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"Freimaurer kennen kein Dogma" Geheimbund lüftet Geheimnisse

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Beim Aufnahmeritual der Freimaurer spielen Kerze und Stundenglas als Zeichen der Vergänglichkeit und Totenschädel als Symbol der eigenen Sterblichkeit eine Rolle.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Um die Geheimbünde der Freimaurer spinnen sich viele Legenden. Sind sie es, die insgeheim die Welt regieren? Was treiben diese exklusiven Zirkel hinter verschlossenen Türen? Im n-tv.de Interview schlägt Rüdiger Templin, Chef der deutschen Freimaurer, zum 275. Jubiläum der Organisation einen neuen Ton an: "Wir wollen uns zur Gesellschaft öffnen."

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n-tv.de: Herr Templin, es war überraschend leicht, ein Interview mit Ihnen zu vereinbaren.

Rüdiger Templin: Wieso? Wir machen gerade eine ganze Reihe Interviews im Zusammenhang mit unserem Jubiläum im Herbst.

Dabei gelten die Freimaurer vielen doch als verschlossene, fast schon sektiererische Vereinigung.

Das ist leider ein weit verbreitetes Vorurteil. In meiner Amtszeit als Großmeister des Dachverbands der deutschen Freimaurer habe ich die Leitlinie ausgegeben: Wir wollen uns zur Gesellschaft öffnen. Mit unserer neuen "Initiative für mehr Menschlichkeit im Alltag" möchten wir den Bürgerinnen und Bürgern ein Gesprächsangebot machen. Wir sind ansprechbar und stellen uns gerne den Fragen.

Zur Person: Rüdiger Templin

Rüdiger Templin ist seit 2009 Großmeister und damit oberster Repräsentant der Vereinigten Großlogen von Deutschland (VGLvD) . Damit steht Templin rund 14.000 Brüdern vor. Templin ist 1940 in Greifswald geboren, studierte dort Medizin. In den 80er Jahren war er Gastprofessor in Santiago de Cuba und Havanna, später Professor für Urologie in Rostock. Zwischen 1997 und 2005 arbeitete er als leitender Chefarzt einer Rehabilitationsklinik an der Müritz. Freimaurer ist Templin seit 1992.

Also, Ihre Chance: Was sind Sie? Rücken Sie doch mal das Bild gerade.

Wir sind ein weltweit organisierter Verein, der seit 1717 in Großlogen zusammengefasst wird. Wir sehen uns als Bewahrer ethischer Werte. Gerade heute ist das notwendiger denn je. Denken Sie an Millionen-Bonuszahlungen für Manager, während andere am Existenzminimum kratzen. Jedes siebte Kind in Deutschland lebt unterhalb der Armutsgrenze. Da gibt es eine Schieflage und einen Werteverfall, den muss man offen ansprechen. Den Kern der Freimaurerei bildet jedoch die Persönlichkeitsentwicklung. Ein englischer Bruder hat es einmal so ausgedrückt: "to make good men better". In den Logen treffen sich Menschen, die an sich selbst arbeiten wollen. Ich möchte meinen, dass die Freimaurerei eine günstige und effektive Form der Persönlichkeitsentwicklung ist, vielleicht die effektivste, die es gibt. Jedem Manager möchte ich zurufen: Du kannst das viele Geld sparen, das du bei all diesen kommerziellen Kursen ausgibst.

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In den meisten Freimaurer-Logen steigen die Mitglieder auf dem Weg der moralisch-geistigen Selbstfindung vom Lehrling über dem Status des Gesellen zum Meister auf.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wie läuft das mit der Persönlichkeitsbildung? Was passiert da genau, wenn Sie sich in einer Loge treffen?

Es gibt drei unterschiedliche Arten von Treffen in der Loge. Zum einen komplett öffentliche Veranstaltungen, zu denen eingeladen wird, meist auch angekündigt in Tageszeitungen. Da gibt es Gelegenheit zum Gedankenaustausch mit Freimaurern. Das ist ein Zeichen der Öffnung zur Gesellschaft. Die zweite Form ist, dass wir unter uns - die Brüder, wie wir uns nennen - Themen und Werte diskutieren und unsere individuellen Positionen dazu austauschen. Die dritte Form sind die immer wieder in den Medien und in der Öffentlichkeit als Reizpunkt dargestellten internen Treffen im Tempel zu den rituellen Arbeiten in unserer Freimaurer-Bekleidung.

Was passiert in den Tempeln?

Das sind Wechselgespräche, die zur Selbstreflektion anregen, also mit erzieherischem Wert. Sie laufen wie ein Theaterstück ab, in einem Wechselspiel mit verteilten Rollen. Hier geht es dann um Humanität, das menschliche Miteinander, die Position des Einzelnen in der Gemeinschaft.

Wer erzieht dabei wen?

Es gibt keinen Lehrmeister oder Vorbeter. Wir sind ja keine Kirche, in der etwas indoktriniert wird. Für eine gewisse Amtszeit wird jemand bestimmt, der zu ethischen Themen Reden ausarbeitet. Das setzt ein recht hohes ethisches und philosophisches Niveau voraus. Über diesen Vortrag kann innerhalb der rituellen Arbeiten zwar nicht diskutiert werden, wohl aber im Rahmen der sich zumeist anschließenden Beratungen, bei denen wir dann intern zusammen sind. Da geht es um Fragen wie: Trifft mich das? Habe ich diesen Standpunkt auch? Ist das überhaupt richtig? Es gibt in der Freimaurerei - das Wort frei steckt ja schon drin - keine Dogmen. Jeder kann sich verhalten, wie es sein freier Wille ist. Wer zu uns stoßen möchte, muss ein freier Mann von gutem Ruf sein.

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Der Zirkel als Freimaurer-Erkennungszeichen entstammt der Welt der Steinmetze. Er versinnbildlicht Mäßigung und umfassende Liebe.

(Foto: REUTERS)

Was heißt das?

Das ist eine alte Formel. Diese symbolhaften Formulierungen und Gegenstände, die meist aus der Welt der Steinmetze des Mittelalters stammen, verwenden wir für solche selbsterzieherischen Zwecke. In diesem Fall bedeutet das - freier Mann von gutem Ruf -. dass man nicht erpressbar ist, auch wirtschaftlich eigenständig. Man muss zwar kein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, aber man sollte möglichst einen guten Leumund in der Gesellschaft haben.

Wer bewertet das denn? Wie werde ich Freimaurer?

Wenn Sie das wollen, können Sie heutzutage ins Internet gehen und sich dort eine Loge in Ihrer Heimatstadt oder Umgebung heraussuchen. Und dann kommen Sie zu einem der öffentlichen Treffen. Dann werden Sie sehen, ob das etwas ist, das Ihren höheren Ansprüchen an Bildung und Selbstbildung entsprechen könnte. Und die Freimaurer werden ebenso Sie prüfen. Wenn die Chemie stimmt, bekommen Sie einen Bürgen. Oft ist es aber auch so, dass es einen Freimaurer gibt, der Ihnen einen Rat gibt und sagt, du kannst da mal hingehen.

Und dann bin ich aufgenommen?

Nicht ganz. Nach einer gewissen Zeit der Bewährung und der Prüfung, auch des familiären Umfelds, ergibt sich das Urteil: Hängt der Haussegen schief oder ist alles in Ordnung? Ist das der Mann, den wir uns erhoffen, der dann bei uns auch Aufgaben übernehmen kann? Daraufhin läuft eine Prüfung, eine einfache, freie Befragung, ab. Der Suchende, so nennt man das auf Maurerdeutsch, beantwortet, was er von der Freimaurerei erwartet, ob er bereit ist, der freimaurerischen Idee zu dienen - damit ist außer normalen Beiträgen nichts Besonderes gemeint. Aber eben schon das erkennbare Vorhaben, an sich selbst arbeiten zu wollen.

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Die meisten Freimaurer-Logen sind reine Männerveranstaltungen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Frauen sind weitgehend ausgeschlossen. Wird es nicht Zeit für eine Modernisierung?

Tatsächlich gibt es seit 1982 eigene Frauenlogen. Wir halten Kontakt zu diesen Organisationen. Es gibt aber von beiden Seiten nicht den Wunsch, gemeinsame Sitzungen abzuhalten. Das, was wir an uns verbessern wollen, würde dadurch - das können Sie sich ja sicher vorstellen - gestört werden. Man wird abgelenkt.

Es gibt ja die Regel, dass, was innerhalb der Logen passiert, nicht an die Öffentlichkeit getragen werden soll. Wozu dient diese Geheimnistuerei?

Das Wort Geheimnistuerei würde ich eher ersetzen mit dem Ausdruck Diskretion. Wir sind eine diskrete Gesellschaft mitten in der Gesellschaft. Diese hat auch Regeln, wie es sie beispielsweise für Berufsgruppen gibt - Rechtsanwälte, die über ihre Klienten schweigen, weil sie eine Schweigepflicht haben. Oder ich als Arzt werde von meinen Patienten nicht erzählen, wer wann was hatte.

Aber das sind ja gesetzliche Verpflichtungen, die diese Berufsgruppen haben.

Richtig. Aber wir haben auch Regeln, eben unsere internen Spielregeln. Und eine davon ist die der Diskretion. Das mag den einen oder andern stören. Aber wenn ich meinen Brüdern etwas erzähle, dann gehe ich davon aus, dass das nicht in die Öffentlichkeit getragen wird.

Plaudert da nicht doch ab und zu mal jemand?

Ja, es gibt schon solche Nestbeschmutzer mit Profilneurose, die vielleicht auch in der Freimaurerei nicht das gefunden haben, was sie gesucht haben. Und dann treten sie aus.

Dann treten sie aus oder dann werden sie ausgetreten?

Wir haben eine interne Ehrengerichtsbarkeit, wie andere Vereine auch. Wenn es zu Vergehen kommt, die die Ehre eines anderen berühren, dann wird darüber gerichtet. Das übernehmen in der Regel auch professionelle "Bewerter", also Juristen. Und das kann dann auch zum Ausschluss führen.

Aber es ist doch ein Gegensatz: Einerseits wollen Sie sich öffnen und Vorurteile abbauen, andererseits sind die Freimaurer ein sehr geschlossener Zirkel. Können Sie nachvollziehen, dass Ihnen wegen ihrer Vorgaben der Diskretion manche misstrauen?

Ich glaube nicht, dass man uns misstraut, weil wir diskret sind. Ich meine eher, in Deutschland haben wir ein anderes Problem. Vieles davon liegt begründet im antijüdischen und antifreimaurerischen Programm, das durch die Nationalsozialisten seinen Höhepunkt erfahren hatte. Damals wurde verbreitet, Juden und Freimaurer beherrschten die Welt. Noch heute vermutet man in Deutschland hinter unserer Diskretion oft mehr. Das ist natürlich nicht der Fall.

Gibt es über die diskret behandelten Inhalte Ihrer Treffen hinaus kein weiteres "freimaurerisches Geheimnis"?

Das wird häufig kolportiert. Aber, nein, so etwas gibt es nicht. Was damit oft gemeint ist, ist vielleicht das Aufnahmeritual, das sehr emotional und bleibend ist. Über den Ablauf kann man nichts erzählen, man muss es erleben. Ich könnte nur davon berichten, wie es mir ergangen ist. Es ist für jeden das individuelle Erlebnis des feierlichen Rituals der Aufnahme. Was genau passiert, können Sie im Internet und in Schriften, die öffentlich gemacht worden sind, nachlesen. Das wird aber nie dieses einzigartige und subjektive Gefühl, das eigene emotionale Aufnahmeerlebnis wiedergeben können.

Mit Rüdiger Templin sprach Johannes Graf

Quelle: ntv.de