Gesetz und WirklichkeitGeraucht wird immer noch
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft oft eine riesige Lücke. So ist das auch mit dem Rauchverbot in Kneipen. Gequalmt wird immer noch.
Süßer Tabakduft wabert durch das alte Kellergewölbe der "Shisha-Bar" im Zentrum von Lüneburg. An jedem zweiten Tisch blubbert an diesem Abend eine arabische Wasserpfeife. Viele der Gäste, die es sich in den braunen Polstern bequem gemacht haben, rauchen zur sogenannten Shisha auch noch Zigarette. Von einem abgetrennten Raucherraum keine Spur. Dabei gilt in Niedersachsen als einem der ersten Bundesländer seit dem 1. August ein gesetzliches Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden und Gaststätten - zumindest auf dem Papier.
Ein schlechtes Gewissen hat in der "Shisha-Bar" niemand. Schließlich kommen die Leute zum Rauchen her, sagt Azubine Sarah Barth. Sie dreht den Spieß sogar herum: "Das Gesetz ist eine Diskriminierung von Rauchern." Selbstbewusst in der juristischen Auslegung gibt sich Geschäftsführer Alexander Holland: "Das Gesetz sagt ja nicht, dass nicht geraucht werden darf." In seiner Shisha-Bar soll sich erst einmal nichts ändern. Wenn vom 1. November an auch Geldbußen drohen, will Holland die passende Hintertür im Paragrafenwerk finden; vielleicht einen Verein gründen, vielleicht einen Raum abtrennen. "Der Mann vom Ordnungsamt hat gesagt, Vorhänge gehen auch."
Gesetzestreu ist dagegen die "WunderBar", in der gerade eine Rock- Band aus Istanbul spielt. Allerdings ohne diejenigen, die sich mit einer Zigarette vor dem Eingang herumdrücken. Student Matthias ist angesäuert: "Uns ist gleich aufgefallen, dass es nicht nach Rauch riecht." Dabei müsste er noch nicht einmal auf der Straße stehen. Drinnen gibt es ein Atrium samt "Hier geht es zu den bösen Rauchern"-Schild. Artem Jakovlev findet es "ok", dass er nur hier rauchen darf. "In Russland würde das aber nicht passieren, da rauchen so viele Leute", sagt der St. Petersburger.
Frage des Ungehorsams
In Lüneburgs Kneipenviertel, dem Stint, sitzen viele Raucher wegen des guten Wetters draußen. Die Frage des Ungehorsams stellt sich noch nicht zwingend. "Das wird noch was, wenn das kalte Wetter losgeht", prophezeit Wolfgang Lange, der im "Old Dubliner" möglichst nah am Hinterausgang sitzt, um schnell eine rauchen gehen zu können. "Keep On Rockin' In The Free World" schmettert der Gitarrist auf der Bühne. Langes Freund Andreas Thorborg präsentiert sein Nikotinpflaster auf dem linken Oberarm. Für den Kaufmann ist das Rauchverbot willkommener Anlass, die Sucht endlich zu besiegen.
Doch sind nicht alle Stint-Lokale rauchfreie Zone. Am Tresen des "Pons" steigen feine Rauchsäulen in die Höhe. Und in der Kellerdisco "Pesel" werden die Zigaretten mit Ansage angezündet. Am Eingang hat Wirt Willy Hohner demonstrativ sein Manifest angeschlagen: "Was wäre das Pesel ohne Schall und Qualm? Sucht Euch einen anderen Buhmann, ohne uns!"
Auch im 500-Seelen-Dorf Wichmannsburg vor den Toren Lüneburgs geht das Rauchen weiter. Wer das "Fischer's Eck" betritt, klatscht in die Hände und eine von der Decke hängende Hexenpuppe beginnt hysterisch zu lachen. Die Luft ist zum Schneiden, ein lärmender Ventilator in der Wand wird dem Zigarettenqualm nicht Herr. "Wir haben hier eine reine Bierkneipe ohne Essen, da muss man einen Unterschied machen", sagt Wirtin Christa Fischer. Ihr Mann Udo steckt sich hinter dem mit fünf Aschern dekorierten Tresen eine Zigarette zum Bier an. "So lange wir keine Strafe kriegen, machen wir so weiter."
Von Dirk Averesch, dpa