Panorama

Der Schrecken von Winnenden in 3D Eltern durchleben die Tat

30.09.2010, 15:55 Uhr

Warum tun sie sich das an? Wieder und wieder hören die Hinterbliebenen der Opfer des Amoklaufs von Winnenden am Landgericht Stuttgart die grausamen Details der Bluttat. Am Donnerstag gab es 3D-Animationen aus den Klassenzimmern.

Tim-K
Kreidespuren zeigen den Umriss des Amokläufers Tim K. vor einem Autohaus in Wendlingen am Neckar, wo er sich er sich selbst erschoss. (Foto: picture alliance / dpa)

Welchen Weg ging Amokläufer Tim K. am 11. März 2009 in Winnenden und Wendlingen? Wohin schoss er? Wo lagen die Leichen? Wo die Patronenhülsen? Für den Prozess gegen den Vater des Amokläufers am Stuttgarter Landgericht haben Experten des Landeskriminalamts den Verlauf der Tat in einer 3D-Animation rekonstruiert.

Wieder durchleben Eltern, Geschwister und Freundinnen der Opfer im Gerichtssaal die schreckliche Tat. Wieder schütteln sie ihre Köpfe, wieder kämpfen sie mit den Tränen. Aber: "Ich fühle mich verpflichtet, hier zu sein, und meine Nicole zu vertreten", sagt eine Mutter, die am 11. März 2009 ihre Tochter verlor.

Farbige Animation

Mit Rücksicht auf die Hinterbliebenen wurden Schüler und Lehrer als Dummys dargestellt: Rot markiert die Toten, gelb die Verletzten, grau die Überlebenden. Auch die Schussbahnen sind in unterschiedlichen Farben dargestellt, je nachdem ob die Kugel vom Amokläufer oder von der Polizei abgefeuert wurde. "Das ist kein Voyeurismus", betont der Vorsitzende Richter Reiner Skujat, das Gericht erhoffe sich Erkenntnisse darüber, ob der Amokläufer seine Opfer gezielt mordete oder zufällig auswählte.

Die Mitarbeiterin zeichnet den Weg des Amokläufers bis ins Detail nach: Sein Gang ins Klassenzimmer 305, die Leichen dort, die Schüsse auf Lehrerinnen im Flur, die Toten und Verletzten im Klassenzimmer 301 und im Chemieraum. Eine ähnliche Animation gibt es aus dem Autohaus in Wendlingen, wo der Täter weiter mordete und der Amoklauf schließlich sein Ende fand.

"Schlimmer vorgestellt"

Aktionsbuendnis-Winnenden
Caption Carlos Bolesch, der stellvertretende Vorstand und Pressesprecher des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden präsentiert vor dem Landtgericht in Stuttgart einen Anstecker, mit dem das Aktionsbündnis gegen Waffen demonstriert. (Foto: picture alliance / dpa)

"Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt", sagt die Schwester einer getöteten Schülerin. Befürchtet hatte sie eine videoähnliche Darstellung der Abläufe. Fragen nach den letzten Sekunden im Leben ihrer Schwester konnten ihr die Experten aber nicht beantworten. Stand sie, als sie getroffen wurde? Hat sie sich noch einmal aufgerichtet?

Einfach da sein, das ist für eine Opfermutter im Prozess das Wichtigste: "Es ist für mich eine Erleichterung, dass der Staat das in die Hand nimmt und Erklärungen sucht." Was läuft falsch in unserer Gesellschaft? "Wir sind doch nicht in Afghanistan. Meine Tochter war doch kein Soldat. Sie wollte Zahnärztin werden." Sucht sie nach Antwort auf die Frage, warum es gerade ihre Tochter traf? "Die Frage stellt sich mir nicht. Jedes Kind ist doch für seine Eltern der wichtigste Teil im Leben."

Vater des Täters regungslos

Einmal mehr nach außen regungslos nahm der Vater des Amokläufers die 3D-Darstellungen im Saal zur Kenntnis. Er muss sich in dem außergewöhnlichen Prozess vor Gericht verantworten, weil er die Tatwaffe unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrt und laut Staatsanwaltschaft damit den Amoklauf erst möglich gemacht hat.

Beim Amoklauf in Winnenden und Wendlingen hatte sein Sohn insgesamt 15 Menschen und sich selbst erschossen. Sollte der Vater wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen und fahrlässiger Körperverletzung in 14 Fällen verurteilt werden, droht ihm eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren. Bisher lautet die Anklage aber nur auf Verstoß gegen das Waffengesetz.

Quelle: Roland Böhm, dpa