Panorama

Tickende Zeitbombe Aids in der Ukraine

Am Rande von Europa tickt eine Zeitbombe: In keinem anderen europäischen Land breitet sich das Aidsvirus so schnell aus wie in der Ukraine. Längst stecken sich nicht mehr nur die unzähligen Drogensüchtigen an - durch die weit verbreitete Prostitution trifft Aids Familienväter, Mütter und damit auch Kinder aus allen Bevölkerungsgruppen. "Die Kranken werden wie Aussätzige behandelt", sagt die Ärztin Stefanie Holm aus Hannover. Mit einer deutschen Delegation hat sie kürzlich in der Hauptstadt und im Westen des Landes drei Aidszentren besucht, um Möglichkeiten für eine deutsch-ukrainische Klinikpartnerschaft auszuloten.

"Die Zustände in einer Tuberkulose-Klinik haben unsere schlimmsten Vorstellungen übertroffen", erzählt die 42-Jährige, während sie in ihrer Praxis Bilder am Computer zeigt. In einem baufälligen ehemaligen Pferdestall sind die Patienten zu sechst in Acht-Quadratmeter-Zimmern zusammengepfercht, Essen gibt es aus Eimern und Blechnäpfen. Auf einem Foto ist eine ausgemergelte junge Frau mit ihrem Baby zu sehen. Eine Aidskranke in Vinnitsa, die von ihrer Infektion lange nichts ahnte und nie behandelt wurde. In der Ukraine machen nur die wenigsten Menschen einen Aidstest. Deshalb fällt die Krankheit meist erst auf, wenn typische, tödliche Folgeerkrankungen wie Tuberkulose auftreten.

Medikamente und Geräte fehlen

In Deutschland können Infizierte durch Kontrollen und Medikamente den Ausbruch von Aids lange hinauszögern. "In der Ukraine fehlen Geräte. Die Kollegen haben noch nicht einmal die Möglichkeit, die Zahl der Helferzellen zu messen", berichtet die Internistin. Dies sei aber Basis jeder Therapie. Ein weiteres Problem sind fehlende Medikamente: Derzeit stehen für 6000 Patienten Medikamente zur Verfügung, notwendig wären fast viermal so viele - allein für die Menschen, die in Behandlung sind. Nach Schätzungen des Aidsbekämpfungsprogramms UNAIDS haben in der Ukraine etwa 400.000 Menschen das Aidsvirus im Blut.

Holm engagiert sich im Vorstand des Augsburger Vereins "Connect plus", der im Kampf gegen Aids in Osteuropa auf Wissensvermittlung setzt. So sollen erfahrene deutsche Mediziner die Kollegen, die meist kein Englisch sprechen, auf den aktuellen Forschungsstand bringen. Darin sieht auch der Filmemacher Karsten Hein einen richtigen Weg. Der Berliner hat zwei Dokumentationen über die Aids-Katastrophe in der Ukraine gedreht und engagiert sich für Projekte des Netzwerks Aids in der Ukraine. Auf dessen Webseite www.aids-ukraine.org soll demnächst eine russischsprachige Online-Bibliothek sowie eine Telematik-Plattform entstehen, über die sich russischsprachige Ärzte mit Kollegen im Westen austauschen können.

Jahrelang totgeschwiegen

Nach Heins Einschätzung nützt aber alle Hilfe von außen nichts, wenn sich in der ukrainischen Gesellschaft nichts ändert - vor allem was den Umgang mit Drogenabhängigen angeht. "Es sind immer noch 200.000 Menschen in Arbeitslagern weggesperrt, wir haben 35-Jährige getroffen, die ihr halbes Leben inhaftiert waren", sagt Hein. Für eine Haftstrafe genüge bereits der Besitz einer gebrauchten Spritze mit winzigen Drogenresten. Etwa eine halbe Million der Ukrainer spritzen sich Rauschgift, knapp 20 Prozent der 47 Millionen Einwohner sind Alkoholiker. Viele regionale Aidszentren, zum Beispiel das in Vinnitsa, akzeptieren jedoch keine Drogensüchtigen als Patienten.

Jahrelang hat die Regierung das Problem totgeschwiegen, jetzt tut sich etwas. Im September unterzeichneten Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) und ihr ukrainischer Kollege in Kiew eine gemeinsame Erklärung zur Zusammenarbeit im Gesundheitswesen. Dazu stellt die Bundesregierung von 2008 an Fördergelder zur Verfügung. Es sei höchste Zeit, etwas zu tun, meint Stefanie Holm: "Wenn die Aids- Lawine rollt, rollt auch die Tuberkulose-Lawine. Das kann das ganze Land ruinieren."

Von Christina Sticht, dpa

Quelle: n-tv.de