Bilderserie
Samstag, 27. Januar 2018

Eine Stadt sucht ihre Identität: Bitteres aus Bitterfeld

Von Julian Vetten

Bild 1 von 21
Einst trug Bitterfeld den fragwürdigen Titel ...

Einst trug Bitterfeld den fragwürdigen Titel ...

Einst trug Bitterfeld den fragwürdigen Titel ...

... "schmutzigste Stadt Europas". Doch die Zeiten, als ...

... Industrieabfälle ungefiltert in die Pampa geleitet wurden (hier der "Silbersee" nahe der alten Filmwerke), sind lange vorbei.

Das gesamte Umland und allem voran die Goitzsche (sprich: Gottsche), eine ehemalige Tagebaugrube, wurde mit Geldmitteln in dreistelliger Millionenhöhe saniert. Zumindest optisch sind die von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl versprochenen "blühenden Landschaften" fast 30 Jahre nach der Wende real geworden.

Die Stadt selbst hat davon nur bedingt profitiert. Die fast überall in Ostdeutschland grassierende Entvölkerung hat in Bitterfeld noch stärker als anderswo zugeschlagen, weil die Stadt fast ausschließlich von der ansässigen Industrie abhängig war.

Ein Großteil der Wirtschaft verschwand nach der Wende - manchmal, weil die Unternehmen auf dem freien Markt nicht bestehen konnten, manchmal, weil die Treuhand ihre Aufgaben nicht sorgfältig genug erfüllte. Die Menschen gingen mit der Wirtschaft, zurück blieben leerstehende Häuser wie dieses in Bahnhofsnähe.

Im Jahr 2018 geht es der Wirtschaft zwar wieder gut, der Unmut aber ist geblieben und die AfD eine starke Kraft. Dass es auch Andersdenkende in Bitterfeld gibt, beweisen diese Mülltonnen.

Wie sehr die Stadt unter der Entvölkerung leidet, zeigt sich am Markttag: Es ist nicht viel los auf dem großen Platz.

Aber wie an jedem Freitag mit vertreten: die AfD.

Wer zu den wirklichen Problemen in Bitterfeld-Wolfen - so heißt die neue Stadt nach der Zusammenlegung - will, muss sich auf den Weg nach Wolfen-Nord machen.

Die Trabantenstadt liegt knapp sieben Kilometer nördlich des Stadtzentrums. Um sie zu erreichen ...

... muss man die größte zusammenhängende Industriefläche Europas durchqueren. Hier im Bild: das Recyclingwerk.

In Wolfen-Nord selbst: Bonjour Tristesse.

Von einstmals 35.000 Einwohnern, die mehrheitlich in den örtlichen Chemiewerken arbeiteten, sind gerade einmal rund 8000 übrig geblieben.

Soziale Begegnungsstätten wie der "Treffpunkt Wolfen" sind so gut wie alle verrammelt und dem Verfall preisgegeben.

Zum Glück gibt es noch einen Rest sozialen Engagements. Im "Sozialkaufhaus" bekommen einkommensschwache Mitbürger günstig Möbel und ähnliche Waren.

Trotzdem wird in Wolfen-Nord zurückgebaut.

Ein Großteil des ehemaligen Stadtgebiets sieht bereits so aus: leer. Es werden wohl viele weitere Flächen folgen.

"Verschlankung von innen nach außen" nennt Oberbürgermeister Armin Schenk die Entwicklung. Was auf jeden Fall bleibt, ist der hübsch sanierte Marktplatz, ...

... die pittoresk sanierte Villa am Bernsteinsee und ...

... der große Goitzschesee, der mittlerweile ein echtes Juwel ist. Bleibt zu hoffen, dass die Menschen in Zukunft keine giftigen Wolken mehr, sondern solche Bilder mit Bitterfeld verbinden. Die Zeit dafür wäre reif.

weitere Bilderserien