Panorama

EU-Dometscher spricht 32 Sprachen Einsames Ausnahmetalent

Deutsch beherrscht Ioannis Ikonomou natürlich auch. Nicht, dass bei dem Griechen früher ein Elternteil die Fremdsprache gesprochen hätte, wie bei mehrsprachigen Kindern üblicherweise der Fall. Ikonomou ist ein Ausnahmetalent. 32 Sprachen beherrscht der 44-Jährige, der als Übersetzer bei der EU-Kommission in Brüssel arbeitet. Dazu kommen Kenntnisse in einer Reihe weiterer Sprachen. Sein Können hat ihm unter Kennern Bewunderung eingebracht, seine Intelligenz die Mitgliedschaft im Weltverband für Hochbegabte, "Mensa". Doch das Talent, berichtet Ikonomou, mache auch einsam.

Erklären kann er seine Begabung nicht. Er sei wohl damit geboren worden. Als 5-Jähriger habe er Englisch gelernt, zwei Jahre später folgte Deutsch. "Noch bevor ich 10 Jahre alt war, kam Italienisch dazu." Eine Sprache nach der anderen folgte, es sei "wie ein Spiel". Stets zählen für ihn auch Kultur, Religion und Traditionen des Sprachkreises dazu, die er sich bei Reisen erschließt. "Wie kannst Du Griechisch lernen, ohne griechischen Wein getrunken zu haben?"

Odyssee aus Studien und Stipendien

Vor gut 12 Jahren trat Ikonomou einen Job bei der Kommission an, zunächst als Dolmetscher für Konferenzen. Seit 2002 arbeitet er als Übersetzer für juristische Texte. Und das nicht nur etwa aus dem Dänischen oder Portugiesischen ins Griechische, sondern auch aus dem Aserischen oder Weißrussischen ins Englische. Selbst in den polyglotten Kreisen der EU-Übersetzer sei sein Fall "absolut außergewöhnlich", bemerkt EU-Sprachenkommissar Leonard Orban.

Staunen auch beim Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ). "Ein Übersetzer mit fünf Arbeitssprachen oder mehr, ist aus Sicht des BDÜ bereits eine Ausnahmeerscheinung", erklärt Vereinschef Johann J. Amkreutz. Bei Ikonomou sind es gut fünfmal so viel. "Bei Dolmetschern, die die gesprochene Sprache übertragen, hat jeder mit vier Arbeitssprachen aufwärts bereits ein außerordentlich großes Sprachtalent." Hier hat der Grieche neun vorzuweisen. Selbst "tote Sprachen" wie Gotisch, Sanskrit oder Latein hat Ikonomou studiert.

Begonnen hatte alles auf der Mittelmeerinsel Kreta. "Ich wollte unbedingt verstehen, was die Touristen sagten", erinnert er sich. "Ich hörte zu, die ganze Zeit, es waren für mich irgendwelche Laute, ohne Bedeutung." Für seine Eltern - sein Vater ist Direktor im Finanzministerium und seine Mutter ist Religionslehrerin - seien Sprachen "eigentlich überhaupt nicht wichtig" gewesen. Aber sie hätten ihm immer geholfen. "Wenn ich wieder einmal keinen Lehrer finden konnte, haben sie mir audio-visuelle Methoden gekauft." Eine Odyssee aus Studien und Stipendien brachte Ikonomou hinter sich: an die Universitäten von Columbia und Harvard, nach Wien, Peking oder Teneriffa.

Buch in Planung

Seine Familie - der polnische Ehemann in Brüssel und Eltern und Schwester in Athen - hat sich gewöhnt an das Sprachgenie. Doch so recht teilen kann Ikonomou seine Leidenschaft nicht. Seinen Freunden berichte er beispielsweise von seiner Reise nach Mexiko, aber nicht von seiner Freude im dortigen Museum für Anthropologie. "Ich fühle mich ganz einsam, aber das habe ich akzeptiert, das nehme ich an", sagt er. "Und wenn ich andere vielsprachige Leute treffe, interessieren sie sich vielleicht für Dinge, für die ich mich kaum interessiere, zum Beispiel nur für das Sprachenlernen."

Nur die Sprache ist ihm zu "langweilig". Die Poesie altiranischer Sprachen, Tolstoi und Dostojewski im russischen Original, die Lebensweisen des Hinduismus: "Für mich gehören Sprachen und Zivilisationen zusammen." Ikonomou bezeichnet sich als Atheist. "Aber ich haben einen enormen Respekt vor Religionen." Als nächstes will der Grieche Amharisch, die Amtssprache Äthiopiens lernen. "Ich liebe das Land, die Kultur, und das äthiopische Essen." Nach Hebräisch sei es "eine weitere semitische Sprache, deshalb lohnt es sich für mich".

Seinem Job bei der EU will Ikonomou treu bleiben. "Unser gemeinsames Europa zu bauen ist etwas Tolles", schwärmt er. "Auch wenn die Texte, die ich übersetze, eher trocken und langweilig sein können - das ist Demokratie, dass jeder EU-Bürger in seiner Sprache die Gesetzgebung der EU finden kann." In Planung ist indes ein Buch: "Ich will über alte Zivilisationen schreiben, Altägyptisch oder die Gnostischen Evangelien haben mich fasziniert. Nicht über Sprachen, aber über das, was diese Sprachen mir beigebracht haben."

Quelle: ntv.de, Dorothe Junkers, dpa

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