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Amok-Gefahr in Deutschland "Die Schulen müssen mehr tun"

Es ist durchaus möglich, Amokläufe im Vorfeld zu verhindern, sagt der Kriminologe und Sozialpädagoge Frank J. Robertz. Es gebe jedoch keine "Abhakliste" für Amokläufer. "Was wir uns vielmehr anschauen müssen, ist die Handlungsweise, die Ausdrucksweise, die Phantasien von diesen jungen Männern", so Robertz im Gespräch mit n-tv.de.

Die Polizei sei mittlerweile gut auf Amokläufe vorbereitet. Für die Schulen gelte das nicht. "Wenn wir so weitermachen, dann werden in den nächsten Jahren beständig neue Amokläufe an deutschen Schulen auftreten." Robertz fordert mehr Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen. Ein Psychologe auf 16.000 Kinder sei viel zu wenig.

n-tv.de: Nach einem Amoklauf heißt es immer, der Täter sei "unauffällig" gewesen, das habe niemand geahnt. Ist es möglich, Amokläufe im Vorfeld zu "ahnen" und zu verhindern?

Frank Robertz: Oh ja, es ist Teil meines Jobs, Lehrern, Polizisten und Psychologen beizubringen, wie man Amokläufe bereits weit im Vorfeld verhindern kann. "Ahnung" hat allerdings wenig damit zu tun. Es geht hier um die wissenschaftliche Interpretation von Fakten. Mit Hilfe des "Bedrohungsmanagements" können wir klare Einschätzungen einer potentiellen Gefährlichkeit treffen - und Teilnehmer unserer Seminare können das dann auch.

Was sind die Anzeichen, bei denen Eltern, Lehrer oder Freunde stutzig werden sollten? Wie sollte man auf solche Anzeichen reagieren?

Verzeihen Sie, wenn ich hier nicht zu sehr ins Detail gehe, da dies von Trittbrettfahrern ausgenutzt werden könnte. Es kommt darauf an, Warnsignale wie etwa Gewaltzeichnungen, Lobpreisungen vorangegangener Taten oder Androhungen zu erkennen und dann zu prüfen, ob es ein einmaliges Ereignis war oder ob Substanz dahintersteckt. Wenn wir dabei mehrere Warnsignale finden, wägen wir ab, wie brisant der Fall ist, und reagieren entsprechend darauf.

Wie sollte man denn auf solche Anzeichen reagieren?

Im Zweifelsfall sollten Eltern, Lehrer oder Freunde jemanden fragen, der dafür ausgebildet ist. Meistens sind das Schulpsychologen oder Spezialeinheiten der Polizei. Oder aber auch Teilnehmer unserer Seminare. Generell wird es dann darauf ankommen, Informationen zu sammeln, Normverdeutlichung zu betreiben, aber auch - und das ist besonders wichtig - Hilfestellungen zu geben. Denn zielgerichtete Gewalt ist immer die letzte Lösung für einen Täter. Es kommt also auch darauf an, ihm Alternativen zur Gewalt aufzuzeigen und schützende Faktoren wie etwa soziale Anbindungen zu stärken.

Gibt es eine Typologie von Amokläufern?

Nein, es gibt keine brauchbare, wissenschaftlich fundierte Typologie, aber es gibt eine Definition: Jugendliche Amokläufer an Schulen, so genannte "School Shooter", sind Jugendliche, die mit direktem und zielgerichtetem Bezug an ihrer Schulen töten. Es muss dabei also um die Absicht zur Tötung mehrerer Menschen gehen, oder um die Tötung eines Menschen, der aufgrund seiner Funktion an der Schule Ziel der Attacke wird. Beispielsweise um einen Schulleiter.

Wieso sind es fast immer junge Männer, die diese Taten verüben?

Unter den bis 2007 weltweit verübten 99 Taten waren nur 4 Mädchen als Täterinnen zu finden. Dies ist aber nicht in erster Linie typisch für Amokläufe, sondern generell für schwere Gewaltkriminalität. Denn Gewalt ist vorrangig ein Problem von jungen Männern in großen Städten. Männer tendieren zur Idealisierung von Gewalt, Frauen lernen viel effektiver ihre sozialen Bezüge zu nutzen. Und diese sind wesentliche Schutzfaktoren gegen die Anwendung von körperlicher Gewalt.

Wäre eine Datenbank sinnvoll, die etwa alle jungen Männer erfasst, die Mitglied im Schützenverein sind und Zugang zu Waffen haben?

(lacht) Nein, das wäre wirklich unsinnig. Es gibt keine Abhakliste für Amokläufer. Was wir uns vielmehr anschauen müssen, ist die Handlungsweise, die Ausdrucksweise, die Phantasien von diesen jungen Männern. Und die lassen sich natürlich nicht auf eine Liste pressen und abhaken. Zugang zu Waffen macht deren Einsatz zwar möglich, aber es fehlt dann doch zumindest noch die Motivation, andere Menschen umzubringen. Und das ist kein kleiner Schritt. Die eigene Tötungshemmung zu überwinden ist gar nicht so einfach.

Viele Amokläufer stilisieren sich in ihren Abschiedsvideos als Märtyrer, die sich an der Gesellschaft rächen wollen. Woher kommt das?

In der Berichterstattung zum Amoklauf in Columbine sind zahlreiche Fehlinformationen verbreitet worden. Unter anderem, dass die beiden Jugendlichen sich durch ihre Tat an anderen Jungen rächen wollten, die sie unterdrückt hatten. Das war jedoch gar nicht der Fall. Dennoch blieb die Information in den Köpfen stecken. Einige deutsche Jugendliche identifizieren sich seither mit jenen Tätern, weil sie sich selbst gemobbt fühlen und die beiden Amokschützen es doch ihren Unterdrückern ganz offenbar unmissverständlich gezeigt haben. Sie erscheinen daher als Märtyrer, denen man nacheifern kann. Tatsächlich wollten die beiden Täter nur ganz schnöde den größtmöglichen Massenmord anrichten und 500 Leute auf einen Schlag umbringen. Mit Märtyrertum hat das natürlich gar nichts zu tun. Das glauben die Jugendlichen aber nun dank einer damals fatalerweise fehlerdurchsetzten Berichterstattung.

Sind Amokläufer psychisch krank? Oder ist es umgekehrt: Sind Amokläufer ein Symptom für eine kranke Gesellschaft?

Wir finden bei jugendlichen Amokläufern an Schulen in aller Regel keine schweren psychischen Störungen, etwa im Sinne einer Psychose, wohl aber depressive Verstimmungen. Diesen Jugendlichen geht es nicht gut. Sie denken darüber nach, nicht nur andere Menschen umzubringen, sondern sich in diesem Prozess auch selbst zu töten. Ich würde auch nicht sagen, dass Amokläufer ein Symptom für eine kranke Gesellschaft sind, sondern lediglich ein kulturübergreifendes, erschreckendes Element der Gesellschaften. Und diese Gesellschaften sind daran nicht unschuldig, denn die Prävention wird immer noch nicht ernst genommen. Ich propagiere seit einem Jahrzehnt Amokprävention, und doch hört man mir meist erst dann zu, wenn gerade wieder eine schwere Tat begangen worden ist. Dabei hätten alle Taten rechtzeitig erkannt und verhindert werden können.

Ausgerechnet Schulen werden immer wieder als Tatort aufgesucht. Warum spielen sie eine so große Rolle?

Es ist für die Täter ein hoch symbolischer Ort. Es ist der Ort an dem sie ihre schwersten, unverarbeiteten Kränkungen erlitten haben. Hier wollen Sie ihre individuelle Sicht von "Gerechtigkeit" wieder herstellen. Hier wollen sie demonstrativ "Kontrolle" zurückerlangen und uns das auch zeigen. Das Mittel ihrer Wahl ist dann unglücklicherweise die Entscheidung über Leben und Tod von anderen Menschen zu treffen.

Wie können Schulen sich schützen?

Neben der Sensibilität und Deutung von Warnsignalen, sowie der Gründung von Krisenteams sollten Schulen auch früh ansetzen und eine gute Primärprävention betreiben. So kann soziales Lernen als Schulfach etabliert werden, um gerade jene Faktoren zu stärken, an denen es jugendlichen Amokläufern mangelt: Perspektiven in der Gesellschaft, Möglichkeiten an Anerkennung zu kommen, Selbstwirksamkeit, Verarbeitung von Kränkungen, soziale Beziehungen, Einbindung in gesellschaftliche Strukturen und ultimativ prosoziale Phantasien. Ebenso müssen mehr Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen her, um diese Bemühungen unterstützen zu können. Bei einer Abdeckung von durchschnittlich 1:16.000 kommt die deutsche Schulpsychologie international nicht in ein gutes Licht. Und das nicht etwa aus fehlender Kompetenz, sondern vielmehr aus fehlenden personellen Ressourcen. Niemand kann effektiv 16.000 Schülern helfen. Hier muss Besserung her.

Wie gut ist die Polizei auf Amokläufe vorbereitet?

Die Polizei hat schon aus den Vorkommnissen in Erfurt 2002 viele Lehren gezogen und sich seither sehr gut weiterentwickelt. Ihre Vorgehensweise ist effektiver und Spezialeinheiten können Bedrohungslagen besser einschätzen. Auch die Zusammenarbeit mit Schulen wurde verbessert. Es wurde im Grunde vieles von dem getan, was getan werden kann. Ganz im Gegensatz zu den Schulen.

Wie gut sind denn die Schulen vorbereitet?

An Kultusministerien und Schulen verzweifele ich seit Jahren. Der Ort, wo am meisten Handlungsbedarf besteht, wo die größte Verantwortung liegt, sträubt sich oftmals, das Thema überhaupt anzugehen. Ich habe zahlreiche Publikationen, Vorträge, Seminare und mehr speziell für Schulen erstellt, sogar ein eigenes praxisorientiertes Buch ("Der Riss in der Tafel") extra für die Bedürfnisse von Schulen geschrieben, um dort die Handlungskompetenz zu erweitern. Doch immer noch bereiten sich nur einzelne Schulen vor, immer noch ist die politische Vorgabe halbgar und inkonsequent. Wenn wir so weitermachen, dann werden in den nächsten Jahren beständig neue Amokläufe an deutschen Schulen auftreten.

Sie haben die Fehler in der Berichterstattung nach dem Columbine-Amoklauf erwähnt. Wie ist es seither: Tragen Journalisten durch ihre Berichterstattung zur Problematik bei?

Die Berichterstattung trägt insoweit zur Entstehung von Taten bei, als Nachahmungsfaktoren nicht beachtet werden. Einige Berichte lesen sich eher wie Handlungsanleitungen. Daran können sich interessierte Jugendliche orientieren, wie andere gehandelt haben und dies in ihre Gewaltphantasien aufnehmen. Zudem wird den Jugendlichen gespiegelt, dass sie als "Erfolg" ihrer Taten über Wochen das Gesprächsthema Nummer eins sind. Genau diese Beachtung konnten sie zuvor nicht erreichen. Das können sie genießend vorwegnehmen - wissend, dass sie nach ihrem Suizid in unseren Gedanken weiterleben werden.

Worauf muss man denn hier achten?

Man sollte in der Berichterstattung beispielsweise dazu beitragen, dass Jugendliche sich nicht so leicht mit den Tätern identifizieren können. Etwa durch das Verpixeln von Gesichtszügen auf Photos und in Filmen, durch das Weglassen von Namen oder indem keine vorschnellen und vereinfachten Vermutungen zum Motiv geäußert werden. Denn die Motivlage ist stets hochkomplex. Spiegeln wir ihnen dagegen einfache Gründe dann denken sie "oh, denen ging es wie mir - was die getan haben kann auch für mich eine Lösung sein".

Worauf ist noch zu achten?

Es sollten auch Tathergänge, Ausrüstungen und Ideen der Jugendlichen nicht zu präzise geschildert werden, da sich andere sonst daran orientieren können. Und unsere Fallanalysen zeigen alle, dass sie sich sehr intensiv und präzise an den exakten Handlungen ihrer Tatvorgänger orientieren. Es ist überhaupt eine gute Idee, die Emotionen weitgehend rauszuhalten oder zumindest auf die Opfer statt auf die Täter zu beziehen.

Immer wieder wird auch über den Einfluss von gewalttätigen Computerspielen diskutiert. Dabei geht es meist um die psychischen Folgen solcher Spiele. Aber haben diese Baller-Spiele nicht auch die ganz praktische Konsequenz, dass mögliche Täter so das Schießen trainieren?

In der Tat behauptet das zumindest der amerikanische Militärpsychologe Dave Grossman. Wissenschaftlich muss man aber sagen: belegt ist das keineswegs. Primär scheint das Problem an anderer Stelle zu liegen und betrifft nicht "die Jugend" sondern einzelne Jugendliche mit spezifischen Problemlagen: Jugendliche mit bereits ausgeprägten Gewaltphantasien können sich in den gewalthaltigen Computerspielen Anregungen holen, um ihre Phantasien präziser und intensiver auszuformen. Das jedoch gelingt nicht nur mit Spielen, sondern auch mit Filmen, dem Vorleben von Erwachsenen und sogar mit Romanen. Es ist ein Problem der Gesellschaft, dass wir den Umgang mit Gewalt allzusehr glorifizieren. Auf politischer, wie privater Ebene setzen wir unseren Jugendlichen Signale, die wir zur Förderung einer möglichst gewaltlos aufwachsenden Jugend ganz sicher nicht setzen sollten.

Quelle: n-tv.de, Mit Frank Robertz sprachen Hubertus Volmer und Till Schwarze

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