Panorama

Grubenunglück vor 100 Jahren 350 Bergleute sterben

Die 380 Bergleute der Nachtschicht im erst drei Jahre alten Kohlebergwerk Radbod bei Hamm freuen sich auf den nahen Feierabend. Der Schachthauer August Mlodoch kniet in 870 Metern Tiefe auf dem Boden und bohrt Sprenglöcher. Plötzlich trifft ihn ein gewaltiger Schlag: Als er wieder zu sich kommt, sieht er nur schwarz und hört Verletzte rufen. Eine vermutlich durch eine offene Benzin-Grubenlampe verursachte Methangasexplosion hat um 4.20 Uhr an jenem 12. November 1908 das Bergwerk in weiten Teilen zerstört. Dem bis dahin größten Grubenunglück in Deutschland fallen 350 Bergleute zum Opfer. Mlodoch jedoch hat Glück. Stunden später wird er gefunden - wie durch ein Wunder kaum verletzt.

Überlebende und Rettungskräfte schildern grauenhafte Szenen. Nach der Explosion wüten Feuer. Bergleute rennen brüllend vor Schmerz mit brennenden Kleidern in die Flammen. Tote liegen überall. Tiefschwarz sind viele Leichen - glühender Kohlenstaub hat sich in ihre Haut gebrannt. Die Rettungsarbeiten sind extrem schwierig: Trümmer, Brände, Rauch, giftige Gase und zerstörte Wasserleitungen machen den Helfern zu schaffen. Schon bald werden nur noch Tote gefunden.

Grube wird geflutet

Bereits am Mittag schwindet die Hoffnung für die mehr als 300 Bergleute, die noch in der Grube sind. Die Bergungsversuche werden am Abend schließlich aus Sicherheitsgründen eingestellt. Um das Feuer zu löschen, beschließen die Verantwortlichen von Oberbergamt und Zechenleitung, die Belüftung auszuschalten. Die Schächte lassen sie verschließen und abdichten. Zusätzlich wird Wasser in die Grube geleitet: Rund 15 Stunden nach der Explosion beginnt die Flutung.

Die Nachricht von der Katastrophe hat sich in Windeseile herumgesprochen. Aus der nahe gelegenen Siedlung in Bockum-Hövel, das heute zu Hamm gehört, eilen Frauen und Kinder zur Zeche - außer sich vor Angst um den Ehemann, den Bruder oder den Vater. Rund 2000 Menschen warten schließlich auf dem Zechenvorplatz. Als die Meldung von der Schließung die Runde macht, werden Beamte der Zeche und des Bergamtes von den Wartenden verflucht und als "Mörder" beschimpft. Schon bald gibt es das Gerücht, die Rettungsversuche seien abgebrochen worden, um die Anlage vor weiterer Vernichtung zu schützen - im Interesse der kapitalistischen Eigentümer.

Hilfe aus ganz Europa

"Rund 300 Frauen mit insgesamt 800 Kindern wurden zu Witwen oder verloren ihre Söhne", sagt die Leiterin des Stadtarchivs Hamm, Ute Knopp. Eine Welle der Hilfsbereitschaft zog durch ganz Europa. "Es wurden zahlreiche Hilfsaktionen, beispielsweise Wohltätigkeitskonzerte oder Sammlungen durchgeführt." Eine eigens gegründete Stiftung koordiniert die Spendengelder. Über die Verteilung kommt es jedoch zum Streit. Denn die Witwen erhalten das Geld nur in Form von Zusatzrenten. Und so leiden die vielen Frauen und Kinder trotz der eingegangenen Spenden oft bittere Not.

Die Katastrophe beschäftigt auch die Politik. Der Reichstag in Berlin debattiert noch im November 1908 über die Ursachen des Unglücks und darüber, welche vorbeugenden Maßnahmen und Vorschriften künftig getroffen werden können. "Die offene Flammlampe wurde auf Radbod sofort abgeschafft und die elektrische Handlampe eingeführt", erzählt Karlheinz Lach, ehemaliger Maschinensteiger auf Radbod. Auch habe es neue Richtlinien für Sprengungen gegeben.

Leichen zerstückelt geborgen

Gut einen Monat später beginnt man, das Wasser aus dem Bergwerk wieder abzupumpen. Im März 1909 werden die Leichen unter behördlicher Aufsicht geborgen. Zu identifizieren sind sie nicht mehr. "Fast immer waren nur noch Knochen geblieben, teilweise zerstückelt", schreibt Wolfgang Pabst in seinem 1982 veröffentlichten Werk "350 Männer starben". Im Oktober 1909 wird die Förderung wieder aufgenommen. Die Aufräumarbeiten ziehen sich jedoch noch bis 1910 hin. Die letzte Kohle wird auf Radbod am 31. Januar 1990 gefördert.

In Hamm und besonders in Bockum-Hövel ist das Unglück nie in Vergessenheit geraten. Auch ein bereits kurz nach dem Unglück errichtetes Ehrenmal mit den Namen aller Toten in der Ortsmitte hält die Erinnerung wach. Zum 100. Jahrestag sind in Hamm zahlreiche Gedenkveranstaltungen geplant.

Helge Toben, dpa

Quelle: ntv.de