Panorama

"Baden-Baden" bei MoskauAttrappenwelt lockt Russen

14.10.2008, 11:07 Uhr

"Emigrieren Sie jeden Abend", fordert eine ganzseitige Anzeige einer russischen Zeitung. Die Orte, zu dem wohlhabende Russen gelockt werden sollen, tragen europäische Namen und liegen nur zwölf Kilometer vor den Toren Moskaus.

"Emigrieren Sie jeden Abend", fordert eine ganzseitige Anzeige in der führenden russischen Wirtschaftszeitung "Wedomosti" die betuchten Leser auf. Auf der Zeitungsseite ist eine kitschige Backsteinmühle im Mondschein am Ufer eines Sees abgebildet. Im Hintergrund leuchten einladend die Fenster schmucker Villen. Der Ort, zu dem wohlhabende Russen gelockt werden sollen, heißt "Belgisches Dorf". Er liegt aber nicht tausende, sondern nur zwölf Kilometer vor den Toren der russischen Hauptstadt Moskau.

Immer mehr Russen ziehen ein eigenes Häuschen außerhalb der größten Stadt Europas einer Stadtwohnung vor. Die Gründe für die Auswanderung aus der Metropole werden immer gewichtiger: Straßenlärm, gigantische Verkehrsstaus, schlechte Luft oder nervende Nachbarn. Früher entflohen die Moskauer dem Großstadtstress auf ihre "Datscha". Doch mit den traditionellen russischen Wochenendhäusern inklusive Plumpsklo im Garten hat die neue Siedlungskultur nichts mehr gemeinsam. Die edlen Landhaussiedlungen, die um Moskau wie Pilze aus dem Boden schießen, versprechen den Moskowitern westliche Lebensweise jeden Tag.

Wohnen im "Moskauer Venedig" oder "Villa Italia"

Das Angebot ist breit: Eine führende Baufirma bietet ihren Kunden Grundstücke im "Österreichischen Dorf", "Moskauer Venedig" sowie in "Skandinavien", "Villa Italia" oder in der "Normandie" an. Auch für die Anhänger der britischen Lebensweise gibt es einen Fluchtort nicht weit von Moskau. Die Bewohner der Siedlung "Hyde Park" können auf der "Bond-Street" einkaufen, ihre Kinder aus dem Kindergarten "Eaton" abholen und sich am Teich "Blue Water" entspannen. Welcome, wer es sich leisten kann. Die Attrappenwelt hat ihren Preis: Die Häuser in den europäisierten Dörfern kosten mindestens eine Million Euro.

Meistens sind die Luxussiedlungen nur zehn bis zwanzig Kilometer von Moskau entfernt. Wer aber morgens zur Arbeit in die Stadt fährt, wird spätestens am Autobahnring um Moskau von den Plagen der Metropole eingeholt. Nicht selten brauchen die Pendler zwei Stunden, um in kilometerlangen Staus zu ihrer Arbeitsstelle im Zentrum zu gelangen.

Hohe Mauern um Luxusdörfer

Wenig europäisch-idyllisch ist auch die Umgebung der Neureichen-Siedlungen: In der Nähe liegen meist heruntergekommene Dörfer, zum großen Teil von verarmten Rentnern bewohnt. Wenn die Neusiedler einen Blick über die mindestens drei Meter hohen Mauern um ihre Luxusdörfer werfen, schauen sie häufig auf den Kartoffelacker einer alteingesessenen Babuschka (Großmutter).

Der Kontrast scheint die wenigsten zu scheren. Das Wichtigste ist, dass innerhalb der umzäunten "Cottage"-Dörfer andere Verhältnisse als sonstwo herrschen. So soll das 28 Hektar große und fast ausverkaufte "Belgische Dorf" an den Norden Flanderns erinnern. Alle Häuser sind aus original belgischem Backstein gebaut. Auf dem Gelände des Dorfes sind ferner ein Mini-Supermarkt, ein Park und ein kleiner See inklusive Bootsanleger und Strand geplant. Damit die Großstadt-Flüchtlinge sich in der Natur nicht langweilen, werden für sie ein Freizeitzentrum sowie ein Kinderclub errichtet.

Festung Europa: Die Idylle stören neben der obligatorischen Riesenmauer auch Wachleute, die Tag und Nacht auf dem Gelände patrouillieren. "Unsere Kunden sind fast ausschließlich Geschäftsleute über 40 Jahre, die Ruhe, Komfort und nicht zuletzt Sicherheit für sich und ihre Familien wünschen", sagt einer der Verkaufsmanager, der sich als "Igor" vorstellt.

Viele Millionäre haben "Dreck am Stecken"

Neugierige Besucher werden davor gewarnt, Fotos von den Anwesen zu machen. "Es besteht die Gefahr, dass mancher Besitzer zur Schusswaffe greift", sagt Igor mit beiläufiger Stimme. "Denn viele, die in Russland ein Millionen-Vermögen besitzen, haben Dreck am Stecken. Sie wollen um jeden Preis anonym bleiben."

Der künstliche Charakter der Siedlungen schreckt die vermögende Kundschaft offenbar nicht ab. "Unsere Kunden wollen unter ihresgleichen wohnen", sagt Swetlana Turowzewa, Projektmanagerin des Dorfes "Baden-Baden". Die Scheinwelt hinter Mauern sei ihnen viel lieber als das chaotische und beschwerliche Leben im realen Russland. "Nicht die Isolation, sondern das ruhige und saubere Europa versuchen sie in ihren geschlossenen Siedlungen wiederzufinden", erklärt die junge blonde Managerin. Dass ihre Kunden noch nie im realen Baden-Baden gewesen seien, spiele keine Rolle.

Quelle: Swetlana Illarionowa, dpa