Panorama

Größte Stadt der arabischen WeltDie Megacity Kairo

17.07.2007, 11:42 Uhr

In Kairo fühlen sich immer mehr Städter von der Landbevölkerung bedrängt, weil diese ihre Traditionen in die Städte trägt und dort ohne jede Scham auslebt.

Wenn Menschen vom Land in die Großstadt ziehen, versuchen sie meist, sich möglichst schnell den Gepflogenheiten der Städter anzupassen. In der ägyptischen Hauptstadt Kairo, in der mehr als 11 Millionen Menschen zusammenleben, im Großraum sogar 17 Millionen, ist das anders. Hier fühlen sich immer mehr Städter von der Landbevölkerung bedrängt, weil diese ihre Gewohnheiten und Traditionen in die Städte trägt und dort ohne jede Scham auslebt. Die Menschen züchten Hühner im Hinterhof, schlachten zum islamischen Opferfest Büffel im Hausflur und tragen die gleichen Gewänder, mit denen schon ihre Großeltern einst zur Arbeit aufs Feld gingen.

Für den Dreck, der die Straßen und Häuser der Nil-Metropole vielerorts verschandelt, sind aber nicht nur die Neuankömmlinge verantwortlich. Auch aus den Fenstern von Gebäuden, in denen Minister und Geschäftsleute wohnen, fliegen leere Pappkartons, Spraydosen oder schmutzige Putzlappen auf die Straße oder in Nachbars Garten. Und kaum ein Ägypter hat ein schlechtes Gewissen, wenn er während einer Autofahrt eine leere Limonaden-Dose aus dem Wagenfenster wirft.

Gewimmel auf den Straßen

"Die Standards unserer Gesellschaft sinken leider immer weiter ab", bedauert Seif al-Raschidi, der als Architekt und Stadtplaner der Aga-Khan-Stiftung Projekte in dem islamischen Altstadt-Viertel Darb al-Ahmar betreut. "Das liegt daran, dass nach den Umwälzungen der sozialistischen Ära unter Präsident Gamal Abdul Nasser in den 50er und 60er Jahren neue Leute Zugang zu den Schaltstellen in Politik und Wirtschaft erhielten, die meist einen militärischen Hintergrund hatten, aber nicht zur intellektuellen Elite Ägyptens gehörten." Sie und ihre Nachkommen bildeten eine Klasse von Neureichen, die kein positives Beispiel für die nach Kairo strömende Landbevölkerung abgebe, sondern nur deren Neid auf sich ziehe.

Schockierend findet Al-Raschidi, dass die ägyptischen Behörden penibel darauf achten, dass ausländische Filmteams in Kairo keine Aufnahmen von Müllbergen und Ruinen machen, "aber keine Anstalten, gegen den Verfall anzukämpfen". Was das Leben in Kairo zu einer echten Herausforderung macht, ist vor allem das Gedränge, das entsteht, wenn man viele Millionen Menschen - an Werktagen sollen es tagsüber bis zu 20 Millionen sein - auf einem Gebiet zusammenpfercht, das etwa der Fläche von Köln entspricht. Die Ägypter stöhnen zwar gern über die drangvolle Enge, gleichzeitig genießen sie das Gewimmel auf den Straßen, in den Behörden und Schulen aber auch.

"Nervtötende Stadt"

Kairo gehört weltweit zu den am schnellsten wachsenden Städten. Das liegt einerseits daran, dass es außer der Hafenstadt Alexandria keine weitere Großstadt in Ägypten gibt, die ökonomisch und kulturell auch nur annähernd das bieten kann, was die Ägypter in ihrer Hauptstadt suchen. Andrerseits unternimmt die Regierung kaum Anstrengungen, das enorme Bevölkerungswachstum einzudämmen.

"Kairo ist eine nervtötende Stadt, aber sie ist auch sehr abwechslungsreich und lebendig", sagt Al-Raschidi, dessen Büro im Al- Azhar Park liegt, einer der wenigen grünen Oasen von Kairo. Wenn er von hier aus auf die gegenüberliegenden Hügel blickt, sieht er rechts die von Saladin erbaute Zitadelle, links das Slumviertel Manschiet Nasser, das nur aus illegal errichteten Häusern ohne Verputz besteht. So groß ist der Mangel an billigem Wohnraum, das auch in den stinkigen Gassen des Müllsammler-Viertels und auf den Friedhöfen inzwischen kein Platz mehr ist.

Erweiterung der Erweiterung

"Sicher, es ist überall voll, dafür muss ich aber nicht lange warten, bis mir jemand hilft, wenn ich in der Stadt nachts um drei Uhr eine Reifenpanne habe", erklärt Salah Dessouki, der von 1960 bis 1965 Gouverneur von Kairo war. Für ihn besteht Kairo eigentlich nur aus der islamischen Altstadt, dem historischen Viertel der Kopten und der im europäischen Stil erbauten Innenstadt. "Alles andere sind nur Verlängerungen und Erweiterungen", sagt er, "und die neuen Trabantenstädte in der Wüste sind sozusagen die Erweiterung der Erweiterung".

Draußen in der Wüste lassen sich vor allem junge Ehepaare mit wenig Geld nieder, die sich eine Wohnung in der Innenstadt nicht leisten können - und reiche Ägypter, die Lärm und Chaos entfliehen wollen. Doch oft leiden die Bewohner der neuen Siedlungen unter Vereinsamung. Ihnen fehlen der Bügler, der morgens immer grüßt, und der Tratsch am Stand des Bohnenpüree-Verkäufers, wo Bauarbeiter und Buchhalter, Verkäufer und Pensionäre gemeinsam auf den Motorhauben der geparkten Autos ihr Frühstück verzehren.

Zum Vergleich

Die ägyptische Hauptstadt Kairo ist die pulsierende Drehscheibe zwischen Europa, dem Orient und Afrika. Im Jahre 2005 lebten dort rund 11,1 Millionen Menschen. Zum Vergleich: 1950 waren es noch 2,5 Millionen. Laut einer UN-Prognose soll die Einwohnerzahl Kairos bis 2015 auf 13,1 Millionen ansteigen. Bis dato tummeln sich Kairoer auf einer Fläche von rund 1400 Quadratkilometern. Damit leben im Durchschnitt 7928 Menschen pro Quadratkilometer. Jedem Hauptstädter stehen im Schnitt 13 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung, was im Vergleich zu Delhi (6,9 qm) recht viel oder zu Rio de Janeiro (18,9 qm) recht wenig ist. Für seinen Arbeitsweg benötigt der statistisch erfasste Kairoer im Schnitt 60 Minuten (zum Vergleich: in Delhi 44; in Rio de Janeiro 51).

Anne-Beatrice Clasmann, dpa