Panorama

Jüdischer Friedhof in Berlin-Weißensee Das begehbare Geschichtsbuch

In Berlin-Weißensee ist der größte jüdische Friedhof in Europa, auf dem noch bestattet wird. Erstmals veröffentlichte Fotos von mehr als 250 Zeitzeugen aus aller Welt erzählen von tragischen Schicksalen.

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Der Friedhof ist mit rund 115.000 Grabstellen einer der größten jüdischen Friedhöfe Europas.

(Foto: dpa)

Ein jüdischer Friedhof ist für die Ewigkeit. Wer hier beerdigt wird, dessen Grab wird nicht eines Tages eingeebnet oder weiterverpachtet. KaDeWe-Gründer Adolf Jandorf, Verleger Rudolf Mosse, der Maler Lesser Ury und der Journalist Theodor Wolff gehören zu den Prominenten, deren Gräber auf dem Friedhof Berlin-Weißensee zu finden sind. Doch in Weißensee sind viele Gräber leer. Die Menschen, die darin an der Seite ihrer Ehefrauen, Ehemänner und anderer Familienangehöriger bestattet werden sollten, wurden von den Nazis vertrieben oder ermordet.

Britta Wauer hat für ihr Buch "Der Jüdische Friedhof Weißensee - Momente der Geschichte" Zeitzeugen aus aller Welt nach dem Schicksal ihrer Familie befragt. Menschen aus Neuseeland, Argentinien, Südafrika, Australien und ganz Europa nahmen Kontakt mit der Autorin auf. "Ich schreibe zum ersten Mal seit den 30er Jahren wieder deutsch", heißt es in einem der bewegenden Briefe, die Wauer erhielt. Viele schickten Fotos von ihren verstorbenen Verwandten, die in dem Buch erstmals veröffentlicht werden.

Urnen per Postpaket

Jacob Karni aus Israel erinnert sich, wie an einem Morgen im Dezember 1939 in Berlin zwei Gestapo-Männer seinen Vater abholten. Knapp ein Jahr später bekam die Familie ein Telegramm mit der Mitteilung, dass der Vater im KZ Dachau an "Lungenentzündung" gestorben sei. Eine Urne mit der Asche wurde per Post geschickt. An Karnis Vater erinnert heute eine Gedenkstele, wie Wauer schreibt.

Der früh zum Waisenkind gewordene Showmaster Hans Rosenthal überlebte als Jugendlicher mit Hilfe von drei alten Damen, weil er sich in einer Laubenkolonie in der Nähe des Friedhofs vor den Nazis verstecken konnte. Im Buch ist ein Bild von Rosenthal zu sehen, das ihn als Zwölfjährigen am Grab seines Vaters zeigt.

Kurt Tucholsky, der 1925 ein Gedicht über den Friedhof Weißensee schrieb, war sich sicher: "Da komm' ich hin". Doch der Schriftsteller starb im schwedischen Exil. Seine Mutter wurde in Theresienstadt ermordet. Nur sein Vater liegt in Weißensee. Im Jahr 1942 wurden nach den Recherchen von Wauer allein 3257 Menschen in Weißensee bestattet, 823 von ihnen hatten sich das Leben genommen. In Urnen aus Pappmaché schickten die Nazis die Asche von in Konzentrationslagern ermordeten Menschen per Postpaket an die Friedhofsverwaltung.

Friedhof soll Kulturerbe werden

Bis Kriegsende blieb der Friedhof geöffnet. Untergetauchte Juden fanden dort für ein paar Nächte einen Schlafplatz. Rabbiner Martin Riesenburger hielt heimliche Gottesdienste ab. Durch Bombeneinschläge wurden 4000 Grabstellen zerstört, von Verwüstungen durch die Nazis blieb der Friedhof verschont.

Manchmal ging eine Geschichte auch gut aus. So wie im Fall der Familie Sachs. Nach dem Tod des Kleiderfabrikanten Leo Sachs gelang seiner Witwe Mally und der gemeinsamen Tochter Marion 1939 die Flucht nach Havanna. In ihrem 99. Lebensjahr starb Mally 1991 im US-Staat Oregon, wie Marion der Buchautorin erzählte. Die für Mally reservierte linke Seite des Erbbegräbnisses in Berlin ist deshalb leergeblieben.

Die Stadt Berlin und die Jüdische Gemeinde wünschen sich, dass der Friedhof in die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO aufgenommen wird. Dafür wird nach Angaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung unter anderem bis 2012 die Friedhofsmauer saniert. Bis Ende 2010 werden zehn weitere Grabstätten frisch saniert sein.

Quelle: ntv.de, Elke Vogel, dpa

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