Panorama

Von Kumpels und "Frollegen"Freundschaften ersetzen vielen die Familie

30.07.2014, 10:21 Uhr
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Stan Laurel (l.) und Oliver Hardy, Kollegen, die Freunde wurden. (Foto: picture-alliance / dpa)

Lange hieß es: Blut ist dicker als Wasser. Doch in Zeiten zerbrechender Ehen, mobiler Arbeitsbiografien und wechselnder Lebensentwürfe rückt ein anderes Verhältnis in den Fokus. Ein Interview über den neuen Wert von Freundschaften.

Lange hieß es: Blut ist dicker als Wasser. Gemeint war, die Familie bildet den entscheidenden Rückhalt. Doch in Zeiten zerbrechender Ehen, mobiler Arbeitsbiografien und immer wieder neuer Lebensentwürfe rückt ein anderes Verhältnis in den Fokus. Manch einem sind Freunde schon die bessere Familie.

n-tv.de: Bei Liebesbeziehungen gibt es oft diesen Punkt, an dem beide sagen: Ab jetzt sind wir zusammen. Gibt es diesen Punkt bei Freundschaften auch?

Susanne Lang: So richtig gibt es diesen Punkt nicht, weil es bei Freundschaften kein Ritual gibt, das vergleichbar mit dem ersten Kuss oder dem ersten Sex wäre. Ich kann nicht einfach beschließen, dass ich mit jemandem befreundet sein möchte und schon gar nicht planen oder berechnen. Das muss der andere auch wollen und es ist ein Prozess. Man freundet sich an und irgendwann ist man befreundet. Oft ist es so, dass man beispielsweise zusammen feiert und dabei abstürzt. Plötzlich ist es unausgesprochen so, dass sich das Verhältnis verändert hat. Man ist sich vertrauter, teilt Gemeinsames, unter Umständen auch Peinliches. Man würde es vielleicht noch nicht Freundschaft nennen, aber die Indizien mehren sich. Die Begrüßungsrituale verändern sich, plötzlich umarmt man sich kurz. Man lädt sich gegenseitig nach Hause ein, aber auch dafür gibt es keine Checkliste. Es kommt eben immer darauf an, womit beide die Freundschaft füllen.

Was erwarten wir von einer Freundschaft, außer Hilfe beim Umzug?

Das ist ja schon mal ganz schön viel. Wir erwarten sicher eine pragmatische Unterstützung im Alltag. Dann gibt es eine Erwartung, die man mit Orientierung beschreiben könnte. Wir leben ja in einer Zeit vieler Wahlmöglichkeiten, man kann oder muss sich dauernd entscheiden. Da kommen Freunde ins Spiel. Ich kann sie einerseits direkt um Rat fragen, ich kann mich aber auch indirekt an ihnen orientieren. Wenn beispielsweise im Freundeskreis viele Leute Kinder haben, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ich auch Kinder haben werde. Man macht das nicht nach, aber man sieht, dass es und wie es geht, und entscheidet sich wahrscheinlicher auch dafür.

Gibt es diesen Einfluss denn auch im Negativen?

In den USA gibt es Netzwerk-Studien, die belegen, dass dicke Freunde auch dick machen. Also: Die ungesunde Lebensweise im Freundeskreis färbt auch ab. Man ist unter Leuten, deren Urteil man schätzt und deren Werte man teilt, und dort ist ein bestimmtes Verhalten akzeptiert. Dann läuft ein Angleichungsprozess ab und man wird beispielsweise dicker.

Ein Freundschaftskriterium ist für viele, ob ich denjenigen nachts wecken und mit meinen Problemen behelligen kann. Ist Freundschaft auch eine Zumutung?

Das ist sicher so. Bei der Recherche für mein Buch bin ich im Zuge dieser Frage auf den Philosophen Immanuel Kant gestoßen. Es ist sicher so, dass man einen guten Freund auch mitten in der Nacht anrufen kann. Aber als guter Freund weiß ich um die Zumutung und muss es nicht zwingend in die Praxis umsetzen. Das ist ja auf eine gewisse Art sehr egoistisch, und ich weiß nicht, ob das lange gut ginge. Es kann also auch ein Zeichen guter Freundschaft sein, dass ich das nicht tue, aber weiß, ich könnte es.

Ist der Freundeskreis inzwischen tatsächlich die bessere Familie und wenn ja, warum?

Unter "besser" darf man sich jetzt nicht das Paradies vorstellen, also ohne Konflikte, aber im Sinne von zeitgemäßer würde ich das schon sagen. Wenn man sich die demografische Entwicklung anschaut, haben viele Menschen keine Kinder mehr. Das familiäre Modell wird brüchiger, damit müssen viele Menschen auf andere Modelle ausweichen. Das ist ein Prozess, der in Gang ist und der möglicherweise irgendwann auch gesellschaftliche Konsequenzen hat.

Welche beispielsweise?

Na, ich habe als Freund nicht die gleichen Rechte wie als Familienangehöriger, wenn es beispielsweise um Krankenbesuche oder so etwas geht. Das ist vielleicht künftig eine politische Aufgabe, dass Freunde da mehr Rechte bekommen. Vieles, was heute unter Patchworkfamilie läuft, ist das enge Zusammenleben von Menschen in familienähnlichen Verhältnissen, die nicht miteinander blutsverwandt sind. Man könnte das auch freundschaftliches Zusammenleben nennen.

In Ihrem Buch werden Freundschaften unter Frauen oft als Klagebündnis beschrieben, Freundschaften unter Männern als Treuebündnis. Ist das wirklich noch so?

Das fußt natürlich ein bisschen auf einem Klischee und ich hätte es gern anders, aber ich fürchte, dass da noch viel Wahres dran ist. Bei Frauen lösen Konkurrenzsituationen meist Neid und selten Ansporn aus. Meist ist der Austausch über Probleme wichtig und das Gefühl, die andere kann einen verstehen, weil es ihr genauso geht. Die Freundschaften unter Männern werden hingegen oft unterschätzt. So wie die Männerbilder brüchiger werden, werden auch die Männerfreundschaften komplexer.

Wie ist es mit der Freundschaft zwischen Frauen und Männern - gilt da noch die alte Harry-und-Sally-Weisheit, dass sie unmöglich ist?

Meiner Erfahrung nach nicht mehr. Die meisten sagen, das geht. Das braucht sicher eine Weile, zu sagen, wir sind jetzt befreundet und schließen eine Liebesbeziehung aus. Aber manchmal ist das auch gar kein Thema, das ist dann eine ähnliche Ebene wie zwischen Bruder und Schwester. 30 Prozent der Mann-Frau-Freundschaften gehen aus Liebesbeziehungen hervor. Man kann sich da Elternpaare vorstellen, die sich nach der Trennung noch gemeinsam um die Kinder kümmern und sowieso einen gemeinsamen Freundeskreis hatten und sich auch nicht bekriegen möchten. Die werden dann Freunde.

Wie viele gute Freunde kann man haben?

In Umfragen ergibt sich immer ein Wert von drei bis vier. Das heißt aber nicht, dass es immer die gleichen drei oder vier sein müssen. Wenn sich die Lebenswelt ändert, wird aus einem Bekannten vielleicht ein Freund oder ein guter Freund wird ein etwas weniger guter. Mehr intensive Freundschaften zu pflegen, würde wahrscheinlich auch den Rahmen menschlicher Kapazität sprengen.

In welchem Alter schließt man die am längsten anhaltenden Freundschaften?

Ich bin mal gespannt, wie sich das künftig unter den sogenannten Silver Agern entwickelt, die mit zunehmendem Alter und weniger Arbeit wieder mehr Zeit haben, auch für soziale Beziehungen. Ansonsten sind es Kindesalter und Jugend, weil man da am meisten Zeit mit anderen Menschen verbringt. Und Zeit ist ein Faktor, den Freundschaften einfach brauchen. Nicht umsonst ist die Zeit zwischen 30 und 40 so schwierig, um neue Freundschaften zu schließen. Man bekommt Kinder, macht wichtige Karriereschritte, pflegt die schon vorhandenen Freundschaften, da ist kaum noch Zeit für mehr.

Ist das ein Grund, warum dann aus Kollegen Frollegen, also befreundete Miteinanderarbeiter werden?

Mit Sicherheit. Man sieht sie jeden Tag, man lernt sich gut kennen, auch in Stresssituationen. Das ist sehr menschlich, dass sich da etwas wie Freundschaft entwickelt. Was ich problematisch finde, ist, wenn Arbeitgeber das gezielt noch forcieren. Das empfinde ich als grenzwertige Instrumentalisierung.

Was machen die sozialen Netzwerke mit der Freundschaft?

Es gibt da eine sehr kulturpessimistische Lesart dieser Freundschaften im Netz: dass sie einen Verfall der Sozialbeziehungen darstellten. Ich glaube, dass vielmehr eine Freundschaftsart hinzugekommen ist, die eine neue Form der Geselligkeit bietet. Gerade für zurückhaltendere Menschen ergibt sich bei Online-Freundschaften erstmal ein geschützter Raum, in dem sie leichter agieren können, als beispielsweise auf einer Party. Aber selbst bei reinen Onlinefreundschaften treffen sich die Menschen oft irgendwann persönlich, das belegen US-Studien. Vor allem wenn die Freundschaften tiefer gehen, kommen sie ohne den Face-to-Face-Anteil nicht aus. Und für viele bestehende Freundschaften ist es einfach eine gute Form, um auch mit wenig Zeit in Kontakt zu bleiben. Man bleibt immer auf dem Laufenden und teilt auf diese Weise weiter ein Stück Lebenswelt miteinander.

Woran zerbrechen Freundschaften?

Die klassischen Freundschaftskiller sind Kinder, Arbeitslosigkeit, aber auch Wohnort- oder Arbeitsplatzwechsel. Wenn sich die Lebensumstände existenziell ändern, dann kommt vielen Freundschaften die Basis abhanden. Oft treten Neid, Scham oder Kontaktarmut auf. Bei engen Freundschaften kann aber auch ein Vertrauensbruch irreparabel sein. Zu Recht, wie ich finde, da unterscheiden sich dann Freundschaft und Liebe doch nicht so sehr.

Mit Susanne Lang sprach Solveig Bach

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Quelle: ntv.de