Mordfall Ursula HerrmannAufklärung nach 27 Jahren
Nach 27 Jahren steht der Mord an der zehnjährigen Ursula Herrmann aus Oberbayern vor der Aufklärung. Die Polizei nahm einen 58-Jährigen als mutmaßlichen Mörder fest.
Vor 27 Jahren starb die zehnjährige Ursula Herrmann aus Oberbayern qualvoll in einer Holzkiste, jetzt ist der mutmaßliche Entführer gefasst worden. Hauptbeweisstück ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft ein beschlagnahmtes Tonbandgerät. Mit diesem Gerät spielte der heute 58-Jährige eine Erkennungsmelodie ab, wenn er damals die Eltern des Kindes anrief. Der Mann gehörte früher schon einmal zu den Verdächtigen. Der Beschuldigte bestreitet die Tat. Der Haftbefehl lautet auf erpresserischen Menschenraub mit Todesfolge. Der Tod der Lehrerstochter galt als einer der spektakulärsten unaufgeklärten Mordfälle der deutschen Kriminalgeschichte. Ihre Eltern stehen jetzt unter polizeilicher Betreuung.
Die Ermittler waren dem Inhaftierten seit längerem auf der Spur. Bei einer Wohnungsdurchsuchung wurde im Jahr 2007 jenes Tonbandgerät beschlagnahmt, das nun als Hauptbeweisstück in dem Fall gilt. Beamte des Landeskriminalamtes (LKA) in München erstellten ein sogenanntes phonetisches Gutachten. Demnach wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit von diesem Gerät im September 1981 in neun Anrufen an Ursulas Eltern die damalige Erkennungsmelodie des Hörfunksenders Bayern 3 abgespielt.
Der seit Mittwoch in Untersuchungshaft sitzende Mann, der zuletzt in Kappeln in Schleswig-Holstein lebte, wohnte seinerzeit nur 250 Meter von Ursula Herrmann entfernt. Er sei hoch verschuldet gewesen und habe mit der Entführung seine desolate finanzielle Lage beheben wollen, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz bei einer Pressekonferenz in Augsburg. Nach den Ermittlungen der Justiz hatte der 58-Jährige mehrere Komplizen, die aber auf freiem Fuß oder bereits tot sind.
In Holzkiste erstickt
Ursula war am Abend des 15. September 1981 mit dem Fahrrad auf dem Heimweg von der Turnstunde, als sie zwischen Schondorf und Eching am Ammersee (Bayern) entführt wurde. Die Erpresser verlangten von den unvermögenden Eltern zwei Millionen Mark Lösegeld. Dann riss der Kontakt ab. Am 4. Oktober wurde das Kind tot in einer 1,60 Meter tief im Waldboden vergrabenen Holzkiste entdeckt. Die Kleine erstickt qualvoll, weil der von den Entführern konstruierte Belüftungsmechanismus versagte. Feuchtes Laub hatte die Luftzufuhr verstopft. Gefunden wurde Ursula Herrmann von einer Hundertschaft Polizisten, die den Wald mit Stöcken sondierte.
Zum Zeitpunkt des Verbrechens besaß der mutmaßliche Täter in Ursula Herrmanns Heimatort Eching ein Radio- und Fernsehgeschäft. Nemetz geht davon aus, dass er sowohl die von einer Autobatterie gespeiste Beleuchtung für die Kiste, ein Kofferradio mit Antenne und die Stoffauskleidung der Kiste zur Schalldämpfung montierte.
Komplizen und falsche Alibis
Der 58-Jährige war bereits im Januar 1982 nach einem anonymen Hinweis kurzzeitig festgenommen worden. Die Verdachtsgründe hätten aber nicht für einen Haftbefehl ausgereicht. Im Zuge der jetzigen Ermittlungen wurden drei Mitbeschuldigte vernommen, aber ebenfalls mangels Beweisen wieder freigelassen. Zwei von ihnen sollen dem 58-Jährigen falsche Alibis verschafft haben, der dritte soll an der Tat beteiligt gewesen und eine dem Haupttäter nahestehende Person sein. Bereits 1996 starb ein weiterer Mann, der möglicherweise das Loch für die Kiste ausgehoben hatte. Tot ist auch ein sechster Beschuldigter, der dem Haupttäter damals ebenfalls ein falsches Alibi verschafft haben soll.
Überraschende Entdeckung
Der Tod des Kindes galt bis zu der jetzt erfolgten Festnahme als einer der spektakulärsten unaufgeklärten Mordfälle der deutschen Kriminalgeschichte. In einem derzeit vom Münchner Schwurgericht verhandelten Mordfall war vergangenes Jahr überraschend eine identische DNA-Spur zum Fall Ursula Herrmann gefunden worden.
Rechtsmedizinern war es 24 Jahre nach dem Verbrechen gelungen, an einer Schraube aus der Kiste eine DNA-Spur zu sichern. Dieser genetische Fingerabdruck konnte jedoch nie einem Verdächtigen zugeordnet werden. Vorher hatte sich lange Zeit viel Hoffnung der Fahnder auf einen einzigen Fingerabdruck gestützt, der aber ebenfalls nicht zum Täter führte.
3000 Spuren verfolgt
Allein 15.000 Verdächtige und 11.000 Fahrzeuge waren gleich in den ersten Monaten nach dem Verbrechen überprüft worden. Insgesamt wurden fast 20.000 Fingerabdrücke untersucht und über 40.000 Recherchen angestellt. Bei immer wieder neu aufgenommenen Ermittlungen ging die Kripo weiteren 3000 Spuren nach und ließ über 100 Gutachten erstellen. Die Ermittlungsansätze füllten schließlich 300 Aktenordner.