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"Eine arme Kirche für die Armen" Franziskus will die Kirche radikal erneuern

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Franziskus befürwortet eine Dezentralisierung der Kirche.

(Foto: REUTERS)

Die katholische Kirche steht vor grundlegenden Reformen. Das erste apostolische Lehrschreiben von Papst Franziskus hat es in sich. Der Pontifex will die Kirche grundlegend reformieren und fordert "neue Wege" und "kreative Methoden".

Papst Franziskus hat in seinem ersten apostolischen Lehrschreiben zu weitreichenden Reformen und einer radikalen Öffnung der katholischen Kirche aufgerufen. In dem rund 200 Seiten langen Text fordert Franziskus "neue Wege" und "kreative Methoden". Das herrschende Wirtschaftssystem nennt er "in der Wurzel ungerecht". In seiner "Regierungserklärung" bekräftigt er zugleich die Position der Kirche zur Abtreibung und den Ausschluss von Frauen vom Priesteramt.

Auszüge aus dem Papst-Brief

"Da ich berufen bin, selbst zu leben, was ich von den anderen verlange, muss ich auch an eine Neuausrichtung des Papsttums denken. […] Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen." (32. Absatz)

"Ebenso wie das Gebot „du sollst nicht töten“ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein „Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen“ sagen. Diese Wirtschaft tötet." (53)

"Wo ist dein Bruder, der Sklave? Wo ist der, den du jeden Tag umbringst in der kleinen illegalen Fabrik, im Netz der Prostitution, in den Kindern, die du zum Betteln gebrauchst, in dem, der heimlich arbeiten muss, weil er nicht legalisiert ist? Tun wir nicht, als sei alles in Ordnung! Es gibt viele Arten von Mittäterschaft. Die Frage geht alle an! Dieses mafiöse und perverse Verbrechen hat sich in unseren Städten eingenistet, und die Hände vieler triefen von Blut aufgrund einer bequemen, schweigenden Komplizenschaft." (211)

Den Bischöfen komme bei der Reform der Kirche eine entscheidende Rolle zu. "In diesem Sinn spüre ich die Notwendigkeit, in einer heilsamen Dezentralisierung voranzuschreiten", schreibt Franziskus, der auch eine Reform des Papsttums fordert. Man dürfe keine Angst haben, Dinge anzugehen, die zwar historisch gewachsen seien, aber nicht direkt mit dem Evangelium zusammen hingen.

Mit starken Worte fordert der Papst eine Hinwendung der Kirche zu den sozialen Problemen der Welt: "Mir ist eine ,verbeulte' Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist."

Priestertum soll männlich bleiben

Franziskus versucht zugleich Kontinuität zu seinem Vorgänger Benedikt XVI. zu demonstrieren und zitiert Joseph Ratzinger mit den Worten: Die größte Gefahr sei der "graue Pragmatismus des kirchlichen Alltags, bei dem scheinbar alles mit rechten Dingen zugeht, in Wirklichkeit aber der Glaube verbraucht wird und ins Schäbige absinkt".

Der argentinische Papst unterstreicht die Notwendigkeit, die Verantwortung der Laien für die Kirche zu stärken. Teils durch mangelnde Ausbildung, teils durch "ausufernden Klerikalismus" spielten die Laien nicht die Rolle, die sie spielen sollten. Auch müssten die "Räume für eine wirksamere weibliche Gegenwart in der Kirche noch erweitert werden" vor allem dort, wo die wichtigen Entscheidungen fielen.

Das den Männern vorbehaltene Priestertum stehe dabei nicht zur Diskussion, könne aber Anlass zu Konflikten geben, "wenn die sakramentale Vollmacht zu sehr mit der Macht verwechselt wird". Auch die Jugendlichen müssten eine größere Rolle in der Kirche spielen. "In der Wurzel ungerecht" nennt Papst Franziskus das aktuelle ökonomische System. Diese Form der Wirtschaft töte, denn in ihr herrsche das Gesetz des Stärkeren. Der Mensch sei nur noch als Konsument gefragt, und wer das nicht leisten könne, der werde nicht mehr bloß ausgebeutet, sondern ausgeschlossen, weggeworfen.

Wenig getan haben, um Frauen angemessen zu begleiten"

Diese Kultur des Wegwerfens habe etwas Neues geschaffen. Die Ausgeschlossenen seien nicht Ausgebeutete, sondern "Müll, Abfall". Die Welt lebe in einer neuen Tyrannei des "vergötterten Marktes", die manchmal sichtbar, manchmal virtuell sei. Hier regierten Finanzspekulation, Korruption und Egoismen, die sich etwa in Steuerhinterziehung ausdrückten.

Die Armen seien für die Kirche zuerst eine theologische Kategorie, dann erst eine soziologische oder politische, schrieb Franziskus laut "Radio Vatikan" weiter. "Aus diesem Grund wünsche ich mir eine arme Kirche für die Armen."

Die Kirche werde ihre Einstellung in der Frage der Abtreibung nicht ändern, stellte der Papst klar. Der Schutz des ungeborenen Lebens sei keine Frage der Modernität, der sich die Kirche anpassen müsste. Wahr sei aber auch, "dass wir wenig getan haben, um die Frauen angemessen zu begleiten, die sich in sehr schweren Situationen befinden", etwa nach Vergewaltigungen.

"Baustein für neue Epoche"

Die reformkatholische Bewegung "Wir sind Kirche" hat das Lehrschreiben des Papstes begrüßt, sieht bei Franziskus aber weiteren Handlungsbedarf. "Sein Festhalten am männlichen Priestertum ist für viele enttäuschend", erklärte der Sprecher Christian Weisner.

Dennoch könne das Schreiben aus Rom "ein Baustein für den Anfang einer neuen Kirchenepoche sein". Denn Franziskus erneuere die Kirche, indem er sie an die Ränder der Gesellschaft führe. "Und dabei sieht er keine Unterschiede zwischen den Klerikern und sogenannten 'Laien'. Dieser pastorale Weg wird auf Dauer aber auch die Theologie verändern."

Quelle: n-tv.de, hah/cro/dpa

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