Am 9. Oktober 1967 torkelt ein betrunkener bolivianischer Soldat in ein schäbiges Schulhäuschen und mäht mit zwei Salven aus seinem Schnellfeuergewehr einen zerlumpten Mann nieder.Bild 1 von 71 Der Feldwebel Mario Terán, der sich Mut für die ihm befohlene Tat angetrunken hatte, macht sein Opfer, den Argentinier Ernesto Guevara, damit unsterblich.Bild 2 von 71 "Ziele gut, du erschießt einen Mann", sollen seine letzten, an den betrunkenen Schützen gerichteten Worte, gewesen sein.Bild 3 von 71 Der Mythos vom edlen Revolutionär Che Guevara ist geboren.Bild 4 von 71 In den 40 Jahren seit seinem Tod hat die Verehrung für "Che" bisweilen religiöse Züge angenommen. 1999 ließen die Kirchen in Großbritannien sogar ein Jesus-Plakat drucken, das dem Poster von Che Guevara nachempfunden war.Bild 5 von 71 Selbst die CDU schrie offenbar nach einer "Revolution" und bediente sich Ches, als sie 2005 ihre Wahlkampfzentrale in Berlin mit "Angie-Guevara"-Ikone eröffnete.Bild 6 von 71 Im kollektiven Gedächtnis politisch linker Lateinamerikaner und weit darüber hinaus geistert der Arzt und Guerillero auch heute noch als eine Art "Jesus mit Knarre" herum, wie Wolf Biermann in seinem Lied "Commandante Che Guevara" einmal dichtete.Bild 7 von 71 Seine Kritiker hingegen brandmarken ihn als "stalinistischen Massenmörder" und Vorläufer Osama bin Ladens, weil er in einem Interview gesagt haben soll, er hätte nichts dagegen, wenn New York dem Erdboden gleich gemacht werde. (Kubanische Führung 1960)Bild 8 von 71 Mit dem tatsächlichen Leben und Wirken des Ernesto Guevara hat die Legende vom modernen Jesus nur in einem, allerdings wichtigen Punkt zu tun. (1964 in New York beim CBS-Interview)Bild 9 von 71 Bis zur Selbstaufopferung setzt er sich für eine gerechtere Welt ein. Zeit seines kurzen Lebens bleibt er dem Ideal treu, sich nicht durch persönliche Vorteile vom Ideal einer egalitären Gesellschaft abbringen zu lassen. (1964 vor der UNO)Bild 10 von 71 1965 gibt Guevara, der zusammen mit Fidel Castro 1959 den kubanischen Diktator Batista gestürzt hatte, seine Position als kubanischer Industrieminister auf.Bild 11 von 71 Der Abschied des Guerillakämpfers aus Kuba ist wenige Jahre nach der erfolgreichen Revolution nach Ansicht eines engen Weggefährten unfreiwillig erfolgt.Bild 12 von 71 "Zwischen Che Guevara und Revolutionsführer Fidel Castro gab es starke Spannungen. Che war nicht mit der engen Anlehnung an die Sowjetunion seit Anfang der 60er Jahre einverstanden", erzählt der in Paris lebende, 68-jährige Ex-Guerillero Dariel Alarcón.Bild 13 von 71 Che Guevara geht deshalb in den Kongo und später nach Bolivien. Dort versucht er erfolglos, eine Revolution zu entfachen, die seinen Vorstellungen entspricht. Alarcón kämpft an der Seite Che Guevaras. (Auktion von Guevara-Fotos 2001 in Paris)Bild 14 von 71 Es habe sich im Zuge der engen Bindung an Moskau eine Funktionärskaste herausgebildet, die den Kontakt zum Volk Stück für Stück verloren habe. "Che Guevara hingegen sagte, ich werde immer das essen, was das Volk isst."Bild 15 von 71 Durch eine gute "PR-Arbeit" habe es so ausgesehen, als sei der Weggang von der Karibikinsel aus rein idealistischen Gründen erfolgt. "Doch das war nicht so, über der Revolution lag ein Schatten." (1961 auf einer Wirtschaftskonferenz in Uruguay)Bild 16 von 71 Bei seiner Festnahme in Bolivien im Oktober 1967 soll Guevara gesagt haben, "für Euch und für Fidel wird es besser sein, wenn ich tot bin". (Der bolivianische Journalist Freddy Alborta fotografierte Gueveras Leichnam.)Bild 17 von 71 Noch immer meinen viele Kubaner, die Revolution wäre heute - 48 Jahre nach dem Sturz des Diktators Fulgencio Batista - eine andere, wenn Che Guevara nicht gegangen wäre.Bild 18 von 71 Der frühere Weggefährte sieht den Guerillakampf und den Einsatz von Gewalt im Nachhinein kritisch, auch Guevara habe oft geirrt.Bild 19 von 71 Der heute 68-Jährige konnte damals mit fünf Mitkämpfern den Verfolgern Che Guevaras entkommen und erreichte nach einer Odyssee über Chile, Tahiti, Frankreich und Russland im März 1968 wieder die kubanische Hauptstadt Havanna.Bild 20 von 71 1995 verließ er Kuba und ging nach Paris. "Für mich bedeutet Che heute noch das gleiche wie vor 40 Jahren. (Statue in La Higuera, Bolivien)Bild 21 von 71 "Er ist der Mann, der mir das Tor zur Welt geöffnet hat, er war beseelt vom Gedanken an eine gerechtere Welt", sagt Alarcón. "Ich glaube, heute fehlen uns solche Menschen." (Mexiko 1964)Bild 22 von 71 Dass die bolivianischen Militärs den Leichnam des toten Revolutionärs aufgebahrt fotografierten, um der Welt den Fang des schon damals berühmten Revolutionärs zu beweisen, trug nur noch weiter zur Aura des Kämpfers bei.Bild 23 von 71 "Er sah aus wie ein Christus", erinnert sich die deutsche Ordensschwester Antonia Maria Freude an den Anblick des blutgetränkten Leichnams in der Waschküche des Krankenhauses.Bild 24 von 71 Die Bolivianer hacken dem Toten die Hände ab, um damit seinen Tod zu beweisen. Denn seine Leiche - so verkauft es das Militär der Weltöffentlichkeit - sei kurz nach seinem Tode verbrannt worden. Vallegrande soll auf keinen Fall zum Wallfahrtsort werden!Bild 25 von 71 Doch in Wahrheit verscharren Soldaten den toten Che hastig unter der Landebahn des Flugplatzes.Bild 26 von 71 1997 wird der handlose Leichnam entdeckt, nachdem ein bolivianischer General die Stelle des Massengrabes preisgegeben hatte.Bild 27 von 71 Die Leiche wird in ein Mausoleum nach Santa Clara auf Kuba gebracht.Bild 28 von 71 Der heute 71 Jahre alte Exil-Kubaner Gustavo Villoldo, der als damaliger CIA-Agent an der Gefangennahme Guevaras im bolivianischen Dschungel beteiligt war, bewahrte 40 Jahre lang eine Haarsträhne des Guerrillero auf. Jetzt will er sie versteigern.Bild 29 von 71 Che und die kubanische Zigarre sind heute Legende: Sein Asthma hielt den Mediziner Zeit seines Lebens nicht vom Rauchen ab. Seinen ersten Anfall hatte er bereits im Alter von zwei Jahren.Bild 30 von 71 Der am 14. Juni 1928 in der argentinischen Stadt Rosario geborene Guevara hat zwei Brüder und zwei Schwestern. Aufgewachsen als Kind einer wohlhabenden Familie, ist sein politischer Werdegang alles andere als selbstverständlich.Bild 31 von 71 Doch dann zieht er zwei Mal, 1952 und ab 1953, per Motorrad und als Anhalter durch Lateinamerika. Die soziale Not der armen Bauern auf dem Land erschüttert den Sohn aus gutem Hause zutiefst.Bild 32 von 71 "Dieses Herumziehen in unserem Amerika hat mich mehr verändert, als ich gedacht hätte", notiert er anschließend.Bild 33 von 71 In Peru arbeitet Guevara eine Zeit lang auf einer Leprastation. In Guatemala erlebt er 1954 den von der CIA unterstützten Staatsstreich. (Demonstration 2002 bei El Zarco/Guatemala)Bild 34 von 71 Che wollte eigentlich Ingenieur werden, doch der Tod seiner Großmutter, an deren Bett er 17 Tage lang ausharrte, bewog ihn, Medizin zu studieren. 1955 erwirbt Guevara den Doktortitel an der Medizinischen Fakultät von Buenos Aires. (1967 mit seinen Eltern)Bild 35 von 71 Bald identifiziert er den US-Imperialismus und den Kapitalismus als Ursache allen Übels und stößt 1955 in Mexiko zur Rebellengruppe um Fidel Castro und dessen jüngerem Bruder Raúl.Bild 36 von 71 Dort bekommt er auch seinen Spitznamen Che, ein Wort, das Argentinier in jedem dritten Satz als eine Art Anrede wie etwa "He, du" benutzen.Bild 37 von 71 Die Härte und Gnadenlosigkeit, die er später im Guerillakrieg oder bei Hinrichtungen von Verrätern oder Deserteuren an den Tag legt, passen indessen wenig zum heutigen Bild des sympathischen Freiheitskämpfers. (Sein Hauptquartier in Los Portales auf Kuba)Bild 38 von 71 Dazu trug viel eher das berühmte Foto bei, das der Fotograf Alberto Korda am 5. März 1960 aufnahm. Der bärtige Che scheint darauf leicht gedankenverloren in eine ferne Zukunft zu blicken.Bild 39 von 71 Die Aufnahme entstand im Rahmen einer Trauerfeier für rund 80 Hafenarbeiter, die tags zuvor bei einem Anschlag auf den mit Munition beladenen französischen Frachter La Coubre starben.Bild 40 von 71 Korda fotografiert Fidel Castro, der in seiner Rede die CIA für den Anschlag verantwortlich macht, die anwesenden Philosophen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir - und Ernesto "Che" Guevara.Bild 41 von 71 "Plötzlich erschien Che im 90-Millimeter-Objektiv meiner Leica. Sein Blick erstaunte mich", so der 2001 gestorbene Korda. Erst in seiner Bedeutung verkannt, wird das Bild später zur Ikone des 20. Jahrhunderts. (Straßenmaler 2003 in Genf)Bild 42 von 71 Das Bild ist bis heute millionenfach reproduziert worden. Obwohl Korda an dem eigenen Bild keine Rechte hatte, verklagte er im Jahr 2000 den Wodka-Hersteller Smirnoff und die Londoner Werbeagentur Lowe Lintas, weil sie das Che-Foto zu Werbezwecken verwendet hatten.Bild 43 von 71 Korda argumentierte, die historische Bedeutung seines Fotos werde durch die Werbung lächerlich gemacht. Außerdem habe Che Guevara nie Alkohol getrunken. Der Londoner High Court sprach ihm daraufhin die Rechte an seinem Bild zu und untersagte die Werbung.Bild 44 von 71 In den 60er und 70er Jahren zierte es die Wände von Studentenzimmern, inzwischen ist es millionenfach auf Hemden, Schlüsselanhängern, Feuerzeugen und sogar auf Bettwäsche oder Fußabtretern verbreitet worden.Bild 45 von 71 Zum Teil völlig losgelöst vom historischen Kontext Guevaras steht das Konterfei inzwischen für eine vage Vorstellung von Rebellion und dem Streben nach einer besseren Welt. Und oft ist es auch nur noch ein Werbelogo. (2007 Burg Herzberg Festival in Hessen)Bild 46 von 71 In Kuba hingegen lautet das Motto der kommunistischen Pioniere noch heute "¡Seremos como el Che!" (etwa: Lasst uns wie Che sein!). Die ersten Worte der Babys seien Mama, Papa, Wasser und dann Che, sagt eine Kubanerin.Bild 47 von 71 Viele Geschichten ranken sich um Leben und Tod des Revolutionärs. Vieles wurde ihm angedichtet, so auch eine Liebesbeziehung zu der Deutschen Tamara Bunke. (Ihre Mutter mit Bildern der Tochter)Bild 48 von 71 Haydée Tamara Bunke Bider wurde 1937 in Buenos Aires als Tochter deutscher Emigranten geboren und wuchs später in der DDR auf. Sie lernt Che 1960 kennen. Ein Jahr später reist sie selbst nach Kuba. (Die Mutter und ihr Ehemann an ihrem Sarg)Bild 49 von 71 Sie wird zur Untergrundkämpferin ausgebildet und geht 1966 mit Che nach Bolivien. Am 31. August 1967 stirbt "Tania la Guerrillera" in einem feindlichen Hinterhalt in Vallegrande am Rio Grande.Bild 50 von 71 Tamara Bunke ist heute auf Kuba eine Nationalheldin. Im Dezember 1998 werden ihre Gebeine im kubanischen Santa Clara in dem Mausoleum für Guevara und seine Kampfgefährten beigesetzt.Bild 51 von 71 1959 heiratet Major Guevara als 34-Jähriger seine zweite Frau Aleida March de la Fore.Bild 52 von 71 Aus der Ehe mit Aleida stammen vier Kinder.Bild 53 von 71 Aleida "Aliusha" (geb. 1960), Camilo (geb. 1962), Celia (geb. 1963) und Ernesto (geb. 1965).Bild 54 von 71 Camilo in einer Aufnahme seines Vaters ...Bild 55 von 71 ... und im Jahr 2003.Bild 56 von 71 Die Tochter Aleida auf dem Arm ihres Vaters ...Bild 57 von 71 ... und 2007 in Paris.Bild 58 von 71 Der Mythos Che lebt weiter - in Filmen (auch Robert Redford machte einen), ...Bild 59 von 71 ... im Musical "Evita", ...Bild 60 von 71 ... bei linken Demonstrationen wie hier bei Protesten gegen den Bush-Besuch 2001 in Madrid.Bild 61 von 71 Zum Jahrestag der Oktoberrevolution 2004 in St. Petersburg,Bild 62 von 71 2006 in Wien bei einer Demonstration zum EU-Lateinamerika-Gipfel,Bild 63 von 71 2007 in Lima bei einer Demonstration gegen die Regierungspolitik,Bild 64 von 71 2004 beim Streik der Opel-Arbeiter,Bild 65 von 71 2007 im Camp der G8-Gegner in Reddelich bei Heiligendamm,Bild 66 von 71 auf Postkarten und ...Bild 67 von 71 ... Oberarmen.Bild 68 von 71 In Kuba ist Che natürlich allgegenwärtig - selbst beim Papstbesuch 2003.Bild 69 von 71 Auf der Zuckerinsel begannen die Ehrungen für den "Revolutions-Helden" am 30. September und ziehen sich bis zum 14. Juni 2008 hin.Bild 70 von 71 Dann würde Guevara 80 Jahre alt werden. (Alle Bilder dpa, AP)Bild 71 von 71