Nacht nach dem Beben bricht an.

DONNERSTAG, 17. März: Die Zahl der offiziell registrierten Todesopfer steigt weiter, ebenso wie die Zahl der Vermissten. Insgesamt verzeichnet die Polizei inzwischen 4377 Tote. Zusammen mit den Vermissten ergibt sich eine Zahl von 13.400 Opfern. Groteske Bilder der Zerstörung sickern in den Alltag.

Im Meer vor Fukushima füllen Militärhubschrauber vom Typ CH-47 "Chinook" ihre Löschbehälter mit Wasser, um es über dem Dach von Reaktor 3 abzuwerfen.

Später wird die Aktion abgebrochen: Die Rotoren zerstäuben das Wasser zu einem feinen Nebel. Bei Waldbränden ist das hilfreich, bei Reaktorkatastrophen nicht. Außerdem ist die Strahlenbelastung für die Piloten zu hoch.

Wasserwerfer von Polizei und Feuerwehr gehen in Stellung: Sie sollen durch die geborstene Außenwand hindurch Wasser auf die Brennstäbe spritzen und so die verdampfte Kühlflüssigkeit ersetzen.

Der Einsatz der Lösch-Hubschrauber hat die Intensität der radioaktiven Strahlung nicht verändert. Die Dosis sei gleichgeblieben, berichtet die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf den AKW-Betreiber Tepco.

Die Zahl der Toten und Vermissten steigt bis zum Donnerstag offiziell auf 14.650. Die Polizei in Tokio bestätigt 5321 Todesopfer.

9329 Menschen gelten noch als vermisst. In Telefonzentralen versucht der Katastrophenschutz den sechsten Tag in Folge, verzweifelten Angehörigen Auskünfte zu geben, Vermisstenmeldungen zuzuordnen und Suchanfragen aufzuklären.

Die Zahl der Verletzten bleibt bemerkenswert niedrig: Die Behörden sprechen von 2400 Menschen. Die Bauvorschriften und das Tsunami-Warnsystem haben offenbar Schlimmeres verhindert.

Am Abend bereiten sich mehr als 400.000 Japaner auf ihre siebte Nacht in den Notunterkünften vor.

FREITAG, 18. März: Der siebte Tag nach dem großen Erdbeben beginnt. In Fukushima kämpfen Feuerwehrleute und Ingenieure weiterhin gegen die Kernschmelze.

Die Grenzwerte für die maximal zulässige Strahlenbelastung wird von der Regierung in Tokio eigens für den Einsatz am Reaktor in mehreren Stufen angehoben.

Um 14.46 Uhr gedenken die Menschen in einem Moment der Stille den Opfern des Erdbebens vor genau einer Woche.

Die Zahl der offiziell bestätigten Toten steigt weiter: Die Polizei spricht sieben Tage nach Beginn der Katastrophe von 6911 Toten durch Erdbeben und Tsunami. Noch immer als vermisst gelten 10.316 Menschen.

Eine volle Woche nach dem Beben ist die Lage in den Kernkraftwerken immer noch nicht unter Kontrolle. Nach und nach treten gewaltige Umweltschäden ans Tageslicht.

Flüchtlinge aus der Region um das havarierte Atomkraftwerk machen sich auf die Suche nach einer neuen Bleibe. Ob und wann sie zurück in ihre Heimat können, bleibt unklar.

(Text: Martin Morcinek / Quellen: AFP; BBC; dpa; rts; www.tepco.co.jp / Stand: 18. März 2011)

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