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30 Jahre unschuldig hinter Gitter Anthony Ray Hinton verlässt Todeszelle

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Anthony Ray Hinton hatte stets darauf beharrt, dass er unschuldig sei.

dpa

Athony Ray Hinton hat die Hälfte seines Lebens hinter Gitter verbracht - voller Angst vor einer Hinrichtung. Zu Unrecht. Es gab weder Zeugen noch Fingerabdrücke. Jetzt kommt der Afroamerikaner frei.

Fast 30 Jahre saß der Afroamerikaner Anthony Ray Hinton wegen Mordes in einer US-Todeszelle - jetzt ist der 58-Jährige frei. Neue Untersuchungen hatten Zweifel daran bestätigt, dass ein bei ihm gefundener Revolver die Tatwaffe war. Hinton selbst hatte stets darauf beharrt, dass er unschuldig sei. "Sie wollten mich für etwas hinrichten, was ich nicht getan habe", sagte er nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in Birmingham (Bundesstaat Alabama).

Nach Angaben des Todesstrafen-Informationszentrums war Hinton der 152. US-Häftling, der seit 1973 aus der Todeszelle freikam, weil er zu Unrecht verurteilt wurde. Zu den freigelassenen Todeskandidaten zählt auch die gebürtige Berlinerin Debra Milke. Sie hatte 22 Jahre in der Todeszelle gesessen. Eine Jury hatte sie ursprünglich für schuldig befunden, zwei Männer zum Mord an ihrem kleinen Sohn angestiftet zu haben. Nachdem sie bereits vor zwei Jahren aus dem Gefängnis entlassen worden war, ist sie nun endgültig frei: Ein Bundesgericht in Arizona entschied kürzlich, dass sie sich keinem neuen Prozess stellen muss.

Hinton richtete seine Augen gen Himmel, als er das Gefängnis verließ. "Die Sonne scheint", sagte er und dankte Gott sowie seinen Anwälten für die gewonnene Freiheit. Zugleich äußerte er sich verbittert über das ihm widerfahrene Unrecht. "Sie hätten nur die Waffen testen müssen", sagte er dem Sender CNN und anderen Medien zufolge. "Aber du glaubst, dass du groß und mächtig bist, über dem Gesetz stehst und keinem Rechenschaft schuldest. Aber ich habe Neuigkeiten für dich - jeden, der eine Rolle dabei gespielt hat, mich in die Todeszelle zu schicken. Du wirst gegenüber Gott Rechenschaft ablegen müssen."

"Lehrbuchbeispiel für Ungerechtigkeit"

Eine Geschworenen-Jury hatte Hinton wegen Mordes an zwei Angestellten bei zwei getrennten Überfällen auf Fast-Food-Restaurants 1985 zum Tode verurteilt. Augenzeugen gab es nicht, wichtigstes Indiz war eine bei ihm gefundene Waffe. 2014 entschied der Oberste Gerichtshof der USA, dass Hintons Recht auf einen fairen Prozess wegen Fehler seiner Verteidigung verletzt worden sei und hob das Urteil auf. Die höchste Instanz bezog sich darauf, dass Hintons damaliger Anwalt einen unqualifizierten Ballistik-Experten als Zeugen aufgerufen hatte, um die Tatwaffen-Theorie der Anklage zu entkräften. Die Aussage dieses Mannes wurde im Kreuzverhör von der Staatsanwaltschaft zerrissen.

Bereits Jahre vor dem Spruch des Gerichtshofes hatten Experten Zweifel an dem wichtigsten Beweis geäußert. Sie hatten bei Tests die Revolverkugeln bei den Überfällen nicht der bei Hinton gefundenen Waffe zuordnen können. Verlangte ein Gericht 2014 zunächst einen neuen Prozess gegen den Afroamerikaner, wurde das Verfahren jetzt auf Antrag der Staatsanwaltschaft eingestellt: Nicht ein einziger einer Reihe von Tests habe ergeben, dass die Kugeln aus der vermeintlichen Tatwaffe kamen.

Hintons leitender Anwalt Bryan Stevenson richtete scharfe Vorwürfe an die US-Justiz. Ethnische Zugehörigkeit, Armut, unzulänglicher Rechtsbeistand und Gleichgültigkeit der Staatsanwaltschaft ergäben zusammen ein "Lehrbuchbeispiel für Ungerechtigkeit", zitierten ihn die "Washington Post" und CNN. "Wir haben ein System, das einen Typen, der reich und schuldig ist, besser behandelt als wenn er arm und unschuldig ist."

Quelle: n-tv.de, Gabriele Chwallek, dpa

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