"Ich befehle euch: Verbrennt mich!": Der 10. Mai 1933
Bilderserien
Der Exodus deutscher Künstler und Intellektueller, Schriftsteller und Wissenschaftler beginnt bereits mit der Machtübernahme Hitlers 1933. (Fackelzug der SA und nationalistischer Gruppen am Abend des 30. Januar 1933)Bild 1 von 81 Doch die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz, dem heutigen August-Bebel-Platz, ist das eigentliche Fanal, das einen endgültigen Bruch symbolisiert.Bild 2 von 81 Diese von der Deutschen Studentenschaft initiierte "Aktion wider den undeutschen Geist" zerstört deutsche Geistestradition, schlägt einem Land, einer Kultur den intellektuellen Kopf ab.Bild 3 von 81 Zehntausende Bücher von etwa 130 Autoren werden allein in Berlin dem Feuer übergeben.Bild 4 von 81 In über 20 weiteren deutschen Städten gibt es am gleichen Tag ähnliche Verbrennungen. Weitere folgen, auch noch nach 1933, wie hier 1938 im österreichischen Salzburg.Bild 5 von 81 Für die betroffenen Autoren ist es ein "Riss, der niemals ganz zu heilen war", schreibt Volker Weidermann, der die Biographien der 131 Autoren in dem "Buch der verbrannten Bücher" zusammengetragen hat.Bild 6 von 81 Viele von ihnen sind heute vergessen. Der Deutsche Kulturrat bescheinigt den Nationalsozialisten deshalb einen "nachhaltigen Erfolg", wenn es um das Vergessen damals verfemter Autoren geht.Bild 7 von 81 Mit vielen Aktionen und Veranstaltungen soll zum 75. Jahrestag der Verbrennung an die Philosophen und Wissenschaftler, Autoren, Lyriker und Dramatiker, Publizisten und Journalisten erinnert werden.Bild 8 von 81 Sie werden 1933 nicht Opfer einer spontanen Aktion. Die Bücherverbrennung ist als Höhepunkt einer vierwöchigen Kampagne gedacht, die systematisch Universitäten, öffentliche und private Bibliotheken vom "zersetzenden Schrifttum" befreien soll.Bild 9 von 81 Bereits am 12. April wird an Universitäten und in Zeitungen ein Flugblatt "Wider den undeutschen Geist" veröffentlicht, in dem die Studenten ihre Ziele verkünden.Bild 10 von 81 Schandpfähle werden aufgestellt, an die verfemte Bücher genagelt werden. (Gedenkpfahl in Rostock)Bild 11 von 81 Ende April beginnt die Erfassung von Büchern in privaten und Universitäts-Bibliotheken sowie Buchhandlungen. Professoren und Rektoren protestieren nicht - viel eher helfen sie, Listen mit zu verbrennenden Büchern zu erstellen und die Bücher zu sammeln.Bild 12 von 81 Öffentliche Bibliotheken sollen ihre Bestände eigenständig "säubern" und die Bücher abgeben. Viele kooperieren.Bild 13 von 81 Der Buchhandel unterstützt die Aktion ebenfalls. Er verbreitet sogar, wie hier im "Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel", …Bild 14 von 81 … die Bücher-Listen mit den Werken, die aussortiert werden "können", und leistet den Nationalsozialisten damit direkte Hilfe.Bild 15 von 81 Die erste dieser "schwarzen Listen" stammt von einem 29-jährigen Bibliothekar und Nationalsozialisten namens Wolfgang Herrmann, der freiwillig schon einige Jahre an einer entsprechenden Liste arbeitet, …Bild 16 von 81 … und damit selbst dem nationalsozialistischen Chefideologen Alfred Rosenberg (hier 1945) zuvor kommt. Die Organisation der Veranstaltung liegt somit komplett in den Händen der vermeintlich geistigen Elite des Landes: der Studenten.Bild 17 von 81 Auch das Joseph Goebbels unterstellte Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda hält sich bei den Vorbereitungen zunächst zurück. Goebbels ist unsicher, ob die Bevölkerung eine Bücherverbrennung in diesem Ausmaß unterstützen wird.Bild 18 von 81 Erst die eigentliche Verbrennung wird in Berlin von den "schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners" (Erich Kästner) begleitet, der um Mitternacht, die Bücher sind nur noch Asche, ans Mikrofon tritt. 40.000 sind live dabei, Unzählige an den Rundfunkgeräten.Bild 19 von 81 Der studierte Germanist irrt sich: Gegen die Bücherverbrennung gibt es in der Bevölkerung kaum Proteste. Die Berliner Feuerwehr hilft sogar, das bei Regen schwer entzündbare Feuer zu entflammen.Bild 20 von 81 Seit Anfang Mai haben die Studenten die Bücher, teilweise durch Plünderungen, zusammengetragen.Bild 21 von 81 In Berlin stürmen sie zum Beispiel das "Institut für Sexualwissenschaft" von Magnus Hirschfeld und plündern die umfangreiche Bibliothek. (Nationalsozialistische Zeichnung gegen Hirschfeld)Bild 22 von 81 75 Jahre nachdem eine Bronzebüste von Hirschfeld zerschlagen und aufgespießt bei der Bücherverbrennung präsentiert und ins Feuer geworfen wird, benennt Berlin eine Straße nach ihm. Die Büste soll nun neu gegossen werden.Bild 23 von 81 Am 10. Mai folgt, in Berlin und anderen Städten, die bis ins Detail geplante und als Ritual durchgeführte Verbrennung der Bücher.Bild 24 von 81 Die Studentenschaft verschickt dazu "Feuersprüche", die während der Verbrennung exemplarischer Werke verlesen werden sollen.Bild 25 von 81 Mit dem ersten Spruch "Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung!" werden die Werke von Karl Marx (Bild) und Karl Kautsky verbrannt.Bild 26 von 81 Marx ist als Autor des "Kommunistischen Manifestes" und des "Kapital" einer der wichtigsten Theoretiker des Kommunismus und des historischen Materialismus, …Bild 27 von 81 … Kautsky ein einflussreicher Theoretiker der Sozialdemokratie. (Zeichnung von Max Liebermann)Bild 28 von 81 Bücher von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner werden mit dem Spruch "Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat!" ins Feuer geworfen. (Zeichnung von Heinrich Mann)Bild 29 von 81 Mann kritisiert in seinem Buch "Der Untertan" deutsche Unterwürfigkeit, Obrigkeitsgläubigkeit, Nationalismus und Militarismus im wilhelminischen Kaiserreich.Bild 30 von 81 Im Ersten Weltkrieg tritt er für die Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland ein.Bild 31 von 81 Im französischen Exil versucht er, verfeindete Kommunisten und Sozialdemokraten zum gemeinsamen Handeln zu bewegen. Doch die Volksfront scheitert und Mann siedelt schließlich in die USA über, wo er, ohne die Sprache zu sprechen, isoliert ist. Europa sieht er nicht wieder.Bild 32 von 81 Erich Kästner, der nach 1945 vor allem als Kinderbuchautor berühmt wird, ist in der Weimarer Republik ein wichtiger Vertreter der Neuen Sachlichkeit.Bild 33 von 81 Er ist der einzige der Autoren, der "dieser theatralischen Frechheit" am 10. Mai in Berlin persönlich beiwohnt, wie er später schreibt. Er wird erkannt, doch ihm geschieht nichts.Bild 34 von 81 Er geht nicht in die Emigration, sondern bleibt in Deutschland, wird jedoch mit einem Schreibverbot belegt.Bild 35 von 81 Es folgen zum Beispiel die Bücher des Psychoanalytikers Sigmund Freud, …Bild 36 von 81 … deren "seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens" der nationalsozialistische "Adel der menschlichen Seele" gegenübergestellt wird, wie es im Feuerspruch heißt.Bild 37 von 81 Werke der Publizisten Theodor Wolff (Bild) und Georg Bernhard werden wegen ihres "volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung" verbrannt, …Bild 38 von 81 … jene von Erich Maria Remarque, dem Autor von "Im Westen nichts Neues", für ihren "literarischen Verrat am Soldaten des Weltkriegs".Bild 39 von 81 Der Roman, der bereits 1930 verfilmt wird, schildert die Schrecken des Ersten Weltkriegs aus der Sicht des jungen Soldaten Paul Bäumer.Bild 40 von 81 Remarque konterkariert damit die nationalistische Romantisierung des Krieges.Bild 41 von 81 Die Verbrennung der Bücher von Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky (Bild) wird von dem Spruch "Gegen Freiheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist" begleitet.Bild 42 von 81 Beide arbeiten in der Weimarer Republik für die Wochenzeitschrift "Die Weltbühne", die gegen den zunehmenden Militarismus und Nationalismus in Deutschland ankämpft.Bild 43 von 81 Der pazifistische Journalist Ossietzky stirbt nach langer Haft in verschiedenen Konzentrationslagern 1938 in Berlin. 1936 wird ihm nachträglich der Friedensnobelpreis von 1935 verliehen.Bild 44 von 81 Der satirische Publizist Tucholsky stirbt 1935 im schwedischen Exil. "Gegen einen Ozean pfeift man nicht an", schreibt er verbittert über den aufkommenden Nationalsozialismus in Deutschland, gegen den er nichts ausrichten kann.Bild 45 von 81 Diese Autoren der "Feuersprüche" stehen jedoch nur symbolisch für zahlreiche weitere Schriftsteller, deren Bücher ebenfalls ein Opfer der Flammen werden. Die Liste zeugt dabei von einer beispiellosen Bandbreite.Bild 46 von 81 Bertha von Suttner, gestorben 1914, ist Pazifistin und Friedensnobelpreisträgerin.Bild 47 von 81 Der Österreicher Stefan Zweig, meisterhafter Novellist und einer der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren der 1920er Jahre, nennt den 10. Mai in einem Brief an Romain Rolland einen "Tag des Ruhms, da meine Bücher auf dem Scheiterhaufen in Berlin brennen".Bild 48 von 81 Zweigs Landsmann Franz Werfel ist ein herausragender Vertreter des literarischen Expressionismus. 1938, nach dem deutschen Einmarsch in Österreich, flieht er nach Frankreich, ...Bild 49 von 81 ... später, zusammen mit Heinrich Mann, über die Pyrenäen nach Spanien. In den USA kann er sich schließlich in Hollywood eine zweite Karriere aufbauen.Bild 50 von 81 Dem Schriftsteller und Kabarettisten Joachim Ringelnatz, Autor sprachlich teils unsinniger Gedichte, ergeht es ganz anders. Er darf nach 1933 nicht mehr auftreten, verarmt schnell und stirbt ein Jahr später.Bild 51 von 81 Der "rasende Reporter" Egon Erwin Kisch ist der Wegbereiter der literarischen Reportage. Er wird 1933 zunächst von der Gestapo verhaftet, als tschechischer Staatsbürger jedoch abgeschoben.Bild 52 von 81 Als einer der Ersten macht er die Terror-Verbrechen der Nationalsozialisten publik. Er lebt anschließend in Prag und Paris im Exil, kämpft im Spanischen Bürgerkrieg, geht in die USA und nach Mexiko. Nach seiner Rückkehr stirbt er 1948 in Prag.Bild 53 von 81 Klaus Mann, geboren 1906, bricht in der Weimarer Republik mit seinen Büchern und Stücken Tabus.Bild 54 von 81 Im Exil nach 1933 schreibt er mit seiner Schwester Erika das Buch "Escape to Life. Deutsche Kultur im Exil", eines der wichtigsten Bücher der Emigration. Er stirbt 1949 an einer Überdosis Schlaftabletten.Bild 55 von 81 Der bekennende Kommunist Bertolt Brecht steht, so Weidermann in seinem Buch, "ganz oben auf der Liste". Wie einige andere der verfemten Autoren geht er nach 1945 in die DDR, hat aber, im Gegensatz zu den meisten, auch dann noch Erfolg.Bild 56 von 81 Anna Seghers schreibt im Exil zwei ihrer wichtigsten Romane, "Das siebte Kreuz" und "Transit". In der DDR wird sie Präsidentin des Schriftstellerverbandes, erhält den Nationalpreis der DDR.Bild 57 von 81 Diesen bekommt auch Arnold Zweig. Bekannt ist er als Autor des Zyklus' "Der große Krieg der weißen Männer" über den Ersten Weltkrieg.Bild 58 von 81 Kritischer zeigt sich Alfred Döblin, Autor von "Berlin Alexanderplatz". Er zieht nicht in die DDR und geht, auch enttäuscht über die Restaurationstendenzen in der Bundesrepublik, nach Paris. Dort ist er, wie schon in den langen Jahren der Emigration, isoliert.Bild 59 von 81 Neben den deutschen Autoren werden aber auch Bücher internationaler Schriftsteller verbrannt, die als sozialistisch oder pazifistisch gelten. Bei einigen kommen "nur" ausgewählte Werke auf die "schwarze Liste".Bild 60 von 81 Betroffen sind zum Beispiel Amerikaner wie Ernest Hemingway, der in Spanien auf Seiten der Republikaner kämpft, ...Bild 61 von 81 ... Upton Sinclair, der in seinem Buch "Dschungel" die Arbeitsverhältnisse in Chicagoer Schlachthäusern anprangert, ...Bild 62 von 81 ... John Dos Passos, dessen "Manhattan Transfer" als bahnbrechendes Werk der Moderne gilt ...Bild 63 von 81 ... und selbst der für seine Abenteuerromane bekannte Jack London, der 1916 stirbt ...Bild 64 von 81 ... und wegen seiner sozialistischen Ideale verfemt ist. Kurz vor seinem Tod tritt er aus der Sozialistischen Partei aus, "weil sie die Energie im Klassenkampf verloren hat".Bild 65 von 81 Auch die Werke vieler russischer bzw. sowjetischer Autoren, wie Maxim Gorki, werden in die Flammen geworfen.Bild 66 von 81 Der tschechische Schriftsteller Jaroslav Hašek beschreibt in seinem Buch "Der brave Soldat Schwejk" den Krieg als Irrsinn. (Walter Plathe 2004 als titelgebende Hauptfigur)Bild 67 von 81 Der Franzose Henri Barbusse (Bild) und selbst ein japanischer Schriftsteller, Sunao Tokunaga, der in seinem Hauptwerk "Die Straße der Sonne" einen Arbeiterstreik beschreibt, kommen auf die Liste der zu verbrennenden Bücher.Bild 68 von 81 Doch die erste "schwarze Liste" erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Gefordert wird die Vernichtung aller Bücher, die der nationalsozialistischen Ideologie entgegenstehen.Bild 69 von 81 Das gilt nicht nur für Prosawerke, zum Beispiel von Heinrich Heine ...Bild 70 von 81 ... und dem Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, der zwar nicht auf der "schwarzen Liste" steht, aber in einigen Städten trotzdem verbrannt wird, ...Bild 71 von 81 ... sondern auch für politische und wissenschaftliche Bücher des Kommunismus und Marxismus, zum Beispiel von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, ...Bild 72 von 81 ... von Lenin (l.) und Stalin.Bild 73 von 81 Auch Bücher von Künstlern wie George Grosz (sein Bild "Weit im Süden, das schöne Spanien") ...Bild 74 von 81 ... und Otto Dix (sein Bild "Der wilde Mann") werden verbrannt. Sie gelten wohl, in der Sprache der Nationalsozialisten, als "Literatur, die die sittlichen und religiösen Grundlagen unseres Volkes untergräbt".Bild 75 von 81 Werke der "aus dem Geiste volksentfremdeten Großstadtliteratentums hervorgegangenen Asphaltliteratur" (der Potsdamer Platz in Berlin 1926) ...Bild 76 von 81 ... und "Literatur, die das Erlebnis der Frontsoldaten in den Schmutz zieht", sollen ebenfalls verbrannt werden. So der Sprachgebrauch der Nationalsozialisten.Bild 77 von 81 Doch egal, wann man auf die "schwarze Liste" kommt: Die Autoren verlieren ihr Publikum und damit ihre Einkünfte aus den Buchverkäufen. Sie stehen in der Emigration vor dem Nichts. (Das Pariser Hotel Lutetia, Treffpunkt deutscher Emigranten)Bild 78 von 81 Und doch: Oskar Maria Graf, von dem nicht alle Werke auf der Liste von 1933 zu finden sind, findet gerade dies empörend. "Verbrennt mich", fordert er. "Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber wird unauslöschlich sein wie eure Schmach!"Bild 79 von 81 Brecht legt ihm später, in dem Gedicht "Als das Regime befahl" von 1938, die Worte in den Mund: "Tut mir das nicht an! Lasst mich nicht übrig! Habe ich nicht immer die Wahrheit berichtet in meinen Büchern? Und jetzt werd ich von euch wie ein Lügner behandelt! ...Bild 80 von 81 ... Ich befehle euch: Verbrennt mich!" (Text: Markus Lippold, Bilder: AP, dpa, wikipedia)Bild 81 von 81
"Ich befehle euch: Verbrennt mich!"Der 10. Mai 1933