Panorama

Noch immer Schäden20 Jahre Exxon-Katastrophe

22.03.2009, 10:41 Uhr

Vor 20 Jahren lief der Supertanker "Exxon Valdez" auf das Bligh-Riff in Alaska auf. 42 Millionen Liter Öl liefen aus und verwandelten einen 2400 Kilometer langen Küstenstreifen in einen klebrigen Teerstrand.

Nur auf den ersten Blick hat sich der Prinz-William-Sund, Alaskas Vorzeigebucht mit ihren malerischen Stränden, Gletschern, Eisbergen und einer einzigartigen Tierwelt, wieder erholt. Besucher, die mit Kreuzfahrtschiffen die Südküste des nördlichsten US-Bundesstaates bereisen, würden die Spuren "der Katastrophe" kaum wahrnehmen, berichtet die Naturschützerin Rebecca Talbott der Deutschen Presse-Agentur dpa. "Doch den Wissenschaftlern verschlägt es die Sprache, dass 20 Jahre später noch so viel umweltschädliches Öl vorhanden ist und wie langsam es abgebaut wird. Das kann noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte dauern, bis sich die Natur wieder ganz erholt".

In Alaska weiß jeder, von welcher Katastrophe die Sprecherin des "Exxon Valdez Oilspill"-Treuhänderrates redet. Am 24. März vor 1989 lief der Supertanker "Exxon Valdez" auf das Bligh-Riff im Prinz-William-Sund auf. 42 Millionen Liter Öl liefen aus und verwandelten einen 2400 Kilometer langen, fast unberührten Küstenstreifen in einen klebrigen Teerstrand. Etwa 250.000 Seevögel, 2800 Otter, 300 Seehunde, 250 Seeadler und 20 Wale starben in dem verseuchten Wasser. Die schlimmste Umweltkatastrophe der USA traf eines der tierreichsten Gewässer Nordamerikas.

Niedrige Temperaturen verlangsamen Öl-Abbau

Es könne heute noch passieren, dass man sich an einem Strand hinlege und mit einem öligen Film am Rücken aufstehe, berichtet Talbott aus eigener Erfahrung. Gleich nach dem Unglück am Karfreitag 1989 hatte sie sich den Tausenden Freiwilligen Helfern angeschlossen, die wochenlang verölte Tiere aus dem klebrigen Wasser zogen und mit Schläuchen, Schaufeln und Barrieren gegen die Ölpest ankämpften. Heute arbeitet sie für den Treuhänderrat, ein Zusammenschluss von Behörden, Wissenschaftlern und Naturschützern, der die vom Ölkonzern Exxon als Schadenersatz an die Regierung gezahlte eine Milliarde Dollar (heute rund 737 Millionen Euro) verwaltet und die Aufarbeitung der Schäden überwacht.

Nach der jüngsten Bestandsaufnahme sind die Folgen der Katastrophe noch nicht überstanden. 60.000 Liter Öl verseuchen heute noch die Region. Die niedrigen Temperaturen in arktischen Gebieten verlangsamen den Abbau. Vor allem in den Sedimenten der Uferzonen lagern Rohölreste, die durch ihre Giftstoffe immer noch Meerestieren und Vögeln schaden. Die Killerwal-Population zeige "keine Anzeichen von Erholung", heißt es im Bericht der Umweltschützer. Der pazifische Hering war nach der Havarie völlig verschwunden und hat nie wieder einen Bestand erreicht, der zum Fischen freigegeben wurde.

Betrunkener Skipper

Es war kurz nach Mitternacht, als der mit 163.000 Tonnen Erdöl aus der Trans-Alaska-Pipeline beladene Tanker bei ruhiger See auf das Riff lief. "Offenbar verlieren wir ein wenig Öl, und wir werden hier wohl eine Weile festsitzen", funkte Kapitän Joseph Hazelwood zur Küstenwache durch. Der betrunkene Skipper hatte das Kommando über seinen riesigen Öltanker in der engen Passage von Valdez einem unerfahrenen Kollegen überlassen. Eine Jury verurteilte ihn später wegen Nachlässigkeit zu einer Geldstrafe und 1000 Stunden Gemeindearbeit, sprach ihn aber von schwereren Vorwürfen frei. In einem zum 20. Jahrestag der Katastrophe erschienenen Buch zeigte der Ex-Kapitän jetzt eine "tief empfundene" Reue.

Der Öl-Riese ExxonMobil führt seither einen der längsten Rechtsstreite in der Geschichte der USA. Der Konzern zahlte 2,3 Milliarden Dollar für die Säuberung der Küste. Eine Milliarde Dollar flossen als Schadenersatz an die Regierung und 300 Millionen Dollar an 11.000 Betroffene, darunter vor allem Berufsfischer, die von der Ölpest um ihren Verdienst gebracht wurden. Im vergangenen Juni errang Exxon nach einem langen Hin und Her durch die Instanzen beim Obersten US-Gericht einen entscheidenden Sieg. Statt weiteren fünf Milliarden Dollar, wie es 1994 von einer Jury in Anchorage gefordert wurde, muss der Konzern nur noch 507 Millionen Dollar Strafgelder und Entschädigungen an rund 33.000 Berufsfischer und Fischverarbeiter zahlen.

Exxon bestreitet schwerwiegende Langzeitschäden

Das juristische Tauziehen ist damit noch nicht beendet. Der "Exxon Valdez Oilspill"-Treuhänderrat fordert von dem Öl-Multi weitere 91 Millionen Dollar zur Beseitigung von Langzeitschäden, die vor 20 Jahren noch nicht vorhersehbar waren. Dies dürfte ein bitterer Kampf werden, denn aus Sicht der Exxon-Wissenschaftler sind fast alle Schäden behoben. Als "sehr gering" stufte der Exxon-Berater und Chemiker Paul Boehm jüngst die Gefährdung der Tierwelt durch Ölreste ein, berichtete die "Anchorage Daily News".

Mit den bereits gezahlten Exxon-Millionen hat der Staat Hunderttausende Hektar Land aufgekauft und unter Schutz gestellt, darunter Strände, Lachsströme und Küstenurwälder. Die Umweltkatastrophe hat auch den Ölhafen von Valdez auf Vordermann gebracht: Tanker werden jetzt von Lotsen navigiert, von Schleppern begleitet, von Radar überwacht. Im Hafen liegt ständig ein Spezialschiff für das schnelle Absaugen von Öl bereit, sollte doch einmal etwas schiefgehen. Bis zum Jahr 2015 müssen alle US-Tanker auf doppelte Tankwände umgerüstet werden.

Umweltschützer warnen unterdessen vor neuen Gefahren im arktischen Schiffsverkehr. Die Eisschmelze könnte neue Wege in bisher unzugänglichen Gebieten bahnen. Der World Wide Fund For Nature (WWF) fordert daher die Schaffung von "No-Go-Areas" in ökologisch empfindlichen Regionen, um Tankern dort die Durchfahrt zu verbieten. Zum 20. "Exxon Valdez"-Jahrestag sind in Alaska Mahnwachen, Ausstellungen und Reden geplant. "Es ist bestimmt kein Anlass für eine fröhliche Feier", frotzelt Rebecca Talbot. "Wir wollen aber viele Menschen dazu bringen, sich für saubere Meere einzusetzen".

Barbara Munker, dpa