Panorama

Stasi-Opfer wegen der LiebeEx-Häftling gibt Führungen

06.11.2009, 11:31 Uhr
Gedenkstaette-Hohenschoenhausen
Zelle in der Untersuchungshaftanstalt der DDR-Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Er wollte in den Westen - aus Liebe. Mario Röllig wurde gefasst und verschwand hinter Gittern in Hohenschönhausen. Noch heute ist er da - als Kämpfer gegen das Vergessen.

Der Mauerfall vor 20 Jahren hat Mario Röllig erst einmal mit Bitterkeit erfüllt; heute sieht es das einstige Stasi-Opfer als seine Aufgabe, vom Leben hinter dem Eisernen Vorhang zu berichten. In der heutigen Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen führt Röllig vor allem junge Leute durch den berüchtigten Knast der DDR-Staatssicherheit. Dort saß er 1987 als 19-Jähriger ein. Er hatte versucht, aus dem Land zu fliehen - aus Liebe.

Drei Monate verbrachte der sportlich wirkende Röllig damals in Hohenschönhausen. Diese Zeit hat ihn geprägt. Ungarische Grenzer hatten ihn in letzter Minute gestoppt und an die DDR-Behörden ausgeliefert. Wo er danach war, wusste er zunächst nicht. Das zentrale Untersuchungsgefängnis der Stasi lag in einem Sperrbezirk und war auf dem Berliner Stadtplan nicht verzeichnet. "In den 80er Jahren hatten wir keine Angst mehr, erschossen zu werden - aber wahnsinnige Angst, vergessen zu werden", sagt Mario Röllig.

Täter wollen Schließung der Gedenkstätte

Er selbst kann den Aufenthalt hier nicht vergessen - die stickige Einzelzelle, die schier endlosen Verhöre, um Aussagen von ihm zu erpressen. Die täglichen Schikanen und Erniedrigungen. Den viel zu kurzen Hofgang in einem Käfig aus Beton. Damit auch andere Menschen die Schrecken der Stasi nicht einfach ausblenden, kommt er immer wieder. Tausende Besucher haben er und mehr als 30 weitere Ex-Häftlinge in den vergangenen Jahren durch die weitläufige Anstalt geführt. Ein ähnliches Konzept gibt es nach Rölligs Worten nur noch auf Robben Island in Südafrika.

Gedenkstaette-Hohenschoenhausen2
Über 30 Ex-Häftlinge geben heute Führungen in der Gedenkstätte Hohenschönhausen. (Foto: picture-alliance/ dpa)

"Bis heute ist es so, dass die Täter lieber die Schließung dieser Gedenkstätte wollten", berichtet Röllig. "Wir werden immer noch als Klassenfeinde, als Lügner, als Hetzer bezeichnet." Und die friedliche Revolution von 1989 gelte Hohenschönhausen, in unmittelbarer Umgebung des Knastes, weiter "als Konterrevolution, vom Klassenfeind organisiert". Er selbst wurde 1988 von der Bundesrepublik freigekauft. Den Mauerfall erlebte er zunächst nicht gerade als Befreiung - schließlich kamen nun auch die Leute, vor denen er geflohen war, "in mein heiles West-Berlin". Dann kam die Freude über die Einheit hinzu.

Dieselben Fehler wie nach dem Zweiten Weltkrieg

Eigentlich wollte sich Röllig nach dem Mauerfall aus der Politik raushalten, um nicht vom Hass überwältigt zu werden. Doch so ganz schafft er das mit der Zurückhaltung nicht: In der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) wird er immer wieder mit den Tätern von einst konfrontiert. Und es ärgert ihn, wie leicht viele von ihnen nach Mauerfall und deutscher Vereinigung wieder auf zentrale Posten gelangt seien - und dass kaum einer der Verantwortlichen juristisch zur Rechenschaft gezogen wurde. "Gleiche Fehler wie nach dem Ende des Nazi-Regimes wurden wieder gemacht", findet er.

Entschuldigungen und immer noch Vorwürfe

Stasi-Mitarbeiter mit weniger wichtigen Funktionen hätten sich bei Führungen schon bei ihm entschuldigt, sagt Mario Röllig. 1999 traf er als Verkäufer in einem Kaufhaus auch einen der Stasi-Offiziere wieder, die ihn damals verhört hatten. Die Szene hätte auch im Oscar-gekrönten Spielfilms "Das Leben der Anderen" spielen können: Der Ex-Geheimpolizist wollte Edel-Zigarren bei ihm kaufen. Statt sich bei Röllig zu entschuldigen, herrschte er ihn an. Er habe wohl immer noch nicht begriffen, dass er damals zu Recht im Gefängnis gesessen habe.

Doch Mario Röllig ist alles andere als begriffsstutzig. Zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall weigert er sich einfach, das Unrecht in Vergessenheit geraten zu lassen, das ihm und anderen im untergangenen Staat DDR widerfahren ist. Er sieht sich zwar selbst als "später Sieger der Geschichte". Doch er hofft weiter auf eine neue Generation von Politikern, die "die Täter von damals aus ihren Positionen jagt".

Quelle: Reinolf Reis, AFP