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Freitag, 17. November 2017

Die Filme von Martin Scorsese: Mafia, New York und immer wieder Gewalt

Von Markus Lippold

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Martin Scorsese ist einer der bedeutendsten Regisseure der USA. Seit den 1960er-Jahren dreht er Filme und Dokumentationen. Einige sind zu Klassikern geworden, andere sind Kult, ein paar sind gefloppt. Wir stellen sie vor. (Foto: dpa)

Martin Scorsese ist einer der bedeutendsten Regisseure der USA. Seit den 1960er-Jahren dreht er Filme und Dokumentationen. Einige sind zu Klassikern geworden, andere sind Kult, ein paar sind gefloppt. Wir stellen sie vor.

Martin Scorsese ist einer der bedeutendsten Regisseure der USA. Seit den 1960er-Jahren dreht er Filme und Dokumentationen. Einige sind zu Klassikern geworden, andere sind Kult, ein paar sind gefloppt. Wir stellen sie vor.

Noch während des Studiums dreht Scorsese (hier 1973) nicht nur Kurzfilme wie den blutigen "The Big Shave", sondern 1967 auch seinen ersten Langfilm: "Wer klopft denn da an meine Tür?". Der Erfolg ist bescheiden, die Kosten ruinieren den jungen Filmemacher.

Schließlich zieht er von New York nach Hollywood, wo er andere Regisseure wie Francis Ford Coppola, Steven Spielberg und George Lucas kennenlernt (hier alle zusammen im Jahr 2007).

Der erste Film an der Westküste, "Die Faust der Rebellen" mit Barbara Hershey und David Carradine, ist mehr Auftragsarbeit denn eigenes Projekt.

Scorsese dreht den Gangsterfilm aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise für B-Movie-Ikone Roger Corman.

1973 folgt Scorseses erster erfolgreicher Autorenfilm, "Hexenkessel". Harvey Keitel und Robert De Niro spielen darin zwei Kleinkriminelle im New Yorker Little Italy - obwohl der Film hauptsächlich in Los Angeles entstand.

Der intensive Film, der die Metropole von ihrer schmutzigen, brutalen Seite zeigt, ist nicht nur die erste Zusammenarbeit von Scorsese und De Niro, sondern nimmt auch schon viele Themen vorweg, die der Regisseur später immer wieder behandelt: Kriminalität und Mafia, Religiosität und die Suche nach Erlösung.

Es folgt "Alice lebt hier nicht mehr". Mit seiner weiblichen Hauptfigur, gespielt von Ellen Burstyn, ist der Liebesfilm eigentlich untypisch für Scorsese. Mit an Bord ist aber wieder Harvey Keitel, daneben spielen auch Kris Kristofferson und die zwölfjährige Jodie Foster mit.

Der Erfolg des Films - darunter ein Hauptrollen-Oscar für Burstyn und weitere Nominierungen - gibt Scorsese die Freiheit, sein nächstes Projekt anzugehen: …

… "Taxi Driver", einen der wichtigsten Filme des New Hollywood.

Scorsese erhält dafür die Goldene Palme von Cannes, Robert De Niro als Hauptfigur und Jodie Foster, die Scorsese hier als minderjährige Prostituierte besetzt, gewinnen etliche Preise und werden für Oscars nominiert.

Im Mittelpunkt steht der schlaflose Taxifahrer Travis Bickle, der den Schmutz der Straße verabscheut. Seine Annäherungsversuche zur Wahlkampfhelferin Betsy (Cybill Shepherd) scheitern. Als Bickle der jungen Prostituierten Iris (Jodie Foster, im Bild) ...

... begegnet, will er sie von ihrem Zuhälter (Harvey Keitel) befreien - notfalls mit Gewalt.

Der Film ist mittlerweile Kult, die Hauptfigur oft kopiert, aber nie erreicht: Sein Satz "You talkin’ to me?" wird zum geflügelten Wort. Auffällig ist aber auch die Gewalttätigkeit des Films, die man vor dem Vietnamkrieg und der Desillusionierung durch den Watergate-Skandal sehen muss.

Wohl auch, um dem Image als Regisseur realistischer, gewalttätiger Filme zu entkommen, dreht Scorsese nun ein Musical, eine Hommage an die Klassiker von MGM.

Doch trotz namhafter Besetzung mit De Niro und Liza Minelli floppt "New York, New York".

Scorsese flüchtet in Drogen und versinkt in der Folge in Depressionen. Nur langsam erholt er sich davon.

1978 entsteht ein weiterer Musikfilm: In dem Konzertstreifen "The Last Waltz" wird das letzte Konzert von The Band gezeigt, …

… mit Gastauftritten von Bob Dylan, Neil Young und vielen anderen.

Es folgt einer der besten Filme der 80er-Jahre: "Wie ein wilder Stier".

Der hauptsächlich in Schwarz-Weiß gedrehte Boxerfilm mit Robert De Niro als Weltmeister Jake LaMotta gilt heute als Klassiker, auch wenn er 1980 an den Kinokassen nicht sehr erfolgreich ist.

Bemerkenswert ist nicht nur das dichte Charakterporträt des cholerischen LaMotta, sondern auch De Niros Vorbereitung auf die Rolle: Er lernt nicht nur boxen, sondern nimmt auch 27 Kilogramm zu, um den älteren Boxer darzustellen. Am Ende erhält er den Oscar als bester Hauptdarsteller.

Scorsese dagegen, der als bester Regisseur nominiert wird, geht leer aus, genau wie Nebendarsteller Joe Pesci (r.).

Für Scorsese beginnt damit ein durchwachsenes Jahrzehnt, zwar künstlerisch durchaus erfolgreich, jedoch mit Misserfolgen beim Publikum. So wird etwa "The King of Comedy" von der Kritik gelobt, fällt in den Kinos jedoch durch.

Robert De Niro spielt in dem bitterbösen Film einen Komiker, der seinem großen Vorbild, gespielt von Jerry Lewis, nachstellt - bis hin zu einer Entführung. Das Lexikon des internationalen Films spricht von einer "hintergründig erzählten Tragikomödie".

Mit "Die Zeit nach Mitternacht" bleibt Scorsese dem Fach treu, auch wenn der Film leichtfüßiger daherkommt. Er erzählt vom Programmierer Paul Hackett (Griffin Dunne), der durch eine Reihe von Missgeschicken durch das nächtliche New York irrt, was sich zunehmend als Albtraum entpuppt.

Scorsese drehte den Film, weil sein Projekt "Die letzte Versuchung Christi" wegen fehlender Finanzierung auf Eis lag. Der Erfolg war durchwachsen, bescherte ihm aber den Regiepreis von Cannes.

Zum Erfolg wurde dann 1986 "Die Farbe des Geldes", die Fortsetzung des Billard-Films "Haie der Großstadt" von 1961. Paul Newman übernahm erneut die Rolle des Eddie Felson - und erhielt für dieselbe Figur erneut einen Oscar.

Ihm zur Seite steht diesmal Tom Cruise, der als Nachwuchsspieler von Felson trainiert wird, bis sich die beiden überwerfen und schließlich gegeneinander antreten.

Mit dem Erfolg des Films im Rücken nimmt Scorsese ein lang geplantes Projekt in Angriff: Die Verfilmung des Romans "Die letzte Versuchung Christi" von Nikos Kazantzakis. Die Proteste waren programmiert, wird in dem Film doch ein zweifelnder, hadernder Jesus gezeigt, …

… der in einer besonders umstrittenen Sequenz gar vom Kreuz herabsteigt und mit Maria Magdalena eine Familie gründet. Konservative Christen laufen Sturm gegen den Film - teilweise, bevor dieser überhaupt erschienen ist -, und fordern einen Boykott.

Viel Lob von Kritikern bekommt Willem Defoes Darstellung von Jesus. Hinzu kommen einige bekannte Scorsese-Darsteller wie Harvey Keitel als Judas und Barbara Hershey als Maria Magdalena, aber auch David Bowie als Pontius Pilatus.

Nachdem Scorsese zusammen mit Francis Ford Coppola und Woody Allen "New Yorker Geschichten" vorgelegt hat, folgt ein Film, der zu seinen größten Erfolgen zählt: "Good Fellas".

Für Scorsese ist es nicht nur die Rückkehr zu alter Stärke, sondern auch zu alten Themen: die Mafia und New York. Mit Robert De Niro und Joe Pesci (der einen Oscar bekommt) besetzt er alte Bekannte, die Hauptrolle übernimmt allerdings Ray Liotta (r.).

Der Film handelt nach einer wahren Begebenheit vom Halbitaliener Henry Hill, der bereits als Kind für die Mafia arbeitet und langsam in der Hierarchie aufsteigt. Doch durch den Drogenhandel gerät sein Leben außer Kontrolle, bis die Behörden ihn immer mehr in die Enge treiben.

Scorsese wendet sich mit dem Film erneut dem Milieu der Kleinkriminellen zu und dekonstruiert so den Mythos Mafia. Aber auch technisch ist es ein Meisterwerk - …

… eine dreiminütige Kamerafahrt des deutschen Kameramanns Michael Ballhaus gilt als ein Höhepunkt des Films.

Der große Erfolg von "Good Fellas" sorgt für einen neuen Karrierehöhepunkt für Scorsese. Es folgten einige seiner bekanntesten Filme: "Kap der Angst" handelt von einem aus dem Gefängnis entlassenen Vergewaltiger (De Niro), …

… der die Familie seines Pflichtverteidigers (Nick Nolte) drangsaliert - erneut zeigt Scorsese dabei äußerst brutale Szenen.

Mit dem Historiendrama "Zeit der Unschuld" widmet sich Scorsese wieder einem New-York-Thema, hochkarätig besetzt mit Daniel Day Lewis, der sich zwischen seiner naiven Verlobten (Winona Ryder) und …

… einer unkonventionellen Gräfin (Michelle Pfeiffer) entscheiden muss.

1995 dreht Scorsese mit "Casino" einen weiteren Film über den brutalen Mafia-Mittelstand. De Niro spielt Sam Rothstein, der ein Kasino in Las Vegas leitet.

Seine penibel perfektionierte Masche, Spieler auszunehmen und den Gewinn des Kasinos der Mafia zukommen zu lassen, gerät jedoch in Gefahr, als er sich …

… einerseits auf die Edelprostituierte Ginger (Sharon Stone) einlässt, die er schließlich heiratet, …

… andererseits aber Mafiaschläger Nicky (Joe Pesci) für Unruhe sorgt.

In seiner Machart erinnert der Film an "Good Fellas", dessen Handlung auch aus dem Off erzählt wird. Andererseits besticht "Casino" sowohl durch seine Darstellung von Reichtum und Macht und ihren Auswirkungen als auch durch seine Ausstattung - De Niro trägt mehr Kostüme als Stone.

Angesichts der Brutalität von "Casino" überrascht Scorseses nächstes Projekt: "Kundun", ein Film über den Dalai Lama, von dessen Anerkennung bis zur Flucht vor den chinesischen Invasoren - das Thema reicht zumindest für ein lebenslanges Einreiseverbot, das Peking gegen Scorsese verhängt.

Allerdings ist Religiosität ein wiederkehrendes Thema bei Scorsese - so ist "Kundun" der zweite Teil einer Trilogie, zu der auch "Die letzte Versuchung Christi" und "Silence" gehören.

Das religiöse Motiv der Erlösung spielt auch in "Bringing Out the Dead" eine Rolle, der Sanitäter Frank (Nicolas Cage) durch das nächtliche New York begleitet. Mit seiner Schlaflosigkeit wirkt er wie ein Wiedergänger von Taxifahrer Travis Bickle.

Der Film zeigt ein altes, schmutziges, brutales und rücksichtsloses New York - aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Bis sich Frank in Mary (Patricia Arquette) verliebt, die Tochter eines Patienten, und doch noch auf Erlösung hoffen darf.

Ist "Bringing Out the Dead" eher ein kleiner Film, geht Scorsese 2002 mit "Gangs of New York" aufs Ganze. In wuchtigen, blutigen Bildern zeigt er New Yorker Bandenkämpfe Mitte des 19. Jahrhunderts.

Erstmals arbeitete er zudem mit Leonardo DiCaprio zusammen, der das irische Bandenmitglied Amsterdam spielt, …

… das sich dem brutalen Bandenchef William Cutting (Daniel Day-Lewis) entgegenstellt.

Der epische Film, der auch sehr positive Kritiken erhält, wird zehn Mal für den Oscar nominiert - geht aber leer aus.

Auch Scorseses nächstes Projekt, "Aviator", ist um Grunde ein epischer, historischer Film - er handelt vom legendären Flugpionier und Filmproduzenten Howard Hughes, dargestellt von DiCaprio.

Erneut überzeugt - neben den Schauspielern (hier DiCaprio mit Scorsese und Cate Blanchett) - vor allem die Ausstattung des Films, während die langatmige Geschichte nicht alle Kritiker überzeugen kann.

Das ändert sich mit "Departed - Unter Feinden", der 2006 in die Kinos kommt. Es ist Scorseses lange herbeigesehnter Triumph: Er erhält seinen ersten Regie-Oscar, zudem gibt es den Preis für den besten Film.

Das Remake eines Streifens aus Hongkong erzählt die Geschichte eines verdeckten Ermittlers bei der irischen Mafia in Boston und eines Maulwurfs eben jenes Mafiapaten bei der Polizei.

Getragen wird der Film von einem hervorragenden Ensemble aus Leonardo DiCaprio, Matt Damon, Jack Nicholson und Mark Wahlberg.

In der Zeit zwischen seinen Spielfilmen ist Scorsese auch nicht untätig: Immer wieder dreht oder produziert er Dokumentationen, darunter "The Blues", "No Direction Home" über Bob Dylan, den Konzertfilm "Shine a Light" der Rolling Stones (Bild) oder "George Harrison - Living in the Material World".

Auch im Fernsehen wird er aktiv: 2010 produziert er die Serie "Boardwalk Empire" und dreht deren Pilotfolge. Gleiches gilt für die Serie "Vinyl" von 2016.

Kein Wunder, dass der vielfach beschäftigte Scorsese nach "Departed" vier Jahre braucht, bis "Shutter Island" 2010 in die Kinos kommt, bei dem der Regisseur erneut auf DiCaprio setzt.

Dieser spielt in dem Psychothriller einen Polizisten, der in der Psychiatrie von Dr. Cawley (Ben Kingsley) ermittelt, dabei aber von seinen Dämonen der Vergangenheit eingeholt wird.

Geradezu leicht ist im Vergleich "Hugo Cabret", Scorseses Film über den Filmpionier Georges Méliès (dargestellt von Ben Kingsley).

Er ist äußerst ungewöhnlich. Nicht nur, weil er einer der wenigen Streifen des Regisseurs ist, die außerhalb der USA spielen, dazu noch in 3D, sondern auch, weil mit Asa Butterfield und Chloë Grace Moretz zwei Kinder die Hauptrollen übernehmen.

Die beiden kommen dem Geheimnis eines Ladenbesitzers auf die Spur, der sich als inzwischen desillusionierter Regisseur erweist, durch die Kinder aber neuen Lebensmut schöpft.

Wie in fast allen anderen Filmen übernimmt Scorsese übrigens auch hier selbst eine kleine Rolle. Er huldigt aber vor allem seiner eigenen Liebe zum Film - der er auch abseits seiner Regie-Tätigkeit nachgeht: …

… Er engagiert sich für den Erhalt und die Restaurierung von Filmklassikern. Zudem legt er mehrere Dokumentationen über die amerikanische und italienische Filmgeschichte vor.

Mit "The Wolf of Wall Street" widmet sich Scorsese dann aber erneut einem epischen Film vor real-biografischem Hintergrund: Er erzählt die Geschichte von Jordan Belfort, der mit Betrügereien im Aktienhandel und Geldwäsche Millionen verdiente - und dann in den Knast wanderte.

Kaum verwunderlich, dass erneut Leonardo DiCaprio die Hauptrolle übernimmt in einem Film, der die Exzesse an der Wall Street der 80er-Jahre als andauernde Party voller Drogen und Sex zeigt - …

… angefeuert durch schnelle und harte Schnitte, laute Musik und zynischen Humor.

Wie so oft bei Scorsese kommt der Film bei Kritikern gut an, geht trotz mehrerer Oscar-Nominierungen aber wieder mal leer aus. An den Kinokassen wird "The Wolf of Wall Street" der erfolgreichste Film des Regisseurs.

Und wie so oft, wenn er einen großen Erfolg hingelegt hat, nimmt sich Scorsese die Zeit für ein Herzensprojekt. In diesem Fall ist es "Silence", ein Film, den er seit Jahrzehnten plant, aber erst 2016 in die Kinos bringt.

Er schließt damit seine Trilogie über Religion ab - es geht um zwei Jesuiten-Pater, die im 17. Jahrhundert auf der Suche nach ihrem verschwundenen Mentor nach Japan kommen, wo Christen erbarmungslos verfolgt werden.

Bald stehen sie vor der Entscheidung, ihrem Glauben treu zu bleiben oder das Leben von Christen zu retten.

Eine Sondervorführung erlebt der Film mit Papst Franziskus - dem ersten Jesuiten, der die katholische Kirche führt.

Trotz hochkarätiger Besetzung mit Andrew Garfield, Adam Driver und Liam Neeson kommt der bedächtig und eindringlich erzählte Film mit seinen grandiosen Landschaftsbildern beim Publikum nicht so gut an.

Das dürfte sich mit dem nächsten Projekt wieder ändern: "The Irishman", der 2019 in die Kinos kommen soll, setzt wieder auf das Thema Mafia - und auf sein Ensemble aus Robert De Niro, Al Pacino, Harvey Keitel und Joe Pesci (Bild).

Scorsese kehrt - wie schon so oft zuvor - zu seinen Wurzeln zurück.

Und auch eines der vielen Projekte, die danach schon in den Startlöchern stehen, passt zu seinem bisherigen Werk: In einem Film über den US-Präsidenten Theodor Roosevelt soll Leonardo DiCaprio die Hauptrolle übernehmen.

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