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Mittwoch, 08. August 2018

Hitze, Dürre, Extremwetter: "Befinden uns mitten im Klimawandel"

Von Markus Lippold

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Klar, viele Deutsche genießen diesen Sommer. (Foto: imago/epd)

Klar, viele Deutsche genießen diesen Sommer.

Klar, viele Deutsche genießen diesen Sommer.

Im Freibad, mit Eis oder kühlem Bier entflieht man der Hitze.

54 Prozent der Befragten gaben bei einer repräsentativen Emnid-Umfrage für die "Welt" an, sich über "das tolle Wetter" zu freuen.

Allerdings empfanden 44 Prozent das Wetter auch als Belastung. Bei den Menschen über 50 Jahren waren es sogar 53 Prozent.

Ganz zu schweigen von der Landwirtschaft und anderen Wirtschaftszweigen, die mit den Folgen der aktuellen Trockenheit und Hitze zu kämpfen haben.

Vielen Bauern vor allem in Nord- und Ostdeutschland drohen Ernteausfälle bei Getreide, …

… aber auch bei Mais, Zuckerrüben und Kartoffeln sowie Futtergras.

Auch Viehbauern haben Probleme, da ihre Tiere weniger frisches Gras finden und im Extremfall notgeschlachtet werden müssen.

Zudem lassen die Hitze und der fehlende Regen Flüsse austrocknen. Das Niedrigwasser etwa auf dem Rhein behindert extrem die Schifffahrt.

Auch auf der Elbe und der Oder ist der Schiffverkehr infolge niedriger Pegelstände sehr eingeschränkt.

Auf der anderen Seite brechen vielerorts angesichts der hohen Temperaturen Waldbrände aus, etwa in Brandenburg.

In anderen europäischen Staaten sieht es nicht besser aus: In Schweden, Griechenland und Portugal kämpfen die Feuerwehren, teils unterstützt von anderen Ländern, gegen Waldbrände.

Selbst der deutsche Astronaut Alexander Gerst schickt von der Internationalen Raumstation ISS Fotos von verdorrten Feldern und ausgetrockneten Böden in Europa.

"Schockierender Anblick. Alles vertrocknet und braun, was eigentlich grün sein sollte", schreibt er dazu.

Von einem Jahrhundertsommer spricht man bereits. Doch worin liegen dessen Ursachen? Hat der Klimawandel etwas damit zu tun? Und welche Konsequenzen ziehen die Menschen daraus?

In der bereits erwähnten Umfrage vermuten 57 Prozent der Befragten, dass der Klimawandel hinter der Hitzewelle steckt. 41 Prozent halten diesen Sommer zufällig für so heiß.

So einfach lässt sich diese Frage aber nicht beantworten. Einzelne Wetterextreme direkt auf menschliche Aktivitäten, also auf den Treibhausgasausstoß zurückzuführen, sei immer "sehr schwierig", sagt etwa der französische Klimatologe Jean Jouzel.

Grundsätzlich gebe es immer wieder Hitzewellen in Teilen der Erde, konstatiert auch Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Die gegenwärtige Hitze auf der gesamten nördlichen Erdhalbkugel ist seiner Ansicht nach aber äußerst ungewöhnlich.

Auch für Mojib Latif vom Kieler Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung sind einzelne Wetterextreme kein Beleg für einen vom Menschen verursachten Klimawandel. Aber eine so lang andauernde Hitzeperiode in den hohen Breiten lasse sich nicht mehr mit "normaler Klimavariabilität" erklären, sagt er der "Welt".

So sehen die Fachleute der Münchner Rückversicherung im diesjährigen Wetter in Europa ein weiteres Indiz für den Klimawandel. "Das Wetter in Deutschland in der ersten Jahreshälfte passt leider zu dem, was die langjährige Klimaforschung erwarten lässt", sagte kürzlich der Leiter der Klima- und Geoforschung bei der Munich Re, Ernst Rauch. "Wir müssen mit feuchteren Wintern und trockeneren Sommern rechnen."

"Seit Beginn der Messungen in Deutschland hat sich die durchschnittliche Temperatur um 1,4 Grad erhöht. Das ist mehr als im globalen Durchschnitt", erklärt Wissenschaftler Latif. Die Sommerhitze nehme zu, es gebe mehr Hitzetage mit 30 Grad oder mehr. Latif spricht von einem "offensichtlichen Trend". Und dieser lasse sich kurzfristig nicht aufhalten.

Björn Samset vom norwegischen Klima-Forschungszentrum Cicero bringt es auf den Punkt: "Wir hätten in jedem Fall einen heißen und trockenen Sommer gehabt, aber angesichts dessen, dass der Planet heute ein Grad wärmer ist als vor 100 Jahren, ist es schlimmer, als es sonst gewesen wäre."

Dieser Befund wird von einer Studie des Netzwerks World Weather Attribution bestätigt, das sich mit dem Zusammenhang von Klima und Wetter beschäftigt. Die Berechnungen zeigten, "dass der Klimawandel allgemein die Chance auf die derzeitige Hitzewelle mehr als verdoppelt hat", sagte Geert Jan van Oldenborgh vom Royal Netherlands Meteorological Institute.

Diese Entwicklung hat Folgen: Was aktuell noch als ungewöhnlich warmer Sommer gilt, könnte in rund 30 Jahren ein ganz normaler Durchschnittssommer sein, heißt es beim Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Und wegen der höheren Grundtemperatur seien Hitzephasen noch extremer. "Wir befinden uns bereits mitten im Klimawandel", sagt PIK-Experte Fred Hattermann.

Damit verbunden: Extremereignisse wie Brände (hier in Brandenburg) und Hochwasser. "Das mögliche Ausmaß dieser Extremereignisse ist für uns noch nicht vollständig absehbar", warnt Hattermann. Aber Anpassungsstudien und Hochrechnungen würden helfen, sich auf bestimmte Szenarien vorzubereiten.

Der Wissenschaftler fordert, dass Städte und Gemeinden auch lokale Extremereignisse im Blick behalten sollten, um gezielt Vorsorge treffen zu können.

Die Kommunen fordern bereits Vorkehrungen für künftige Extremsommer. "Wir müssen uns in Zukunft darauf einstellen, dass die Sommer sehr heiß und niederschlagsarm werden", sagt etwa Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, dem "Handelsblatt".

Er schlägt eine Verbesserung der Wasserversorgung vor, unter anderem durch zusätzliche Speicherkapazitäten. Zudem sollten in Grünanlagen und in den kommunalen Wäldern mehr Pflanzen gesetzt werden, die für den Klimawandel besser gewappnet seien. (Bild: Die Berliner Polizei bewässert mithilfe eines Wasserwerfers Grünanlagen.)

Doch die Sache hat auch einen Haken: "Die Planung und Umsetzung eines solchen Aktionsplanes setzt natürlich zusätzliche Mittel voraus", so Landsberg. Dabei seien Bund, Länder und Kommunen "gemeinsam gefordert".

Allerdings lehnt die SPD zusätzliche steuerfinanzierte Vorkehrungen für künftige Hitzeperioden ab. Er sei gegen "Schnellschüsse im Sommerloch", insbesondere wenn es um die Verwendung von Steuermitteln gehe, sagt SPD-Haushaltspolitiker Johannes Kahrs dem "Handelsblatt". Offener zeigt sich in der Frage die Union, die eine Aufstockung eines bestehenden Programms erwägt.

Schon seit 2017 stellt der Bund Ländern und Gemeinden zur Verbesserung der grünen Infrastruktur jährlich 50 Millionen Euro zur Verfügung. (Satellitenaufnahmen des Umlands von Bremen am 23. August 2017, unten, und am 29. Juli 2018.)

Angesichts des fortschreitenden Klimawandels und der sich verschärfenden Dürreproblematik sollte geprüft werden, ob das Programm "auch für Maßnahmen des Wassermanagements geöffnet und finanziell aufgestockt werden kann", sagt nun der Großstadtbeauftragte der Unions-Bundestagsfraktion, Kai Wegner.

Das Umweltbundesamt fordert derweil mehr Anstrengungen zur Anpassung an den Klimawandel. "So steigt die Waldbrandgefahr, Infrastrukturen wie Autobahnen oder Flughäfen werden beschädigt. …

… Auf Flüssen wie Elbe und Rhein herrscht Niedrigwasser und die Landwirtschaft muss Ernteeinbußen hinnehmen", zählt Amts-Präsidentin Maria Krautzberger in der "Frankfurter Rundschau" auf.

Sie schlägt Hitze-Aktionspläne und Warnsysteme vor. In den Städten brauche es Grünflächen und Frischluftschneisen, die für Abkühlung sorgten. Für die Landwirtschaft empfiehlt sie hitzeresistentere Sorten zu nutzen, Fruchtfolgen zu ändern und Monokulturen zu verringern.

Das Bundesumweltministerium forderte die Landwirte bereits auf, sich intensiver auf Klimawandel und Trockenphasen einzurichten. "Wir bereiten uns darauf vor, dass wir mit längeren Trockenperioden rechnen müssen", sagte ein Sprecher. Dies sei schon 2016 die Botschaft an die Bauern gewesen.

Forderungen von Experten wie Politikern zeigen: Den Folgen von Hitzewellen wie in diesem Jahr kann man nur zweigleisig begegnen: Einerseits, indem man versucht, den Klimawandel zumindest abzuschwächen (Bild: der schmelzende Theodulgletscher in Zermatt in der Schweiz) und …

… zweitens, indem man sich auf künftige Extremwetter besser vorbereitet.

In Sachen Klimawandel übt Wissenschaftler Mojib Latif scharfe Kritik: "Die internationale Politik tut zu wenig, steuert nicht konsequent um." (Bild: Die mit Eisschollen bedeckte Meerenge "Victoria Strait" im kanadisch-arktischen Archipel.)

Bundeskanzlerin Angela Merkel wirft er Untätigkeit in Sachen Klimaschutz vor: "Merkel war ja nie wirklich eine Klimakanzlerin." De facto gebe es keinen Klimaschutz, weder weltweit noch in Deutschland, lautet seine düstere Bilanz. (Merkel 2007 bei einem Besuch in Grönland.)

Grünen-Chefin Annalena Baerbock fordert derweil einen "neuen Klimarealismus". Sie warnt vor massiven gesamtgesellschaftlichen Kosten, wenn man jetzt nicht anfange, massiv den CO2-Ausstoß zu reduzieren, schreibt sie in einem Gastbeitrag für den "Kölner Stadt-Anzeiger". "Je später wir handeln, desto teurer wird es."

Der Meteorologe Peter Hoffmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung rät den Deutschen ohnehin, sich auf mehr unterschiedliche Extremwetterlagen einzustellen. Um den Klimawandel zu begrenzen, sei zudem "jeder Einzelne gefordert, seinen Alltag zu überdenken".

Denn eine Entspannung ist keineswegs in Sicht: Laut einem Bericht des Weltklimarats IPCC aus dem Jahr 2012 ergaben Modellrechnungen, dass die Wetterextreme in den kommenden Jahren zunehmen.

Selbst wenn die Ziele des Pariser Klimaabkommens umgesetzt würden, das eine Begrenzung der Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter vorsieht, würden Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen und Wirbelstürme demnach öfter auftreten und sich auf neue Gebiete ausweiten.

Ähnlich liest sich eine aktuelle Studie, die vor einem Dominoeffekt warnt, der in eine neue Heißzeit führen könnte. (Smog über Los Angeles)

Ein internationales Team verweist darauf, dass selbst bei unter zwei Grad Erderwärmung verschiedene Rückkopplungsprozesse die Aufheizung massiv verstärken würden.

Diese Prozesse ließen sich, wenn erst einmal sogenannte Kipppunkte überschritten würden, dann auch durch eine Absenkung der vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen nicht mehr stoppen.

Dies könnte langfristig zu vier bis fünf Grad Celsius Erwärmung und einem Meeresspiegel-Anstieg um 10 bis 60 Meter führen, heißt es in der Studie. Es sei jedoch noch viel Forschung nötig, um das Risiko für den Start der Kaskade abzuschätzen, betonen die Autoren im Fachjournal "PNAS".

Gleichwohl ist es ein Horrorszenario, für das die diesjährige Hitzewelle nur ein kleiner Vorgeschmack ist. (mit dpa/AFP)

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