Panorama

Seismologen warnenDammbau in Erdbebenregion

17.05.2008, 13:22 Uhr

Nach dem Erdbeben in Südwestchina droht den Überlebenden neue Gefahr durch Dammbrüche. Erdrutsche haben Flüsse und Bäche blockiert, so dass sich Seen wie oberhalb der am Samstag eiligst evakuierten Stadt Beichuan bildeten.

Nach dem Erdbeben in Südwestchina droht den Überlebenden neue Gefahr durch Dammbrüche. Erdrutsche haben Flüsse und Bäche blockiert, so dass sich Seen wie oberhalb der am Samstag eiligst evakuierten Stadt Beichuan bildeten. Die Erdstöße haben aber auch rund 500 Dämme in der Provinz Sichuan und der Region von Chongqing beschädigt. Dabei haben chinesische Experten schon lange vor den Risiken gewarnt, an einer seismologisch aktiven Erdfalte wie in Sichuan Staudämme zu bauen. In einer internen Anhörung der Regierung über den damals geplanten Bau des Zipingpu-Dammes am Min- Fluss hoben Fachleute der Erdbebenwarte im Jahr 2000 die Gefahr deutlich hervor, wie die Umweltgruppe International Rivers aus Berkeley (Kalifornien) berichtete. Die Warnungen fanden indes kein Gehör.

Risse in Betonmauer

Die Befürchtungen der Seismologen bestätigten sich am Montag, als das Erdbeben deutliche Risse in der Betonmauer des 2006 fertiggestellten Zipingpu-Dammes verursacht hatte. In aller Schnelle eilten Soldaten herbei. Das ohnehin niedrige Wasser im Reservoir wurde weiter abgelassen, um den Druck von der Staumauer zu nehmen. Eine Flutwelle hätte Zehntausende Menschen in der flussabwärts liegenden Stadt Dujiangyan bedroht, wo gerade in den Trümmern nach Tausenden Verschütteten gesucht wurde. Von den 500 beschädigten Wasserprojekten sorgt sich das Wasserministerium vor allem um zwei große und 28 mittelgroße Reservoirs. Rund 100 Experten wurden aus Peking entsandt und 53 Millionen Yuan (fünf Millionen Euro) Soforthilfe bereitgestellt.

"Das sind gefährliche Bauten, die hier in einem Erdbebengebiet errichtet worden sind", kritisierte die Expertin Aviva Imhof von International Rivers in einem Interview mit dem amerikanischen National Public Radio (NPR). Die unmittelbare Gefahr am Zipingpu-Damm sei vielleicht gebannt. "Aber was am meisten Sorge macht, ist die langfristige strukturelle Sicherheit des Dammes." Imhof wollte nicht ausschließen, dass außer der Staumauer auch das Fundament Risse bekommen hat. "Eine Menge Arbeit ist nötig, um die Schäden festzustellen und sie zu reparieren."

Gefahr durch beginnende Regenzeit

Neue Gefahr für die angeschlagenen Dämme droht jetzt durch die beginnende Regenzeit, die immer wieder schlimme Überschwemmungen in der Region auslöst. Von Mai bis Oktober fallen 80 Prozent des jährlichen Niederschlags am Oberlauf des Min-Flusses, der ein wichtiger Zufluss des Jangtse-Stromes ist und direkt durch das schwer betroffene Erdbebengebiet fließt. 15 Staudämme sind am Min-Fluss entweder im Bau oder schon im Betrieb, darunter der Tulong-Damm, der nach Behördenangaben ebenfalls beschädigt wurde.

Trotz der Bedenken der Seismologen betreibt die Regierung seit Jahren einen massiven Ausbau der Wasserkraft im Südwesten, um der rückständigen Region helfen, ihren wachsenden Strombedarf zu decken und damit langsam zu den wohlhabenden Teilen Chinas aufschließen zu können. Es ist Teil einer Strategie der aufstrebenden Wirtschaftsmacht China, die gewonnene Energie aus Wasserkraft bis 2020 auf 250.000 Megawatt zu verdoppeln.

Drei-Schluchten-Damm übertrifft schlimmste Befürchtungen

Doch gestaut, umgeleitet und verschmutzt - längst haben die Flüsse in China ihre ökologischen Grenzen erreicht. Bei den Folgen des gigantischen Drei-Schluchten-Damms am Jangste-Strom sehen Kritiker jetzt schon ihre schlimmsten Befürchtungen übertroffen: Wasserverschmutzung, Erdrutsche, Korruption und soziale Ungerechtigkeiten durch die Umsiedlung von mehr als einer Million Menschen. Dass die 1,3 Milliarden Chinesen mehr Strom brauchen, bezweifelt niemand. Doch hat China nach Einschätzung von Experten ein gigantisches Potenzial für Energieeinsparungen und den Ausbau der Windenergie, so dass ein derart starker Ausbau der Wasserkraft unnötig wäre.

Von Andreas Landwehr, dpa