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Montag, 07. Juli 2014

Crystal Meth: Das Kokain des kleinen Mannes

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Es kommt aus Japan, aus Kalifornien, aus Tschechien. Crystal Meth gibt es schon mehr als Hundert Jahre unter diversen Namen. (Foto: REUTERS)

Es kommt aus Japan, aus Kalifornien, aus Tschechien. Crystal Meth gibt es schon mehr als Hundert Jahre unter diversen Namen.

Es kommt aus Japan, aus Kalifornien, aus Tschechien. Crystal Meth gibt es schon mehr als Hundert Jahre unter diversen Namen.

Soldaten der Wehrmacht kannten das Aufputschmittel als "Panzerschokolade". Das Medikament hieß damals Pervitin - unter diesem Namen ist es in Tschechien bis heute bekannt.

Von dort kommt die Droge seit den Nullerjahren nach Deutschland. Es ist eine Droge für alle: für Verlierer, die sich auf Crystal besser fühlen, ...

... für Partypeople, die länger tanzen wollen, ...

... für Leute, die bei der Arbeit länger durchhalten wollen oder müssen.

In einer Studie des Hamburger Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung wird auch Sex von jedem zweiten Befragten als Motiv genannt.

"Ich benötige die Droge, um leistungsfähig und selbstbewusst zu sein", sagt ein Methamphetamin-Konsument in der Studie. Diese Wirkung machten sich bereits die Nazis zunutze.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, im "Blitzkrieg" gegen Polen und Frankreich, verabreichte die Wehrmacht Pervitin an ihre Soldaten.

Die negativen Folgen des Konsums dieser Droge blieben allerdings auch den Militärs nicht verborgen. "Wer Ermüdung mit Pervitin beseitigen will, der kann sicher sein, dass der Zusammenbruch seiner Leistungsfähigkeit eines Tages kommen muss", sagte Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti 1940.

Pervitin wurde bald nicht mehr so freigiebig an die Soldaten ausgegeben. Ihnen half die Heimatfront. "Vielleicht könntet Ihr mir noch etwas Pervitin für meinen Vorrat besorgen?", schrieb etwa der spätere Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll in einem Feldpostbrief an seine Familie.

Erstmals in flüssiger Form synthetisiert wurde Methamphetamin 1893 durch Nagai Nagayoshi (Bild), einen japanischen Chemiker. Sein Landsmann Ogata Akira stellte erstmals kristallines Methamphitamin her und meldete die Substanz 1921 als Patent an.

Siebzehn Jahre später kam Methamphetamin in Deutschland auf den Markt. Es war die kleinbürgerliche Antwort auf das "dekadente" Kokain der Weimarer Republik: Pervitin wurde sogar Pralinen beigemischt, die dann als "Hausfrauenschokolade" verkauft wurden.

Depressive Hausfrauen und Soldaten im Schichtdienst blieben auch nach dem Krieg Konsumenten von Pervitin. Bei der Bundeswehr gab es Methamphetamin noch bis in die siebziger Jahre, bei den Grenztruppen der DDR sogar bis 1988.

Sportler nutzten Pervitin als Dopingmittel; der österreichische Bergsteiger Hermann Buhl gab später zu, den Alleingang auf den Nanga Parbat nur mit Hilfe von Pervitin bewältigt zu haben.

Auch der Tennisstar Andre Agassi gestand in seiner Autobiographie, Crystal konsumiert zu haben.

Und vor vier Jahren berichtete die "Süddeutsche Zeitung", einige der "Helden von Bern" aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft von 1954 hätten Pervitin-Spritzen bekommen.

Pervitin war zwar rezeptpflichtig, aber bis in die achtziger Jahre nicht illegal. Erst nach dem Verbot wurde der Stoff zur Modedroge.

Die ersten Meth-Küchen, die Crystal in großen Mengen herstellten, entstanden in den siebziger Jahren im Rockermilieu der amerikanischen Westküste.

Den Durchbruch jedoch brachte ein Kochbuch Anfang der achtziger Jahre: Die "Secrets of Methamphetamine Manufacture" des Chemikers Steve Preisler.

Dieses Buch sorgt für eine starke Ausbreitung der Meth-Produktion. Denn die Droge passt perfekt zum Kapitalismus: Ihre Herstellung ist billig, ihre Wirkung erhöht die Leistungsfähigkeit.

Man kann Methamphetamin oral einnehmen, wie Kokain schnupfen, wie Marihuana rauchen oder wie Heroin spritzen. Die Nebenwirkungen sind allerdings unangenehm:

Die Zähne verfaulen und fallen aus, das Immunsystem wird geschwächt, die Persönlichkeit verändert sich.

"Psychosen sind aufgetreten. Ich war nicht mehr arbeitsfähig und Selbstbewusstsein ist im nüchternen Zustand kaum mehr vorhanden gewesen", sagt ein Süchtiger in der bereits zitierten Hamburger Studie.

Die Sucht setzt vergleichsweise rasch ein. Ähnlich wie in den 1930er-Jahren gilt Crystal bis heute vielfach als das Kokain der Armen: Das Risiko, Meth-abhängig zu werden, ist für Hauptschüler höher als für Gymnasiasten.

Bei der Arbeit konsumieren vor allem Menschen in körperlich anstrengenden Jobs Meth. Doch keine Regel ohne Ausnahme: Im Mai 2014 stand ein 63-jähriger Bankier vor einem britischen Gericht. Er hatte Crystal Meth genommen, weil er Stress im Job hatte und zusätzlich seine todkranke Mutter pflegen musste.

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